Polizei schaut tatenlos zu

„Zwangs-Corona-Partys“ am Flughafen Memmingen: Fluggast entsetzt über Zustände am Airport

Am Flughafen Memmingen haben sich erneut Szenen abgespielt, die von den geltenden Corona-Schutzmaßnahmen weit entfernt sind. Ein Fluggast berichtet.

Memmingerberg/Unterallgäu - Das Flugzeug hat sanft auf dem Boden aufgesetzt. Die Passagiere sammeln ihr Handgepäck zusammen und machen sich bereit zum Aussteigen. Unter ihnen das Ehepaar Bentler. Sie sind nach ihrem etwa eineinhalbstündigen Flug aus Varna am Memminger Flughafen gelandet. Sie haben in Bulgarien ihren Sohn besucht, der dort Medizin studiert. Mit dem Bus geht es für die beiden zu einem Zelt, in dem schon mehrere Bundespolizisten auf sie warten. Nach einem kurzen Check ihres negativen Corona-PCR-Tests* geht es für das Ehepaar weiter zur Ankunftshalle. Als sich die Schiebetüren öffnen, trifft die beiden jedoch fast der Schlag. (** in den folgenden Absätzen werden die subjektiven Eindrücke des Ehepaars Bentler geschildert. Der Merkur-Redakteur war nicht anwesend.) Menschenmassen dichtgedrängt warten auf ihre Abfertigung. „Da standen gefühlt vier bis fünf Personen auf einem Quadratmeter“, sagt Martin Bentler (60) rückblickend.

Es ist der Tag der Arbeit, doch zu arbeiten scheint hier kaum jemand. Die Menschenmenge nimmt kaum ab. Schlimmer noch - von hinten strömen immer mehr Menschen in die bereits vollgestopfte Halle. Dann werden die Schiebetüren geschlossen. Kein vor und zurück mehr möglich. Nach einer viertel Stunde ist dann der erste Schock überwunden. „Ich dachte, ich bin auf dem Flughafen einer Bananenrepublik gelandet“, erinnert sich der 60-Jährige. Er zückt sein Smartphone und filmt die für ihn unbegreifliche Szenerie.

Flughafen Memmingen: Polizei greift nicht ein und schiebt die Verantwortung weiter

Die Halle, in der Bentler und seine Frau festsitzen, heißt im Flughafen-Jargon Non-Schengen-Einreise-Bereich. Sie umfasst etwa eine Fläche von 120 Quadratmetern. Zugelassene Personenanzahl laut zuständigem Gesundheitsamt Unterallgäu zu diesem Zeitpunkt: 60 Personen. Laut Flughafen sind auf dem Foto, das Bentler an diesem Nachmittag geschossen hat, nur 50 Personen zu sehen. Und das Foto soll bereits rund 80 Prozent des Raums abdecken. Aber selbst bei dieser sehr vorsichtigen Schätzung wären immer noch zu viele Personen in dem Bereich auf engstem Raum zusammengepfercht. Die vorgegebenen 1,50 Meter Abstand zu halten ist ohnehin schon lang nicht mehr möglich.

Nach etwa einer halben Stunde wird es Martin Bentlers Ehefrau, Cornelia Hamm-Bentler, zu viel. Sie quetscht sich an den anderen Gästen vorbei und versucht in Richtung Passkontrolle zu gelangen. Durch einen engen Gang geht es zu den kontrollierenden Beamten der Bundespolizei. Sie spricht den Einsatzleiter der Grenzpolizei, der hinter dem Kontrollschalter mit rund acht weiteren Beamten wartete, an. Gibt sich als Ärztin zu erkennen. Die 58-Jährige arbeitet als Augenärztin in Garching bei München und impft nebenbei im Impfzentrum Bad Tölz-Wolfratshausen gegen Corona*. Sie fragt den Einsatzleiter, ob er nicht zur Gefahrenabwehr eingreifen will und diese „Zwangs-Corona-Party“ auflösen will. Dieser wiegelt ab und sagt, er hätte hinter dem Kontrollbereich keine Befugnisse mehr. Außerdem hätte doch das zuständige Gesundheitsamt die Zustände mehrfach genehmigt.

Flughafen Memmingen: Passagierin hat Angstzustände und Klaustrophobie

Resigniert kehrt Hamm-Bentler zu ihrem Mann zurück. Dort werden die beiden auf eine junge Frau aufmerksam. Sie hat Panik, klaustrophobische Angstzustände. „Sie war kreidebleich“, so Bentler. Sie hatte außerdem große Furcht davor, sich mit Corona* zu infizieren. Die Augenärztin nimmt sich ihr an. Sie bringt sie zu den Kontrollen - erneut durch den viel zu engen Gang. Vom Flughafenpersonal oder den Grenzpolizisten ist nichts zu sehen. Für sie hat das Warten ein Ende - Cornelia Hamm-Bentler kehrt wieder zu ihrem Mann zurück. In einem Schreiben des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West heißt es später: „Darüber hinaus ist der Polizei kein Vorfall bekannt, bei dem eine Frau gesundheitliche Probleme erlitten hat.“

Der Gang zur Passkontrolle verengt sich stark - Abstand halten ist hier kaum noch möglich.

Während der 60-Jährige auf seine Frau wartet, fällt Bentler ein weiteres Detail auf, das ihm sauer aufstößt. An der Decke des Raums drehen sich mehrere Ventilatoren. Er kann jedoch keine Belüftungsschlitze oder Luftschächte erkennen. „Die sperren uns in Corona-Zeiten in einen viel zu engen Raum und haben lediglich diese Mief-Quirls für den Luftaustausch. Die verteilen die Aerosole ja noch, anstatt die Luft auszutauschen“, ärgert sich Bentler. Der Flughafen gibt jedoch auf Nachfrage an, dass es in dem Ankunftsbereich „eine automatisierte Frischluftzufuhr durch moderne Lüftungsanlagen“ gebe. Der Luftaustausch in den Gebäuden läge sogar deutlich über dem von der Kommission Innenraumlufthygiene (IRK) empfohlenen Wert.

Flughafen Memmingen: Polizei versucht ihr Vorgehen zu rechtfertigen

Als dann das Ehepaar Bentler nach ungefähr einer Stunde selbst bei der Passkontrolle ankommt, will der 60-Jährige es nicht auf sich beruhen lassen und spricht den Einsatzleiter der Grenzpolizei selbst noch einmal an. Er fragte ihn wie seine Frau, warum er denn nicht eingreife, wenn er eine offensichtliche Gefahrensituation sehen würde. Daraufhin soll ihn der Polizist angebrüllt haben, wer er denn glaube zu sein. Dass ihn schon die Frage aufrege. Und dass ihn das nichts anginge. „Eine bizarre Situation“, resümiert Bentler. Dann fügte der Beamte noch hinzu, warum er denn überhaupt reise, wenn es ihm zu eng zu gehe. „Sowas habe ich noch nie erlebt“, fasst der 60-Jährige zusammen.

In der Stellungnahme der Polizei heißt es weiter, dass man zwar für die „Einhaltung der Vorschriften nach Corona-Einreise-Verordnung“ zuständig ist, aber dies umfasse vornehmlich die Anmeldepflicht, die Kontrolle der Testnachweise sowie die Absonderungspflicht. Für die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln seien grundsätzlich der Flughafenbetreiber und seine Mitarbeiter zuständig.

Zur Situation mit Herrn Bentler schreibt man. „Die Polizei nimmt die Anliegen der Reisenden ernst und wird immer am Einzelfall orientiert nach Lösungen, mit den jeweils Verantwortlichen, suchen, um die Situation der Reisenden zu verbessern und ggf. bei Verstößen auch einzuschreiten.“ Man scheint aber bei der Polizei ungehalten von dem Auftreten des 60-Jährigen gewesen zu sein, denn in einem weiteren Satz heißt es: „Es darf aber in diesem Zusammenhang auch von den Reisenden ein Mindestmaß an höflichem Umgang mit den Beamtinnen und Beamten vorausgesetzt werden.“

Flughafen Memmingen: Gesundheitsamt und Airport reagieren

Nach dem unschönen Erlebnis am Flughafen Memmingen kontaktierte Martin Bentler selbst das zuständige Gesundheitsamt Unterallgäu. Dort nahm man die Beschwerde des 60-Jährigen offenbar sehr ernst und ordnete eine Ortsbegehung für den 5. Mai an. Das Fazit der Begutachtung lautet anschließend wie folgt: „Nach dem jüngsten Vorfall wurde die Zahl der Personen, die sich im besagten Wartebereich aufhalten dürfen, nochmals von 60 auf 40 reduziert. Zudem hat der Airport-Betreiber mittlerweile Zelte aufgestellt, um die Situation auch bei schlechtem Wetter zu entschärfen.“ Außerdem habe man sich, laut dem Gespräch Bentlers mit der Behörde, darauf verlassen, dass die bayerische Grenzpolizei die Umsetzung der Vorlagen des Landratsamts kontrolliert und gegebenenfalls eingreift.

Solche Leichtbauhallen sollen den Strom an ankommenden Passagieren entzerren.

Und auch der Flughafen Memmingen hat endlich reagiert. Man muss endlich sagen, denn schon im Januar spielten sich ähnliche Szenen am Airport ab. Nun will man mit Leichtbauhallen - es gibt drei davon (einmal 600 qm2, zweimal 300 qm2) - die Ankunftssituation der Passagiere verbessern und die vorgegebenen 40 Personen im Non-Schengen-Bereich gewährleisten. „Die Hallen werden „für die Einreise eines jeden Flugzeugs genutzt“, heißt es vom Flughafen.

Das Ehepaar Bentler freut sich, dass sich aufgrund ihrer Beschwerde etwas getan hat - auch wenn der Schock über das Erlebte noch tief sitzt. Für den 60-Jährigen ist es unverständlich, wie „das im Corona-Vorzeigeland Bayern immer wieder zugelassen werden konnte und nicht final unterbunden wurde“. Zunächst hatte er gehofft, dass es sich „um eine einmalige Panne“ gehandelt hat. Aber nach seinen Recherchen musste er feststellen, dass der Ausnahmefall die Regel zu sein scheint. (tel) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

** 27. Mai: Wir haben uns dazu entschlossen, noch einmal besonders darauf hinzuweisen, dass die Schilderung der Erlebnisse am Flughafen Memmingen am 1. Mai auf der subjektiven Betrachtung des Ehepaars Bentler beruhen. Herr Bentler hat seine Eindrücke mit den beigegüfgten Fotos und dem Video belegt.

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