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Erlanger Stiko-Experte lehnt die allgemeine Impfpflicht ab - er hat eine andere Idee

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Von: Tanja Kipke

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Stiko-Mitglied Professor Christian Bogdan aus Erlangen lehnt eine allgemeine Impfpflicht entschieden ab.
Stiko-Mitglied Professor Christian Bogdan aus Erlangen lehnt eine allgemeine Impfpflicht entschieden ab. © Franziska Männel/dpa

Das Stiko-Mitglied Christian Bogdan vom Uniklinikum Erlangen lehnt eine Impfpflicht entschieden ab. Die Gründe erklärte er Merkur.de.

Erlangen - Allgemeine Impfpflicht Ja oder Nein? Die Meinungen in der Debatte sind gespalten. Momentan sorgt die Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht für Streit. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder* (CSU) hatte angekündigt, die Pflege-Impfpflicht nicht direkt umzusetzen, ihm fehlen klare Regeln zur Umsetzung. Zudem forderte der Freistaat einen Plan vom Bund für die versprochene allgemeine Impfpflicht.

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) Thomas Mertens befürchtet durch die Impfpflicht eine „Spaltung des Gesellschaft“. Professor Christian Bogdan, Direktor des Instituts für Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene an der FAU Erlangen-Nürnberg* und am Universitätsklinikum Erlangen, sieht das ähnlich. Er ist seit 2011 Mitglied der Stiko und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und lehnt eine allgemeine Impfpflicht entschieden ab. Seine Gründe legte er auf Nachfrage von Merkur.de dar. Stattdessen plädiert er für mehr Aufklärung und Transparenz und für eine Reduktion des Drucks auf Menschen, die derzeit noch Zweifel an der Corona-Impfung haben, um so deren Impfbereitschaft zu fördern.

Erlanger Stiko-Mitglied lehnt Impfpflicht ab - „Impfquote nicht so schlecht“

Nach Bogdans Ansicht ist eine Impfpflicht nur dann zu rechtfertigen, wenn alle „in ähnlicher Weise durch SARS-CoV-2- gefährdet wären und in vergleichbarem Umfang von der Impfung profitieren“ würden. Das sei jedoch nicht der Fall. Das „Nutzen-Risiko-Verhältnis“ einer Corona*-Impfung sei für verschiedene Altersgruppen sowie für Menschen mit und oder Grunderkrankung unterschiedlich. Es sei auch nach wie vor nicht bekannt, wie lange der Schutz einer vollständigen Immunisierung anhält und ob die Impfung auch bei zukünftigen Varianten von SARS-CoV-2 wirksam ist. „Ergo ist derzeit nicht klar, welche Impffrequenz mit einer verordneten Impfpflicht einhergehen muss“, erklärt der Facharzt.

Auch die Impfquote nennt Bogdan als Grund. „Die Impfquote ist in Deutschland nicht so schlecht, wie es oft dargestellt wird.“ Bei den Über-60-Jährigen seien 88,3 Prozent grundimmunisiert und über 75 Prozent bereits geboostert.  Betrachtet man alle über 18-Jährigen, liege die Rate der gegen Corona grundimmunisierten Personen bei 84 Prozent. Nicht alle Ungeimpften dürften zudem als ungeschützt betrachtet werden, da sich unter ihnen auch Menschen mit einer oder sogar mehreren durchgemachten Corona-Infektionen befinden.

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Video: Jetzt doch: Söder will Impfpflicht früher umsetzen

Erlanger Professor: „Impfpflicht nur ratsam, wenn Infektionserreger ausgerottet werden kann“

Eine generelle Impfpflicht sei dann besonders sinnvoll, wenn ein Infektionserreger nicht nur potenziell sehr gefährlich ist, sondern auch ausgerottet werden kann. Bedeutet: Das Virus müsse antigenetisch, das heißt im Hinblick auf seine immunstimulierenden Proteine stabil sein und es dürfte kein tierisches Reservoir für das Virus geben. Beides trifft laut Bogdan auf SARS-CoV-2 nicht zu.

„Überzeugte Impfverweigerer werden sich auch durch eine Impfpflicht nicht von der Sinnhaftigkeit einer Impfung überzeugen lassen“, gibt er zu bedenken. Zur Umsetzung der Impfpflicht schreibt er: „Im Moment erscheint es sehr fraglich, dass der hierzu nötige administrative Aufwand in einer Relation zum Nutzen steht.“

Ein Hauptargument ist in den letzten Wochen auch die Omikron-Welle gewesen. Für sie komme die Impfpflicht jedoch „ohnehin zu spät“. Für mögliche Infektionswellen im kommenden Herbst und Winter hält das Stiko-Mitglied eine erneute Impfkampagne im Frühsommer für ausreichend. Bei dieser könnten dann auch weitere, kurz vor der Zulassung stehende Impfstoffe verfügbar sein.  

„Ohne Zweifel“ würde die Impfpflicht die Spaltung der Gesellschaft fördern, meint Bogdan. „Es ist nicht hilfreich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, alle Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, zur Impfung zu verpflichten und ihnen a priori gedanklich Impfgegnerschaft, Querdenkertum, Coronaverleugnung oder Wissenschaftsignoranz zu unterstellen“, betont Bogdan. Unter den Ungeimpften seien auch Menschen mit „berechtigten Bedenken, Zweifeln, Sorgen und Ängsten“.   

Stiko-Mitglied hat andere Ideen zur Verbesserung der Impfquote

Eine einrichtungsbezogene Corona-Impfpflicht nach dem neuen §20a Infektionsschutzgesetz (IfSG) betrachtet Bogdan hingegen grundsätzlich als „sinnvoll“, weil dadurch vulnerable Patienten oder Bewohner von medizinischen Einrichtungen über die eigene Impfung hinaus einen zusätzlichen Schutz erhalten. Für ihn stelle sich allerdings auch hier die Frage, ob sich der Aufwand lohne. Denn die Impfquote unter dem medizinischen Personal sei im Allgemeinen bereits sehr hoch. Außerdem sei es gerade im Pflegebereich schwierig, qualifiziertes neues Personal zu finden, wenn Ungeimpfte am Ende entlassen werden müssten.

Der beste Weg, jemanden von einer Impfung zu überzeugen, ist laut Bogdan die „ärztliche Impfaufklärung im Einzelgespräch“. Transparenz sei hierbei oberstes Gebot. Man müsse nicht nur den großen Nutzen, sondern offen auch die Restrisiken oder noch unbekannten Aspekte einer Impfung ansprechen.

Bogdan hat zudem noch eine weitere Empfehlung: „Im Übrigen kann man die Impfbereitschaft in unserer Gesellschaft vor allem dadurch verbessern, dass sowohl der mediale als auch der politische und gesellschaftliche Druck auf Ungeimpfte reduziert wird und sie nicht an den Pranger gestellt werden.“ Eine aktive Entscheidung zur Impfung sei mittel- und langfristig wesentlich tragfähiger als eine Impfpflicht, zumal es nicht nur um eine einmalig verordnete Sequenz aus drei Impfungen geht, sondern um die Bereitschaft, sich und andere auch zukünftig durch Impfung zu schützen.  (tkip) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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