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Paradies gesucht, doch die Hölle gefunden: TV-Kritik zu „Terra X – Der Galápagos-Krimi“ (ZDF)

Die aktuelle „Terra „-Folge des ZDF erzählt von einer mörderischen Robinsonade aus den 1930er Jahren.
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Die aktuelle „Terra „-Folge des ZDF erzählt von einer mörderischen Robinsonade aus den 1930er Jahren.

Die aktuelle „Terra“-Folge des ZDF erzählt von einer mörderischen Robinsonade aus den 1930er Jahren.

  • Mörderische Robinsonade aus den 1930er Jahren.
  • Ölmillionär mit Filmkamera im ZDF*
  • Die kurze Filmkarriere der „Baronin“

Ein solcher Beginn würde einem Drehbuchautor postwendend den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit einbringen: Ein Berliner Zahnarzt will als Aussteiger auf eine der südamerikanischen Galápagos-Inseln auswandern und dort in freier Natur leben. Er lässt sich alle Zähne ziehen, um in der Wildnis keine Zahnschmerzen erdulden zu müssen, und ersetzt sie durch ein Gebiss. Begleitet wird er von seiner Geliebten, deren Ehemann wiederum eine Affäre mit der Gattin des Auswanderers unterhält. Kompliziert genug. Ein prächtiges Melodram. Aber die Geschichte beginnt gerade erst.

Terra X – Der Galápagos-Krimi: Es existieren zwei Versionen

Allerdings lassen sich die folgenden Ereignisse kaum mehr nachvollziehen, denn es gab keine neutralen Zeugen. Die Überlebenden präsentierten jeweils eigene Versionen der Geschichte. Der belgische Krimiautor Georges Simenon, Erfinder des Kommissar Maigret, hat zwei Versionen geschrieben, als Zeitungsreporter, der am Ort der Geschehnisse mit Beteiligten sprechen konnte, und als Romancier, in einer fiktionalisierten Form. Denn was sich in den 1930er-Jahren auf der ecuadorianischen Insel Floreana ereignete, ergibt einen veritablen Krimi. Nur wurde der Täter nie ermittelt.

Das einstige Piratennest Floreana war unbewohnt, als Dr. Friedrich Adolf Ritter und seine Lebensgefährtin Dore Strauch das Eiland 1929 betraten. Der Philosoph und Idealist Ritter, ein Nietsche-Anhänger, Vegetarier, Vertreter lebensreformerischer Ideen, hatte, vermutlich als Folge seiner Weltkriegserfahrungen, eine tiefsitzende Abscheu gegen die moderne Zivilisation und seine Mitmenschen entwickelt. Fortan wollte er, wie viele seiner Zeitgenossen, naturnah und ungebunden leben. Wie Adam und Eva im Garten Eden.

Terra X – Der Galápagos-Krimi im ZDF: Schatten im Paradies

Anfangs gelang das Vorhaben. Es gab eine kleine Quelle und Früchte, die durch Lebensmittel aus eigenem Anbau ergänzt wurden. Laut Darstellung der an Multipler Sklerose leidenden Dore Strauch war vor allem sie es, die die tägliche Arbeit verrichtete, während Ritter verklärende Zeitungsberichte über das angeblich idyllische Inselleben verfasste. Mit denen ließ sich Geld verdienen, aber sie machten die Insel weithin bekannt und animierten andere, sich ebenfalls als moderne Robinsons zu versuchen. Die Kölner Familie Wittmer gehörte dazu. Sie suchte der mittlerweile in Deutschland grassierenden Arbeitslosigkeit zu entkommen. Ritter schätzte die Neuankömmlinge nicht, aber man arrangierte sich.

Dann ließ sich eine dritte Partei auf der Insel absetzen. Die sich als Baronin ausgebende Hochstaplerin Eloise Wagner de Bousquet und ihre beiden Liebhaber hatten hochfliegende Pläne. Auf der Insel sollte ein Luxushotel entstehen. Und die herrschsüchtige, mit Waffen ausgerüstete Dame hatte wenig Skrupel, ihre Ziele durchzusetzen. Gewalt hielt Einzug im Paradies, nicht nur von Seiten der falschen Adligen. Friedrich Ritter wird nachgesagt, dass er Dore Strauch misshandelt haben soll. Er starb an einer Vergiftung. Ein Unfall. Vielleicht Rache. Oder Notwehr.

Terra X – Der Galápagos-Krimi: Ölmillionär mit Filmkamera im ZDF

Als Georges Simenon Anfang 1935 die Insel besuchte, hatte es mehr als einen Toten gegeben. Simenon suchte das Vorgefallene zu ergründen und berichtete für die Zeitung „Paris-Soir“. Später erschienen die Artikel zusammengefasst als Buch. In der „Terra X“-Dokumentation „Der Galápagos-Krimi“ (ZDF) nimmt Simenon, von dem Schauspieler Stephen Halliday dargestellt, eine zentrale Rolle ein. Das Geschehen wird aus seiner Warte aufgerollt, ein kluger Zug von Autor und Regisseur Jürgen Stumpfhaus, denn alle, die sich im Laufe der Jahre mit der Galápagos-Affäre befassten, waren auf Simenons Berichte, auf Ritters zeitlebens publizierte Artikel und die sich in manchen Punkten widersprechenden Memoiren der Inselbewohnerinnen Dore Strauch („Satan Came to Eden“) und Margret Wittmer („Postlagernd Floreana“) angewiesen.

Durch einen besonderen Glücksfall gibt es sogar authentische Filmaufnahmen von den Protagonisten. Der philanthropische US-Ölmillionär Captain George Allan Hancock war in Begleitung renommierter Wissenschaftler auf seiner Hochseejacht „Velero III“ in den Gewässern der Galápagos-Inseln unterwegs, um Fauna und Flora zu erkunden. Er gehörte zu den wenigen regelmäßigen Besuchern Floreanas, und er hatte einen Kamermann an Bord. Einige seiner Filmbilder kursierten seinerzeit in den Wochenschauen und trugen weiter dazu bei, das Floreana-Mysterium bekannt zu machen.

Terra X (ZDF) – Der Galápagos-Krimi: Die kurze Filmkarriere der „Baronin“

Über die Jahre wurden viele Bücher über dieses rätselvolle Kapitel geschrieben. Zu den verlässlichsten gehört „The Galápagos Affair“ des Naturwissenschaftlers John E. Treherne, der im Zuge einer Forschungsreise auf die Vorkommnisse stieß und anders als andere Autoren eigene, sehr intensive Recherchen anstellte. Mit „The Galapagos Affair: Satan Came to Eden“ gelangte 2014 ein im Vergleich zur ZDF-Sendung weiter ausgreifender, zweistündiger Dokumentarfilm in die Kinos, der zusätzliche Aspekte ausleuchtet und stärker noch das heutige Leben auf Floreana einbezieht, wo die Nachfahren der Wittmers realisiert haben, was der dubiosen „Baronin“ nicht gelang: Sie haben einen Hotelbetrieb aufgebaut.

Einem Bekannten verdankten die beiden Filmemacher Daniel Geller und Dayna Goldfine den Hinweis auf jenes spektakuläre, der Universität von Kalifornien spendierte und bis dahin unbeachtet gebliebene 16-mm-Filmmaterial, das nun auch in der „Terra X“-Sendung zu sehen ist, darunter Fragmente eines unvollendeten Spielfilms mit der falschen Baronin, bei denen der in einer Karrierekrise steckende Hollywood-Regisseur Emory Johnson Regie führte.

Der Dokumentarfilm mit den prominenten Off-Sprechern Cate Blanchett, Diane Kruger, Sebastian Koch und Thomas Kretschmann ist hierzulande bei diversen Streaming-Anbietern verfügbar. Georges Simenons Romanfassung der Geschehnisse, unter dem Bann der Eindrücke noch während seiner damaligen Reise geschrieben, trägt in Deutschland den Titel „ … die da dürstet“.

Terra X – Der Galapagos-Krimi“, Sonntag, 5.7., 19:30 Uhr, und in der ZDF-Mediathek

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