Haftstrafe und Entzug

27-Jährige greift Nachbar mit Messer und Pfanne an: Urteil am Landgericht Memmingen

Landgericht Memmingen
+
Eine 27-Jährige wurde am Memminger Landgericht verurteilt. Sie hatte ihren Nachbarn mit einem Messer und einer Pfanne angegriffen.
  • VonAnna Müller
    schließen

Memmingen – Seit Ende Februar beschäftigte sich die 1. Strafkammer des Memminger Landgerichts mit dem Fall einer jungen Frau. Sie hat im April des vergangenen Jahres ihren Nachbarn mit einem Messer und einer Pfanne angegriffen. Am Dienstag wurde sie nun verurteilt.

Versuchter Totschlag mit gefährlicher Körperverletzung: So lautete die Anklage. Aber was war passiert? Da waren sich die Zeugen, die im Verfahren befragt wurden, stellenweise auch nicht so ganz sicher. Dennoch kristallisierte sich aus ihren Aussagen und dem Geständnis der Angeklagten, die sich ebenfalls auf Erinnerungslücken berief, ein relativ klares Bild heraus.

Die 27-Jährige lebte im April 2020 gemeinsam mit ihrem Partner in der Obdachlosenunterkunft in Memmingen. Nachdem im Lauf des Tages beide schon einiges an Alkohol getrunken hatten, klopfte der junge Mann nachts lautstark an die Tür einer Nachbarin. In deren Zimmer befand sich auch ihr 31-jähriger - ebenfalls alkoholisierter - Partner, der das Ganze nicht sonderlich witzig fand und dem Ruhestörer zwei Faustschläge verpasste. Die beiden Männer prügelten sich, bis der 31-Jährige laut Zeugenaussagen seinen Kontrahenten auf dem Boden hatte. Damit die Situation nicht noch weiter eskalierte, ging die Angeklagte dazwischen und versuchte, zu schlichten.

Jedoch wurde laut Aussage der 27-Jährigen ihr Nachbar dann auch ihr gegenüber aggressiv, auch von einem versuchten Kopfstoß war während des Prozesses die Rede. Die junge Frau griff nach einem Küchenmesser, das im Zimmer des Nachbarn lag und drohte ihm damit. Nachdem der 31-Jährige sie aufforderte, doch zuzustechen, tat sie genau das: Mindestens dreimal stieß sie ihm das Messer in den Oberkörper. Glücklicherweise traf sie dabei keine Organe, sondern das Brustbein ihres Nachbarn. Er trug nur oberflächliche Verletzungen davon und hat laut Gutachter keine bleibenden körperlichen Schäden erlitten. Die 27-Jährige warf das Messer von sich und der Nachbar ging mit seiner Freundin zurück in deren Zimmer. Die Polizei hatte die Angeklagte übrigens selbst gerufen – laut Aufzeichnung der Leitstelle, weil ihr Nachbar randalieren würde.

Auch eine Bratpfanne war im Spiel. Dass die Angeklagte ihrem Nachbarn damit auf den Hinterkopf geschlagen hat, daran zweifelte am Landgericht niemand. An welchem Punkt der Auseinandersetzung das jedoch passiert ist, da waren sich die Zeugen nicht ganz sicher. Die Angeklagte selbst hatte in ihrem Geständnis erklärt, dass sie sich an den Schlag mit der Pfanne zwar nicht erinnern könne, diesen aber auch nicht leugne. Ihre Verteidigerin, Rechtsanwältin Anja Mack, hielt es für durchaus wahrscheinlich, dass die die Pfanne eingesetzt hatte, um den Nachbarn dazu zu bringen, von ihrem Freund abzulassen.

Im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft sah die Verteidigerin in diesem Fall den Tatbestand des versuchten Totschlags nicht als erfüllt an. Man müsse die Situation „mit normalem Menschenverstand“ betrachten. Ihre Mandantin habe das Messer genommen, um sich zu verteidigen. Wie auch schon der forensische Gutachter erklärt hatte, hätte der Angriff theoretisch tödlich ausgehen können, jedoch wurde der Nachbar nur oberflächlich verletzt und die Angeklagte habe nicht die Absicht gehabt, ihn umzubringen. Sie sei gar nicht davon ausgegangen, dass sie ihn mit dem billigen Küchenmesser überhaupt hätte tödlich verletzen können. Auch habe sie von sich aus aufgehört, auf ihn einzustechen.

„Beispielhaft katastrophal“

In ihrem Plädoyer ging Rechtsanwältin Mack auch auf die Vorgeschichte ihrer Mandantin ein. Sie selbst halte es oft für „abgedroschen, von der schweren Jugend zu sprechen“, so Mack, aber die Biographie der Angeklagten sei „beispielhaft katastrophal“. Wie der psychiatrische Gutachter Dr. Norbert Ormanns berichtet hatte, leidet die 27-Jährige an mehreren schwerwiegenden psychischen Erkrankungen und hat zwei Suizidversuche hinter sich. Durch Erfahrungen aus ihrer Kindheit – darunter auch sexueller Missbrauch – sei sie bis heute „massiv belastet“. Früh kam sie mit Alkohol und Drogen in Kontakt, was sich schnell zur Abhängigkeit entwickelte. Auch vor der Tat hatte sie getrunken und Rauschmittel konsumiert. Und so war laut Gutachter ihre Steuerungsfähigkeit in dieser Nacht zwar nicht komplett aufgehoben, aber dennoch erheblich vermindert.

Das wirkte sich am Ende auch auf das Strafmaß aus. Im Gegensatz zur Verteidigerin schätzte die 1. Strafkammer die Tat als versuchten Totschlag ein und verurteilte die Angeklagte zu drei Jahren und neun Monaten Haft. Zusätzlich ordnete die Kammer die Unterbringung der 27-Jährigen in einer Entzugsanstalt an – und zwar ohne, dass sie zuvor erst noch einen Teil der Haft absitzen muss.

„Äußerst gefährlich“

Die Angeklagte habe ernsthaft mit einem tödlichen Ausgang des Angriffs gerechnet und diesen billigend in Kauf genommen, wie der Vorsitzende Richter Christian Liebhart ausführte. Auch handle es sich bei der Tat bei aller Aggression und Provokation durch den Nachbarn immer noch um eine „äußerst gefährliche Gewalthandlung“. Dass die nicht schlimmer ausging, sei Zufall gewesen. Ein weiterer Punkt: Das Tatmesser hatte sich bei dem Angriff um fast 90 Grad verbogen. Dafür sei „ein erheblicher Kraftaufwand nötig“. Und um zu erkennen, dass so etwas tödlich enden kann, dafür brauche man kein medizinisches Fachwissen. Ebenfalls negativ wirkten sich die Vorstrafen der Angeklagten aus: Neunmal wurde sie bereits verurteilt, unter anderem wegen Körperverletzungsdelikten und Drogenhandel. Auch hatte sie zum Tatzeitpunkt noch zwei offene Bewährungen.

Auch Staatsanwältin Patricia Fink hatte die Unterbringung der Angeklagten in einer Entzugsanstalt gefordert, jedoch mit einer Haftstrafe von fünf Jahren und vier Monaten. (am)

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Memmingen: Keine Freilauffläche für Hunde in der Stadt
MEMMINGEN
Memmingen: Keine Freilauffläche für Hunde in der Stadt
Memmingen: Keine Freilauffläche für Hunde in der Stadt
Es darf endlich wieder MEER sein: Von Memmingen ab auf die Insel
MEMMINGEN
Es darf endlich wieder MEER sein: Von Memmingen ab auf die Insel
Es darf endlich wieder MEER sein: Von Memmingen ab auf die Insel
Echte Notfälle schnell erkennen
MEMMINGEN
Echte Notfälle schnell erkennen
Echte Notfälle schnell erkennen
Test-Station jetzt auch in Bad Grönenbach
MEMMINGEN
Test-Station jetzt auch in Bad Grönenbach
Test-Station jetzt auch in Bad Grönenbach

Kommentare