34-Jähriger wegen versuchten Totschlags verurteilt

Mit Absicht in die Leitplanke gerast

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Am Memminger Landgericht musste sich ein 34-Jähriger wegen versuchten Totschlags verantworten.

Memmingen – Ein 34-Jähriger war vergangenen Sommer mit seinem Auto auf der A 96 absichtlich in eine Leitplanke gerast und hatte dabei auch seine Ex-Freundin verletzt, die mit im Fahrzeug saß. Nun musste er sich in Memmingen vor dem Schwurgericht für diese Tat verantworten.

Der Aichstettener mit türkischen Wurzeln hat am 5. Juni vergangenen Jahres auf Höhe der Autobahnauffahrt Erkheim seinen Wagen mit mindestens 158 km/h in die Leitplanke gesteuert. Seine Ex-Freundin, die auf dem Beifahrersitz saß, hatte er vor diesem Manöver abgeschnallt. Die 24-Jährige überlebte mit einer Platzwunde, Schmerzen im Nacken sowie Prellungen am Rücken, am rechten Bein und an der Hüfte. Außerdem leidet sie seit dem Vorfall an einer posttraumatischen Belastungsstörung und befindet sich deswegen weiterhin in psychologischer Behandlung. 

Der 34-Jährige wurde nun wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und vorsätzlichen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt. Zusätzlich wird ihm der Führerschein entzogen. 

Der Tat war ein heftiger Streit in der Wohnung des Angeklagten vorausgegangen. Dort hatte er die 24-Jährige für rund zwei Stunden gegen ihren Willen festgehalten und sie bedroht. Nachdem der Angeklagte der jungen Frau dann versprochen hatte, sie nach Hause zu fahren, ist der Streit im Auto weiter eskaliert. Die Geschädigte sagte aus, dass ihr Ex-Freund ihr damit gedroht habe, sie nun beide umzubringen. Der 34-Jährige gab an, dass er sich nicht mehr daran erinnern könne, was er alles zu ihr gesagt hatte. Er sei nur wütend gewesen und hätte nicht mehr denken können: „Wenn ich wütend bin, passiert mir nur Scheiß. Deshalb bin ich hier.“ 

Interessant war besonders in Bezug auf diese Aussage der Befund des psychiatrischen Gutachters: Er konnte beim Angeklagten zwar keine psychische Erkrankung feststellen, die eine Strafminderung rechtfertigen würde (siehe Infokasten), attestierte ihm aber eine narzisstische, histrionische und emotional instabile Persönlichkeitsstruktur. Diese zeichne sich durch egozentrisches und theatralisches Verhalten aus. Auch sei ein ausgeprägtes Verlangen nach Anerkennung sowie eine Neigung zu unvorhersehbaren Launen und emotionalen Ausbrüchen vorhanden. Diese Charakterzüge seien dem Gutachter auch am ersten Verhandlungstag aufgefallen. 

Tatsächlich zeigte sich der Angeklagte während seiner Vernehmung als sehr reizbar und schnell in seinem Ego gekränkt. Auf die Fragen des Schwurgerichts nach dem genauen Unfallhergang antwortete er mit „Ich hab das Scheißding gegen die Leitplanke gebrettert, zufrieden?“ Auch über seine Ex-Freundin äußerte er sich mehrmals sehr abfällig. 

Der Gutachter sprach in seinen Ausführungen von einer narzisstischen Kränkung des Angeklagten. Verärgert über das Ende der Beziehung und den Streit mit seiner Ex-Freundin habe dieser den Unfall in einer Art Trotzreaktion herbeigeführt, mit der er die junge Frau für ihr Verhalten hätte bestrafen wollen. Ihren Tod hätte er dabei billigend in Kauf genommen. Der Angeklagte bestritt eine Tötungsabsicht: Er hätte nur einen Weg gesucht, die panische und hyperventilierende Frau zum Schweigen zu bringen. Den Gurt hätte er gelöst, „damit sie die Klappe hält“. 

Die Staatsanwaltschaft und letztendlich auch das Schwurgericht waren da anderer Ansicht. Es sei für den Angeklagten abzusehen gewesen, dass dieses Manöver tödlich hätte ausgehen können. Er hätte in dieser Situation eine Vielzahl an Möglichkeiten gehabt, den Konflikt zu entschärfen. So hätte er von der Autobahn abfahren oder auf dem Seitenstreifen anhalten können. Auch hätte er damit rechnen müssen, dass beide Fahrzeuginsassen bei einen Aufprall mit so hoher Geschwindigkeit hätten sterben können. Er habe letztendlich seinen und vor allem den Tod seiner Ex-Freundin in Kauf genommen, nur, um ihr eine Lektion zu erteilen. (am)

Was sind Persönlichkeitsstörungen?

Es handelt sich dabei um tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen. Sie verkörpern gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu anderen. Solche Verhaltensmuster sind meistens stabil und beziehen sich auf vielfältige Bereiche des Verhaltens und der psychologischen Funktionen. Häufig gehen sie mit einem unterschiedlichen Ausmaß persönlichen Leidens und gestörter sozialer Funktionsfähigkeit einher. 

Der Angeklagte in diesem Fall zeigte zwar eine gewisse Persönlichkeitsausprägung, war aber in seinem Verhalten nicht so stark eingeschränkt, dass er mit einer Persönlichkeitsstörung diagnostiziert werden könnte. 

Quelle: ICD-10/Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information

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