400. Jahrestag des Dreißigjährigen Krieges

Hunger, Krankheit und Gewalt

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Stadtarchivar Christoph Engelhard und Dr. Christa Koepf erläuterten die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges in Memmingen.

Memmingen – Der Fischertagsverein veranstaltete anlässlich des 400. Jahrestages des Beginns des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) eine Gedenkstunde, um die damit einhergehende Verwüstung der Stadt, die erlittene Not und das Leid der Bürger erneut ins Bewusstsein zu rufen.

„Wir erinnern an einen furchtbaren Krieg, der 1618 als Religionskrieg begann und Europa Tod und Zerstörung brachte“, betonte Dekan Christoph Schieder in der Martinskirche. „Der heutige Blick zurück geht auch mitten hinein in unsere Zeit.“ Der Krieg, der mit dem Prager Fenstersturz begann und fortan überall Angst und Schrecken verbreitete, zog sich über 30 lange Jahre hin bis schließlich wieder Frieden einkehrte. „Es war fast unmöglich, zwischen den einzelnen Kriegszielen der verfeindeten Akteure zu unterscheiden“, betonte auch Michael Ruppert, Vorsitzender des Fischertagvereins, dessen Mitglieder das Geschehen alle vier Jahre auf die Bühne bringen. „Wir denken, dass wir damit einen wichtigen Beitrag leisten.“ 

Christoph Engelhard, Vorsitzender des Historischen Vereins, beleuchtete gemeinsam mit Dr. Christa Koepf in einem überaus spannenden Vortrag die Auswirkungen des Geschehens. „Hunderte Memmingerinnen und Memminger starben bei den Kämpfen in der Stadt“, so Dr. Koepf. „In Memmingen stand das protestantische Kirchenwesen auf dem Spiel; es drohte eine Rekatholisierung des einst klösterlichen, jetzt protestantischen Kirchengutes, darunter des Antonierhauses“, sagte Engelhard. 

Engelhard ging ausführlich auf die Kriegswirren ein, in denen die Memminger Bevölkerung damals zurechtkommen musste: „Dreißig Jahre Krieg unterbrachen die so geschätzte Ruhe und Ordnung in der schwäbischen Reichsstadt Memmingen – vor allem, als ab Mitte der 20er Jahre fremde Truppen in und um Memmingen lagerten, darunter die des Generalissimus Albrecht von Wallenstein. Wenig später ergriff der Rat militärische Vorbereitungen, indem er beim Elsbethenkloster ein Zeughaus für die Gerätschaften errichtete und Ordnung in die Stadtverteidigung brachte. Damit nicht genug – hinter den katholischen Aktivitäten witterte der Protestant Sebastian Dochtermann Maßregeln seines verehrten, aber auch strafenden Gottes. Im Mai 1630 richtete Albrecht von Wallenstein in Memmingen sein Armeequartier ein, wie Sebastian Dochtermann schrieb. 

Ins kollektive Gedächtnis der Memminger Bürgerschaft haben sich wenige Jahre später die (drei) Belagerungen eingebrannt, die Memmingen zu durchleiden hatte – erstmals an Weihnachten 1632 durch kaiserliche Truppen unter dem Kommando von General Aldringen. Im April 1634 wurde die Stadt erneut belagert – diesmal von schwedischen Gruppen unter Feldmarschall Horn um schließlich 1647 erneut Kriegsschauplatz zu werden. Kaiserliche und Bayerische Truppen belagerten nun neun Wochen lang die jetzt von den Schweden gehaltene Stadt. Viele Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf – unzählige ihr Leben durch Beschießung, Hunger und Krankheiten“, so Engelhard. 

„Dass dies ein Religionskrieg war, ist uns immer schwergefallen zu glauben“, sagte indes der katholische Dekan Ludwig Waldmüller, der zusammen mit dem emeritierten Pfarrer Rainer Holl auf das Geschehen von damals einging. Es war der Beginn einer neuen Gesellschaftsordnung. Damals sei klar gewesen, dass Staat und Kirche zusammengehörten. Dabei habe der Dreißigjährige Krieg keine eindeutigen Sieger hervorgebracht. 

Oberbürgermeister Manfred Schilder schilderte seine Eindrücke vom kürzlichen Besuch eines Soldatenfriedhofs in der Ukraine, spannte den Bogen vom Königreich Bayern zu der bereits hundertjährigen Demokratiegeschichte des Freistaates und bekräftigte den Wunsch nach immerwährendem Frieden für Europa und die Welt. Mit dem gemeinsamen Segen durch Dekan Waldmüller und Pfarrer Holl endete der offizielle Teil der Gedenkstunde bevor das Ereignis anschließend bei einem kleinen Empfang im Antonierhaus seinen Ausklang fand. Aufschlusssreich gestaltete sich schließlich auch die anschließende Stadtführung durch Stadträtin Sabine Rogg zu den Plätzen der Belagerungsgruppen während dieser Zeit. (jw)

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