Sieben Jahre und neun Monate Haft

62-Jähriger in Memmingen wegen sexuellen Missbrauchs an Stieftochter verurteilt

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Ein Unterallgäuer musste sich wegen sexuellen Missbrauchs am Landgericht Memmingen verantworten. Die nächsten sieben Jahre und neun Monate wird er jetzt im Gefängnis verbringen.

Memmingen - Nach einem dreitägigen Prozess verhängte die große Strafkammer des Landgerichts Memmingen eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und neun Monaten über einen 62-Jährigen Unterallgäuer. Der Mann hatte gestanden, die Tochter seiner Lebensgefährtin über einen Zeitraum von drei Jahren immer wieder sexuell missbraucht zu haben - zum Zeitpunkt des ersten Übergriffs war das Mädchen gerade einmal zwölf Jahre alt.

Erst einige Wochen vor ihrem 16. Geburtstag setzte die Jugendliche dem Missbrauch durch den Mann, den sie die ganze Zeit als Ersatzvater angesehen hatte, ein Ende: Anfang Dezember 2019 brachte das Mädchen es erstmals über sich, sich ihrem Freund und einer Bekannten anzuvertrauen. Diese überzeugten sie schließlich, auch ihre Mutter einzuweihen, die all die Jahre nichts von den Übergriffen mitbekommen haben soll. Sie habe lediglich schon lange das Gefühl gehabt, dass ihr Partner ihre Tochter lieber mochte als sie, wie sie jetzt im Zeugenstand vor Gericht erklärte. Das Mädchen sei von ihm immer sehr verhätschelt geworden. Ihre ersten Verdachtsmomente auf sexuellen Missbrauch hätten jedoch sowohl ihr Lebensgefährte als auch die Tochter selbst im Keim erstickt und vehement abgestritten, dass zwischen ihnen irgendetwas laufe, so die 35-Jährige. Nachdem die Mutter nun Ende letzten Jahres endlich die Wahrheit erfahren hatte, fuhr sie mit ihrer Tochter ohne zu zögern zur Polizeiwache. Dort gab die damals 15-Jährige an, so lange niemandem von ihrem Martyrium erzählt zu haben, weil sie sich für alles sehr schäme und immer Angst gehabt hätte, dass ihr ohnehin niemand glauben würde. Dem war nicht so - ihr Stiefvater wurde unmittelbar festgenommen und saß seitdem in Untersuchungshaft.

Emotional unter Druck gesetzt

Zwar hatte der Lebenspartner ihrer Mutter, mit dem diese insgesamt etwa fünfeinhalb Jahre eine Beziehung geführt hatte, bei seinen Taten nie körperliche Gewalt angewendet - dennoch hatte er das Mädchen emotional derart unter Druck gesetzt, dass es ihm über diesen langen Zeitraum stets gefügig war. Wenn sie nicht tat, was er wollte, machte er sie bei der Mutter schlecht und redete tagelang nicht mit ihr. Um dem zu entgehen, entschied die Geschädigte, den mindestens einmal im Monat stattfindenden Geschlechtsverkehr mit dem 46 Jahre älteren Mann über sich ergehen zu lassen. Dieser fand entweder in ihrem Kinderzimmer oder im elterlichen Schlafzimmer statt - immer dann, wenn die Mutter und der jüngere Bruder nicht im Haus waren - und immer ohne Kondom. Aufgrund einer vorangegangenen Sterilisation hielt der bei einem Sicherheitsdienst Angestellte eine Verhütung nicht für nötig. In seinen Augen leistete er seiner Stieftochter, die zum Zeitpunkt des ersten Übergriffs noch ein Kind war, außerdem lediglich Hilfestellung dabei, die eigene Sexualität kennen zu lernen. Und trotz allem sah das Mädchen ihn, der selbst fünf leibliche Kinder mit drei Ex-Frauen hat, tatsächlich bis zuletzt als Vaterfigur an. Dem Freund der Geschädigten kam das Verhältnis zwischen den beiden „merkwürdig vertraut“ vor, wie dieser bei seiner Zeugenaussage berichtete. Die Jugendliche habe ihren Ziehpapa trotz allem „sehr gern“ gehabt, sagte der 29-Jährige und fügte hinzu: „Als Stiefvater war er wirklich toll – wenn er nicht gerade Sex wollte.“

16-Jährige schwer traumatisiert

Verurteilt wurde der nicht vorbestrafte und voll schuldfähige 62-Jährige nun wegen drei Fällen von schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern, drei Fällen von sexuellem Missbrauch von Kindern sowie 26 Fällen von sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen. Diese 26 Fälle beziehen sich auf die Zeit nach dem 14. Geburtstag des Mädchens. Dass der Angeklagte sich geständig zeigte und damit der Geschädigten eine Aussage vor Gericht ersparte, wirkte sich zu seinen Gunsten auf das Strafmaß aus: Er muss für sieben Jahre und neun Monate ins Gefängnis, außerdem muss er der Jugendlichen ein Schmerzensgeld in Höhe von 20.000 Euro zahlen. Über die schweren psychischen Folgen wird das Geld der jungen Frau aber wohl nicht hinweghelfen - sie ist traumatisiert, befindet sich aktuell in psychiatrischer Behandlung und lebt in einem Heim. Zurück in das Haus, in dem alles passierte, wolle sie nicht mehr, wie ihre Mutter und ihr Freund vor Gericht betonten. Alles, was die 16-Jährige sich wünsche, sei, endlich mit alldem abschließen zu können, fügte ihre Anwältin hinzu. (jz)

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