16. Allgäu Initiativ Konferenz nimmt medizinische Versorgung in den Fokus

Das lange Warten auf einen Arzttermin

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Für einen Arzttermin müssen Patienten im Allgäu mittlerweile lange Wartezeiten oder weite Wege in Kauf nehmen.

Marktoberdorf/Allgäu - Wer heute in Kempten einen Kinderarzt, in Lindenberg einen Augenarzt oder in Memmingen einen HNO-Arzt sucht, muss weite Wege oder lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Das beschrieben die Teilnehmer der Allgäu Initiativ Konferenz aus Politik und Wirtschaft ihrem Gastredner, Dr. Max Kaplan, Vizepräsident der Bundesärztekammer und Präsident a.D. der Bayerischen Landesärztekammer, mit Nachdruck. Die medizinische Versorgung stand ganz im Fokus dieser 16. Initiativ-Konferenz, die im Landratsamt Ostallgäu in Marktoberdorf tagte.

In seinem rund einstündigen Vortrag erläuterte Dr. Max Kaplan die medizinische Versorgungssituation im Allgäu. Er bezeichnete dabei den ärztlichen Versorgungsgrad anhand der reinen Zahlen als gut. In vielen Bereichen sei statistisch der Bedarf an Haus- und Fachärzten sowie in der stationären Betreuung mehr als gedeckt. Schaue man sich die Lage vor Ort allerdings genauer an, so stellte auch der Vizepräsident der Bundesärztekammer fest, sei die Statistik allein nicht aussagekräftig genug.

Hausärztliche Versorgung 

So zum Beispiel die Versorgung mit Haus- und Allgemeinmedizinern, von denen es im Allgäu 454 gibt. Ein Hausarzt versorgt in der Region 1.409 Einwohner, wie Kaplan anhand einiger Tabellen erklärte. „Was die Zahlen betrifft, ist die Welt noch in Ordnung”, sagte er. Denn das so genannte bedarfsgerechte Verhältnis in Bayern liegt bei einem Hausarzt für 1.671 Einwohner. 

Das Problem liege in der Altersstruktur der Allgemeinmediziner, von denen mindestens ein Drittel über 60 Jahre alt sei (in Memmingen sogar 45 Prozent) und damit in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand ginge. Bayernweit sind es laut Statistik rund 3.000 Hausärzte, die sich in den nächsten Jahren unter rund 1.500 Absolventen derselben Fachrichtung einen Nachfolger suchen müssen. Das ist schon rein mathematisch eine Herausforderung. Hinzu komme der Standortnachteil: Junge Ärzte tendierten dazu, sich lieber in Ballungszentren als auf dem Land niederzulassen.

Standortnachteil 

Das gelte für die Generalisten unter den Medizinern wie auch für die Spezialisten. Wo sich ein Arzt niederlassen darf , hängt zwar zunächst von der Bedarfsplanung ab, die die Kassenärztlichen Vereinigungen seit 1992 abstecken. Die Bedarfsplanung regelt, wie viele Ärzte es in einer Region gibt und wie sie verteilt sind. So benötigen Ärzte oder Psychotherapeuten, die gesetzlich versicherte Patienten ambulant behandeln möchten, zunächst einen freien Arztsitz. Diesen können sich junge Fachärzte aber mittlerweile aussuchen - und nicht alle zieht es aufs Land. So ist es der Stadt Buchloe im Ostallgäu nicht gelungen, trotz Unterstützung der Kommune einen Kinderarzt für den Standort zu begeistern. 

In seinem Vortrag ging Kaplan auch auf kritische Versorgungszahlen für Hausärzte in Mindelheim, Lindenberg und Memmingen ein. Schwierig sei es beispielsweise auch in Lindau mit der Versorgung durch einen Haut- oder Nervenarzt, stellte er dar. Hier hakte auch der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz ein, der eine zu geringe Anzahl an Kinderärzten in Kempten und im Oberallgäu anprangerte. Auch wenn die Versorgungszahlen eine andere Sprache sprächen, wisse er von Kinderarztpraxen, die gezwungen seien, Patienten abzuweisen. Und Eltern, die verzweifelt einen Termin anfragten. Noch dramatischer sei allein die Terminsituation bei Kinder- und Jugendpsychiatern. „Hier müssen schnell Lösungen her”, forderte er. 

Nicht nur Klotz, auch Kaplan und Klaus Holetschek, MdL und Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und Pflege, sprachen sich für eine dringend nötige Überarbeitung und Neuaufstellung der Bedarfszahlen und ihrer Planungsrichtlinie aus. In diesem Zusammenhang stellte Holetschek auch die Frage, ob ein Systemwechsel angebracht wäre? „Vielleicht müssen wir die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum ganz anders planen?”

Stationäre Versorgung 

Ein weiteres Thema war die Krankenhausversorgung im Allgäu. Wie Kaplan darstellte, gibt es im Allgäu drei Kliniken der Schwerpunktversorgung und 13 Häuser der Akutversorgung. Auf 100.000 Allgäuer fallen demnach 514 Betten in der stationären Versorgung. Um die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Standorte zu stärken - immerhin erwartet fast die Hälfte der bayerischen Krankenhäuser im Jahr 2018 ein Defizit - plädierte Kaplan für einen engen Schulterschluss der Allgäuer Kliniken. „Wir brauchen nicht an jeder Klinik einen Herzkatheterplatz”, sagte er und befürwortete Spezialisierungen der einzelnen Häuser, wie es im Oberallgäu bereits teilweise erfolgt ist. „Wir müssen großräumiger denken.” 

Seinen Vorstoß unterstützte der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz, der im Allgäu auch einen klinischen Verbund als Gegenpol zum neu geschaffenen Augsburger Universitätsklinikum sehen möchte. Aus der Politik scheint diese Vorstellung Rückendeckung zu erhalten, denn auch Klaus Holetschek sah nach eigenen Worten Klinikverbünde als alternativlos an, um auch in der Zukunft Krankenhausstandorte zu sichern. Er wies auch darauf hin, dass der Freistaat die Krankenhausförderung von zuletzt rund 500 Millionen Euro auf rund 640 Millionen Euro erhöht habe, ein Betrag, der zur Hälfte von den Kommunen selbst getragen wird. Es sei nur gerecht, merkte der Unterallgäuer Landrat Hans-Joachim Weirather an, wenn dieses Geld dann auch wieder in die Krankenhäuser der Regionen fließe. (ah)

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