Win-Win-Projekt für Landwirschtaft und Artenerhalt

Neu entwickeltes Samensammelgerät Wiesefix „kopiert“ Wiesen

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Hubert Bittlmayer, Uwe Kießling, Jens Franke und Dr. Stephan Winter präsentieren nach einem kurzen Einsatz des Wiesefix das ertragreiche Ergebnis (von links).

Unterallgäu - Landwirtschaft und Naturschutz stehen nicht zueinander in Kontrast - das zeigt jetzt der Landschaftspflegeverband Unterallgäu e.V. mit seinem LEADER-Projekt „100 Auen - 100 Arten" und dem eigens entwickelten Samensammelgerät Wiesefix.

Um das Projekt vorzustellen, luden der Geschäftsführer des LPV Unterallgäu, Jens Franke, und sein Kollege Uwe Kießling zum Praxisvormittag „Artenvielfalt“ nach Westerheim-Günz ein. Eigens dafür angereist war auch Hubert Bittlmayer, Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, welches das Projekt mit einem LEADER-Geld von 75.000 Euro fördert. Dass im Hinblick auf die schwindende Artenvielfalt auf den heimischen Wiesen eine sichtbare Veränderung stattfinden muss, davon ist auch Mindelheims Erster Bürgermeister, Dr. Stephan Winter, überzeugt: "Auch ich habe festgestellt, dass die Landschaft immer artenärmer wird", sagte der 54-Jährige bei der Eröffnung der Veranstaltung und gab zu: „Es ist sehr schwer, heimische Arten anzusiedeln." Das „Feindbild“ von Naturschutz und Landwirtschaft sei schlichtweg falsch. „Miteinander statt gegeneinander lautet die Devise", so der Bürgermeister.

Diplom-Biologe Jens Franke arbeitet schon seit Jahren daran, Landschaften wieder artenreicher auszustatten: Früher hat er noch händisch die Saat abgeerntet, später dann auch mit Maschinen zur Saatgutaufbereitung und -gewinnung. Zusammen mit Uwe Kießling hat er im Projekt „100 Auen - 100 Arten" die Führungsrolle übernommen, bei dem es darum geht, mit dem sogenannten Wiesefix Wiesen zu „kopieren". Hierbei handelt es sich um rein extensive Flächen, darunter kommunale Ausgleichsflächen und viele Randflächen, die sich zum Beispiel nahe an Gewässern befinden. Von der Iller bis zur Wertach werden inzwischen im ganzen Unterallgäu Flächen bearbeitet. „Spenderwiesen waren schnell gefunden, wir kamen mit dem Anreichern kaum hinterher", erinnert sich Uwe Kießling an die Anfänge.

Den Wiesefix muss man sich optisch in etwa so vorstellen wie einen etwas zu groß geratenen Handrasenmäher. Anstelle der Schneidewerkzeuge befindet sich eine elektrisch betriebene, rotierende Bürste mit dicken Borsten, die dafür sorgen, dass Samen jeder Art eingesammelt werden. „Den Insekten passiert dabei nichts, die können jederzeit wieder raus", erklärte Kießling. Das Gerät fährt mit Allradantrieb und wird bis zu 10 km/h schnell. Pro Hektar werden so etwa 40 Kilogramm Saatgut gewonnen.

Die gesammelten Samen müssen anschließend im extra konstruierten Trocknungsanhänger getrocknet und aussortiert werden, damit sie später mit der Saatmaschine ausgebracht werden können. Ein entscheidender Vorteil des neuen LPV-Sammelgeräts ist der, dass keine Problemkräuter ausgesät werden - das ist mit großen Maschinen nicht möglich. Nach fünf bis sieben Jahren können die neu entstandenen Wiesen selbst als Spenderwiesen dienen. Die bisherigen Ergebnisse können sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen: Die „beste Wiese im Unterallgäu“ verfügt Kießling zufolge inzwischen über 100 verschiedene Arten, die restlichen Wiesen beheimaten zwischen 60 und 70 Arten (im Schnitt bestehend aus 20 Prozent Gräsern und 80 Prozent Kräutern).

Da man bei den einzelnen Arbeitsschritten mit dem Wiesefix zeitlich sehr eng gebunden sei, sei der Entwicklungsprozess nicht ganz einfach gewesen, so Uwe Kießling. Doch die Tüftelei hat sich gelohnt, mittlerweile ist der Wiesefix in Serienproduktion gegangen: Fünf Geräte werden 2019 noch gefertigt.

Eine Hürde ist der aktuell noch komplizierte und langwierige Genehmigungsprozess zur Grünlandumbruch-Aufbreitung. „Die Amtswege schrecken Flächeneigentümer ab", so Uwe Kießling. Er hofft, dass sich das bald ändert. „Wir tun ja nichts Böses, sondern etwas Gutes", richtete er sein Wort an Hubert Bittlmayer, der daraufhin entgegnete, dass das Ministerium ja hinter dem Projekt stehe, das alles aber nicht so einfach sei. Alles in allem ist der Landschaftspflegeverband Unterallgäu e.V. mit seinem Projekt aber auf einem sehr guten Weg: Sowohl bei Kommunen, als auch bei Landwirten und Naturschutzorganisationen steigt das Interesse an der Einsaat von Flächen mit autochthonem Wiesensaatgut. Und auch in städtischen Gebieten sind die artenreichen Wiesen gefragt: Hier vor allem als Rollrasen, wie Uwe Kießling und Jens Franke verrieten. (jz)

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