Baupreis Allgäu 2018 – Auszeichnungen für gelungene Baukultur

"Das Normalste ist das Schönste"

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So sehen die strahlenden Sieger des „Baupreis Allgäu 2018“ aus.
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Das Logistikzentrum elobau in Leutkirch von den Kemptener Architekten F64.
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Diesem Wohnhaus in Ungerhausen (Architekt: Christian Groß; Bauherrin: Anna-Marlen Weißenhorn) wurde eine Anerkennung ausgesprochen.
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Ausgezeichnet wurde auch das nur drei Meter breite, denkmalgeschützt Haus „K1“ in Mindelheim, das ursprünglich aus zwei Kleinsthäusern bestanden hat.

Kempten/Allgäu – Insgesamt waren es 89 Architekturprojekte aus dem gesamten Allgäu, die zwischen 2013 und 2017 fertiggestellt und mit der Hoffnung auf eine Auszeichnung eingereicht worden waren. Das bis dahin gut gehütete Geheimnis wurde vergangenen Freitagabend bei der feierlichen Verleihung des vom Architekturforum Allgäu ausgelobten „Baupreis Allgäu 2018“ im gut gefüllten Kornhaussaal gelüftet. Nach Besichtigung einer Vorauswahl waren die „Auserwählten“ von einer siebenköpfigen, international besetzten Fachjury unter Vorsitz von Prof. Florian Nagler gekürt worden.

Zwei Dinge zogen sich als roter Faden durch den Abend: einmal der Begriff „Baukultur“ und dann ein Zitat von Christoph Schlingensief: „Das Normalste ist das Schönste.“ So stellte Franz G. Schröck, Geschäftsführer des Architekturforums, fest, dass in der Öffentlichkeit weitgehend Verunsicherung darüber herrsche, „was sich hinter Baukultur verbirgt“. Klar war aus seiner Sicht aber, dass sie nicht nur Experten vorbehalten sei, dass sie „ein gesamtgesellschaftlicher Entwicklungsprozess ist“ und auch, dass es dabei „stets um Qualität und nicht um individuelle Geschmäcker geht“. Im Sinne von guter Baukultur seien weniger „Leuchtturmprojekte“ wünschenswert, als vielmehr solche, in denen sich Menschen wohl fühlen könnten. 

Baupreis-Schirmherr OB Thomas Kiechle war voll des Lobes für das vor 15 Jahren in Kempten gegründete Architekturforum, das seit knapp fünf Jahren als Architekturforum Allgäu „ein Sprachrohr für den bewussten Umgang mit unserer gebauten Umwelt“ auch in der ganzen Region sei. Der Baupreis Allgäu sei „mittlerweile ein bewährtes Mittel für die Diskussion über Stadt-, Land-, Baukultur“ und mache in seiner vierten Ausgabe auch sichtbar, „dass die Arbeit Früchte trägt“. Architektur sei in der Geschichte, so Kiechle weiter, immer „ein Spiegel der wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung“ gewesen, wenngleich „nicht immer bejubelt“, so doch immer auch Ansatzpunkt für die Identitätsbildung eines Raumes oder einer Region. Das Bewusstsein dafür, dass „jeder Bauherr mit seinem Gebäude auch die Stadt und die Region mitgestaltet – und auch den Lebensraum anderer Menschen“, gehe in der heutigen Individualisierung allerdings zunehmend verloren. Einen Schritt zur bewussten Begleitung des Baugeschehens sei die Stadt deshalb mit der dauerhaften Installation eines Gestaltungsbeirats gegangen. Kiechle betonte, dass Baukultur sowohl die Förderung anspruchsvoller zeitgenössischer Bauprojekte beinhalte, wie „die Erhaltung unseres reichen Kulturerbes und unserer Baudenkmäler“. 

Für Meckatzer Löwenbräu-Chef Michael Weiß, der als Vertreter der zahlreichen Baupreis-Förderer am Rednerpult stand, stellte sich vor allem die Frage, wie viel „Demokratur“ – pardon: Demokratie? – sein müsse und „wer alles mitreden darf“ bei der Identitätsbildung einer Region. Es gebe „grauenvolle Architektur“, verwies er auf das Neubaugebiet in Weiler. Dort seien Häuser im Stil einer kanadischen Ranch bis zum Toskana-Haus entstanden, die allesamt „nichts mit Identität zu tun“ haben. Da sei er mindestens aus Unternehmersicht schon eher für „mehr Demokratur“. Vor allem müsse man das Sehen wieder lernen, so sein Appell. Als Gastredner, der statt vieler Worte lieber „Taten“ sprechen ließ, erwies sich Prof. Florian Nagler vom Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren der TU München und Vorsitzender der Baupreis-Jury. Er stellte gelungene Architekturen aus dem ländlichen bayerischen, nicht-allgäuer Raum vor. Darunter ein Wohnhaus, dessen spezielle Fassade an traditionelle Schindeln erinnerte, innen aber sehr modern war. Außergewöhnlich war ein Stall auf einer Wiese, der schön und günstig sein sollte: statt eines großen Gebäudes wurde aufgeteilt in einen hohen, schmalen Stall, der optisch ein „bisschen was von einer Kirche hat“, so Nagel, und ein Melkhaus daneben; die Konstruktion der Gebäude sei simpel gehalten, so dass viel Eigenleistung seitens der Bauherren möglich gewesen sei. „Ohne gute Bauherren kann man auch keine gute Architektur machen“, würdigte er das Zusammenspiel beim Umbau eines Sanatoriums in ein Hotel in Bayerisch Zell. „Die Idee wäre, das Lebensgefühl der alten Dörfer ins Neue zu bringen“, zitierte Nagel den Bündner Architekten Gion A. Caminada. Stattdessen würden gerade Neubaugebiete von stupide angeordneten Einfamilienhäusern mit Garage dominiert. Als Alternative zeigte er die Planung eines Neubau-Wohngebietes mit flexiblen Häusern, die zu einem späteren Zeitpunkt zum Beispiel bedarfsweise in mehrere Wohnungen aufgesplittet werden können, und einen gemeinsamen Hof nutzen. 

Um das Bewusstsein für das Thema Baukultur zu sensibilisieren, wird eine Wanderausstellung zu den prämierten sowie den weiteren 27 Architekturen der Vorauswahl nach und nach an verschiedenen Orten des Allgäus gezeigt. Dazu ist ein bildreicher Ausstellungskatalog erschienen.

Infos auch unter www.architekturforum-allgaeu.de. Für heitere musikalische Umrahmung zum Schmunzeln sorgten die fünf Bläser von „Quattro Poly“. (Ct)


Preise: Das Logistikzentrum elobau in Leutkirch (F64 Architekten BDA, Bauher: elobau) hat die Jury unter anderem als „herausragendes Beispiel dafür, dass effiziente Industriebauten nicht zwingend gesichtslose Kisten sein müssen“ überzeugt. 

Ebenfalls bepreist wurde die von Kreutzer Architekten BDA (Bauherr: S. Steinel und R. Gabriel) erarbeitete Lösung der sehr speziellen Herausforderungen eines nur drei Meter breiten, denkmalgeschützten Hauses „K1“ in Mindelheim, das ursprünglich aus zwei Kleinsthäusern bestanden habe. 

Die Jury beeindruckt hat auch das Gipfelrestaurant der Nebelhornbahn in Oberstdorf (Architekten Hermann Kaufmann ZT, Bauherr: Nebelhornbahn AG), unter anderem wegen der „Art und Weise, wie es sich an den Berg schmiegt, in die Topographie einfügt“. 

In Wasserburg am Bodensee haben Ludescher + Lutz Architekten mit dem seit vielen Generationen im Familienbesitz befindlichen Weingut Schmidt (Bauherr: Familie Schmidt) deren regionale und lokale Verankerung architektonisch in „Ausprägung, Materialwahl und Funktion zusammengefügt“. 

Eine „geschickte räumliche Anordnung“ sowie zahlreiche Details haben die Jury auch für das Evangelische Gemeindehaus in Oberstaufen (Noichl&Blüml Architekten BDA, Bauherr: Evangelische Kirchengemeinde Oberstaufen) eingenommen.

Anerkennungen: • Marienhof in Leutkirch (Architekten: GMS, Edwin Heinz; private Bauherrengemeinschaft) • Wohnhaus in Jengen (Architekten: Studioeuropa; Bauherren: Fritz und Gabriele Hessel) • Wohnhaus in Ungerhausen: (Architekt: Christian Groß; Bauherrin: Anna-Marlen Weißenhorn) • FOS/BOS Kaufbeuren (Architekten: Stadtmüller. Burkhardt. Graf; Bauherrin: Stadt Kaufbeuren) • Wohnhaus Sita-Faber in Kempten (Architekt: Michael Becker; Bauherrin: Kirsten Sita-Faber)

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