Die Liebe als Krankheitsfall

„Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ am LTS

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Die Beziehung zwischen Petra von Kant (Claudia Frost, links) und Karin Thimm (Miriam Haltmeier) wird bald zum verbissenen Duell, bei dem die Gönnerin den Kürzeren zieht.

Memmingen - Rainer Werner Fassbinder glaubte nicht an die Liebe. Für ihn bedeutete sie Qual, Abhängigkeit und Ausbeutung. Diese Überzeugung prägt sein 1971 entstandenes homosexuelles Kammerspiel „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, das der Berliner Regisseur Krysztof Minkowski am Landestheater Schwaben inszenierte und damit einige Irritation beim Premierenpublikum auslöste.

Nanu, was war denn das? Fünf Frauen und ein als Frau verkleideter Mann (Jan Arne Looss) auf der Bühne und alle, bis auf Petras Töchterchen Gabi (Regina Vogel), von zweifelhaftem Charakter. Die Demontage der Frau im modernen, feministischen Theater? Eine psychologische Studie über die vergebliche Suche nach Liebe und Anerkennung einer hysterischen Frau im narzisstischen Zeitalter?

Doch beginnen wir von vorne: Der Vorhang hebt sich über dem gläsernen Domizil der ebenso exzentrischen wie erfolgreichen Modeschöpferin Petra von Kant (Claudia Frost). Das Bühnenbild von Konrad Schaller zeigt einen Wintergarten, eine Art durchsichtiges Gefängnis, mit wild wuchernder Vegetation im Hintergrund. Von hier aus steuert die herrische 35-Jährige Petra von Kant ihr Imperium.

In einen fernöstlichen Kimono gekleidet, zelebriert sie Yogaposen auf der Suche nach ihrem inneren Gleichgewicht, denn nach einer gescheiterten Ehe ist die Gefeierte ein seelisches Wrack. Einsam und egozentriert steht sie wie ein Monument in der Mitte ihres Kosmos auf der Bühne und spricht starr nach vorne ins Publikum. Nur selten sehen die Figuren sich an, wenn sie miteinander reden. So wendet sie sich auch nicht ihrer boshaften Freundin Sidonie (Elisabeth Hütter) zu, die wie ein Raubtier auf Petras Niedergang lauert.

„Ich hasse euch alle, ihr ekelt mich alle so an“, lautet das Credo der lebensmüden und ausgebrannten Petra von Kant, das sie in den Blacks in das Publikum hineinkotzt – um es angemessen rüde auszudrücken. Denn um sie herum wächst das Schmarotzertum. Alle wollen Geld: ihre Mutter und schließlich auch Karin (Miriam Haltmeier), die junge Frau, von der sie Besitz ergreift und von deren Schönheit Petra besessen ist.

Ständige Beweise ihrer Zuneigung fordernd, presst sie die Jüngere aus, die sich kaum Mühe gibt, zu verhehlen, dass Petra nur eine von vielen Optionen für sie ist und zudem ein Karrieresprungbrett. Zerrissen zwischen Verachtung, Ekel, besitzergreifender Liebe und Ohnmacht, zwischen rasender Wut und hündischem Winseln, flüchtet Petra sich in den Alkohol.

Die von Kant erkauft sich Zuneigung, nur um die, die sich auf den Deal einlassen, dann als Huren und Schmarotzer zu beschimpfen. Wer von ihr abhängig ist, bekommt ihre Verachtung zu spüren wie die ihr sklavisch ergebene Bedienstete Marlene (Jan Arne Looss als devote, stumme Dulderin).

„Menschen brauchen einander, haben aber nicht gelernt, wie man zusammen ist“ – Fassbinder geht es um das, was Menschen unter dem Etikett „Liebe“ einander antun. Thema ist nicht die Homosexualität: Durch den Quickie Petras mit Marlene im Garten deutet Regisseur Minkowski an, dass Geschlechterrollen hier obsolet sind. Karins durch Luxus- und Karriereversprechen erkaufte Zuneigung soll Petras Selbsthass und -verlust kompensieren.

In dem 1971 entstandenen Melodram, das er selbst als „Krankheitsfall“ beschrieb, verarbeitete der beziehungsgestörte Autor Fassbinder eine gescheiterte homosexuelle Beziehung. Eher das Werk eines verbitterten Autors also als ein Lehrstück über „kapitalistische Strukturen in zwischenmenschlichen Beziehungen“, wie es die Sekundärliteratur nahelegt – ganz abgesehen davon, dass sexuelle und emotionale Ausbeutung, Vorteilsnahme und die Instrumentalisierung des „Partners“ keine Erfindung des Kapitalismus sind.

Ein Schwachpunkt der Inszenierung ist die Figur der Karin, die von Anfang an etwas zu abgebrüht wirkt, sodass der Zuschauer die emotionale „Fallhöhe“ von Petras Enttäuschung nicht so recht nachvollziehen kann. Und damit auch die Tragik und die Bitterkeit der Kantschen Tränen. Auch die Figur der Mutter (Anke Fonferek) bleibt dissonant. Das Publikum spendete respektvollen Applaus für die schauspielerische Leistung, vor allem von Hauptdarstellerin Claudia Frost, die alle Facetten des komplexen Gefühlshaushaltes der Petra von Kant vom herrischen Star bis zum verzagt-kleinlauten Mädchen zeigt. Man sah aber auch Irritation und Ratlosigkeit in den Gesichtern der Zuschauer.

Weitere Aufführungen am 28. April sowie am 7. und 16. Mai 2019. (sol)

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