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„Come-back“ der alten Getreidesorten im Unterallgäu

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Von: Tom Otto

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Hinweisschild vor einem Getreidefeld
Auf den Feldern von Bio-Landwirt Michael Königsberger bei Westerheim gedeiht die alte Dinkelsorte sehr gut. Die aktuelle Ernte konnte Ende Juli bereits eingefahren werden. © Tom Otto

Westerheim - Bio-Landwirt Michael Königsberger hatte Ende Juli zu einem besonderen Sonntagsspaziergang zu seinen Getreidefeldern geladen. Gemeinsam mit der Öko-Modellregion Günztal und der Stiftung Kulturlandschaft Günztal konnten sich interessierte Menschen ein Bild vom Gedeihen einer alten Dinkelsorte, dem „Babenhauser Rotvesen“ machen.

Dieser „Babenhauser Rotvesen“ wurde schon 2016 in einem Saatenarchiv der Deutschen Genbank für Kulturpflanzen in Gatersleben mit Einlagerung aus dem Jahre 1923 gefunden. Dass überhaupt diese im Günztal früher übliche Getreidesorte gefunden wurde, liegt an der Verabschiedung des Biodiversitätsprogramms Bayern 2030 „Natur Vielfalt Bayern“. Bauer Königsberger war dann 2019 einer der wenigen, die sich auf das Experiment einließen und die alte Dinkelsorte versuchsweise anbauten. Anfangs stand nur etwa ein Pfund Saatgut zur Verfügung. So wenig, dass die Ernte mit der Sense eingeholt werden musste. Daraus wurden dann 20 Kilogramm Dinkel, die erneut ausgesät wurden und letztlich im vergangenen Jahr immerhin knapp zwei Tonnen Getreide brachten. Michael Königsberger ist zufrieden mit der alten Sorte. Sie sei stabiler als heutige Sorten und richte sich nach einem Starkregen trotz des deutlich höheren Wuchses wieder viel besser auf.

In der Donath-Mühle in Bad Wörishofen wurde der Dinkel aus der letztjährigen Ernte zu Mehl gemahlen und es fand sich auch ein Bäcker, der den alten Dinkel versuchsweise verarbeiten wollte. Bäckermeister Manfred Salger, Inhaber der Mindelheimer Bäckerei Fässler, hatte schon Erfahrung mit besonderen Dinkelsorten. Mit dem „Oberkulmer Rotkorn“ hatte er eine Dinkelsorte gefunden, die auch bei Gluten-Allergikern gut ankam. Der „Babenhauser Rotvesen“ vom vorigen Jahr sei für sensible Menschen ebenfalls sehr gut verträglich gewesen, seine Kundschaft habe ihm das bestätigt. Außerdem sei das Mehl sehr gut verarbeitbar und robust in der Teigführung, toleranter was die Verarbeitungszeiten angeht. Für die Betriebsabläufe sei das ein echter Vorteil. Bäckermeister Salger will daher auch im Herbst mit dem Mehl aus der neuen Ernte des „Babenhauser Rotvesens“ eine eigene Dinkelgebäck-Sparte aufmachen. Dafür bräuchte er allerdings zwei bis drei Tonnen Mehl der alten Sorte.

Das sollte jedoch kein Problem mehr darstellen. Unmittelbar nach der Feldbegehung bei Bauer Königsberger von Ende Juli konnte der Dinkel geerntet werden. Königsberger ist sehr zufrieden mit der Beschaffenheit und der Menge. Das Korn ist zwar noch nicht gewogen, aber er schätzt, dass es heuer etwa vier Tonnen „Babenhauser Rotvesen“ geben wird. Damit wäre auch Bäcker Manfred Salger geholfen.

Das Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn) des Landwirtschaftsministeriums in München wird mit anderen wissenschaftlichen Partnern über einen Zeitraum von drei Jahren die Analyse der Inhaltsstoffe der alten Getreidesorten begleiten. Auch die Herstellung von Bio-Lebensmittelspezialitäten mit besonderen Aroma- und Geschmacksqualitäten und verbesserten Verarbeitungseigenschaften soll vorangetrieben werden. Die zentrale Hypothese des Projektes ist, dass industriell gefertigte Getreideprodukte mehr immunreaktive und weniger ernährungsphysiologisch positive Inhaltsstoffe im Vergleich zu ökologisch erzeugten und traditionell verarbeiteten Backwaren enthalten. Das bedeutet, dass regionale Landsorten mit nachhaltiger Herstellung weniger Unverträglichkeiten bei Verbrauchern auslösen und dabei mehr wertvolle Inhaltsstoffe enthalten können.

Brot- und Kuchenfans, die selber backen wollen, müssen jedoch nicht bis zum Herbst auf die Dinkelserie der Bäckerei Fässler in Mindelheim warten: Bei Bio-Landwirt Königsberger in Westerheim kann man das Mehl der alten Dinkelsorte bereits jetzt in 2,5 Kilo-Gebinden in Bio Qualität zum Preis von zehn Euro kaufen. Wer Interesse hat sollte sich mit Michael Königsberger per Email in Verbindung setzen: michael.koenigsberger@t-online.de.

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