Gesundheitsamt bekommt Unterstützung von der Bundeswehr

Corona: Wie ist die Lage in Memmingen?

Ein Schulkind mit Maske im Rucksack.
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Besonders stark kritisiert wird die Maskenpflicht für Schulkinder im Unterricht.

Memmingen – Im Frühjahr kam die Stadt Memmingen noch relativ glimpflich durch die erste Infektionswelle und konnte zwischenzeitlich sogar vermelden, „coronafrei“ zu sein. Jetzt im Oktober sieht die Lage anders aus, war Memmingen doch unter den ersten bayerischen Städten, die den kritischen Sieben-Tage-Inzidenzwert von 50 überschritten haben. Wie die Lage jetzt konkret aussieht, darüber informierte Oberbürgermeister Manfred Schilder nun zusammen mit Vertretern des Gesundheitsamts, des Klinikums und des Referats für öffentliche Sicherheit und Ordnung.

Oberbürgermeister Manfred Schilder fand deutliche Worte: Die Infektionszahlen in Memmingen würden „nicht schleichend, sondern explodierend“ ansteigen. Man dürfe keine Panik verbreiten, aber: „Wir müssen der Realität ins Auge sehen.“ Die Realität, das bedeutet in Memmingen seit zwei Wochen eine Sieben-Tage-Inzidenz über dem Schwellenwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner – und damit Stufe Rot.

Maskenpflicht im Unterricht

Zu dieser Stufe gehört laut bayerischer Infektionsschutzverordnung die Maskenpflicht im Unterricht für Schüler aller Jahrgangsstufen. Schilder sagte, er habe zu diesem Thema Zuschriften in einem Umfang erhalten, den er so bisher nicht gekannt habe. Nachdem die Maskenpflicht für Grundschüler in München und dem Landkreis Unterallgäu wieder gekippt wurde, wurden Forderungen laut, dies in Memmingen genauso zu handhaben. Laut Schilder sei die Rechtslage hier jedoch eindeutig: Bei Infektionsschutzmaßnahmen des Freistaats habe die Stadt „keinerlei Handlungsspielraum“. Bei der Maskenpflicht ginge es darum, Schüler und Lehrer zu schützen und so den Präsenzunterricht an den Schulen so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Für „Alleingänge“ wie im Landkreis Unterallgäu fehle ihm das Verständnis, sagte Schilder. Dennoch würde die Situation in Memmingen gerade geprüft – die Stadt befinde sich derzeit in Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium und der Regierung von Schwaben.

Kein einzelner Infektionsherd

Thomas Schuhmaier, Leiter des Referats für öffentliche Sicherheit und Ordnung, erläuterte den rechtlichen Rahmen der Corona-Regeln. So gilt seit Freitag, 23. Oktober, die bereits siebte bayerische Infektionsschutzverordnung. Die dort vorgeschriebenen Maßnahmen gelten selbständig, sobald eine Stadt oder Region einen bestimmten Schwellenwert überschreitet. Wie sich das Infektionsgeschehen in den einzelnen Städten und Landkreisen entwickelt, darüber informieren tagesaktuell das Robert-Koch-Institut und das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit auf ihren jeweiligen Webseiten. Jedoch aktualisieren die beiden Institute die Zahlen zu verschiedenen Zeiten, wodurch sich Unterschiede ergeben.

Zusätzlich zu den Vorgaben der Staatsregierung könne jede Kommune eine eigene Allgemeinverfügung mit schärferen Maßnahmen erlassen, wenn dies nötig sei, erklärte Schuhmaier. So entscheiden die Städte zum Beispiel auch, an welchen Stellen im öffentlichen Bereich Masken getragen werden müssen.

Seit dem 10. Oktober liegt die Stadt Memmingen über dem Schwellenwert von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Damit steht die Corona-Ampel in Memmingen auf Rot. Und die Zahlen steigen weiter. Laut Schuhmaier werden nun jeden Tag so viele Neuinfektionen registriert wie Anfang Oktober noch in einer ganzen Woche. Auch könne man die positiven Fälle nicht einem einzigen Ausbruchsherd zuordnen. Das Virus durchdringe alle Jahrgänge und alle Bevölkerungsschichten. Dass Memmingen in die dunkelrote Phase (Sieben-Tage-Inzidenzwert von 100) kommt, damit müsse man momentan rechnen, sagte Schuhmaier.

Unmut wird am Telefon abgeladen

Bei dieser Entwicklung stoße das städtische Gesundheitsamt langsam an seine Grenzen, erklärte dessen Leiterin Dr. Daniela Schönhals. Das liege einerseits an den gestiegenen Infektionszahlen, andererseits aber auch daran, dass aktuell pro Fall mehr Kontakte nachverfolgt werden müssten als noch im Frühjahr. Auch wenn das Team bereits von 12 auf 19 Mitarbeiter aufgestockt wurde, sei der Arbeitsaufwand immer noch sehr groß. Ab Montag soll es aber etwas Entlastung geben: Fünf Soldaten der Bundeswehr werden das Gesundheitsamt unterstützen. Im absoluten Bedarfsfall könnte auch von der Regierung von Schwaben und der Polizei weiteres Personal angefordert werden.

Zum hohen Arbeitsaufwand der Kontaktnachverfolgung gesellt sich die psychische Belastung, der die Mitarbeiter ausgesetzt sind. Schönhals berichtete, dass viele Menschen im Vergleich zum Frühjahr deutlich weniger Verständnis für die Maßnahmen aufbringen würden – ihren Unmut darüber laden sie dann direkt am Telefon bei den Mitarbeitern ab.

Keine Angst vor dem Krankenhaus

Das Memminger Klinikum sei laut dessen Vorstand Maximilian Mai „absolut leistungsfähig“. Seit Donnerstag gilt dort wieder ein Besuchsverbot mit Ausnahmen bei Geburten, Sterbefällen, Minderjährigen und bei Patienten, mit denen die Kommunikation schwer oder gar nicht möglich ist (zum Beispiel wegen Demenz oder einer psychischen Erkrankung). Das Klinikum nutzt damit sein Hausrecht und verschärft für sich selbst die geltende Allgemeinverfügung der Stadtverwaltung.

Stand Freitag, 23. Oktober, 9 Uhr befinden sich dort elf Covid-19-Patienten in Behandlung, davon zwei auf der Intensivstation. Bisher wurden im Memminger Klinikum insgesamt 63 Corona-Infizierte behandelt, von denen laut Mai etwa jeder zehnte intensivmedizinisch betreut werden musste.

Was die Anzahl der Betten angeht, sieht Mai das Klinikum gut gerüstet: Auf der Isolierstation stehen 29 Betten für Covid-19-Patienten bereit; zusätzlich 20 auf der Intensivstation. Das könne man bei Bedarf innerhalb von 24 Stunden auf 27 Betten ausbauen. Binnen 48 Stunden könnten in Containern zwölf weitere Betten aufgebaut werden. Und auch mit Schutzkleidung und -masken sei man im Klinikum gut abgedeckt. Im Sommer wurde außerdem ein zweites CT-Gerät angeschafft, sodass Infizierte und Nicht-Infizierte getrennt voneinander behandelt werden können.

Bei alledem betonte Mai, dass die reguläre Versorgung im Memminger Klinikum ganz normal weiterlaufe. Er bat nachdrücklich darum, das Krankenhaus jetzt nicht aus Furcht vor dem Coronavirus zu meiden – gerade bei Notfällen wie zum Beispiel einem Herzinfarkt. (am)

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