Online-„Kulturcafe“ diskutiert angespannte Situation

„Die Lage der Kultur ist desolat“

Leere Konzertbühne mit Instrumenten
+
Egal, ob Theater, Kino oder Konzert – die Säle bleiben leer, Kunst und Kultur finden weiter höchstens online statt.

Memmingen/Unterallgäu - Am vergangenen Montag hatten die Kreisverbände von Bündnis 90/Die Grünen in Memmingen, Unterallgäu und Ostallgäu-Kaufbeuren zu einer digitalen Podiumsdiskussion über die aktuelle Lage von Kunst und Kultur eingeladen.

Als Gäste saßen auf dem online-Podium Dr. Katrin Mädler, LTS-Intendantin , Dr. Axel Lapp, Leiter der Mewo-Kunsthalle in Memmingen, Horst Wendland, Skulpurenkünstler aus Frickenhausen, Johanna Langer, Leiterin der Künstler- und Event-Agentur Moonlight Events Memmingen und Musiklehrerin, Adi Hoesle, freier Künstler aus Babenhausen und Jürgen Brennich, Musiklehrer und Leiter des Allgäuer Kantatenchors aus Memmingen.

Gut vierzig Online-Gäste verfolgten das „Kulturcafé“ an ihren heimischen Bildschirmen, Daniel Pflügl (B90/Grüne), stellvertretender Landrat im Unterallgäu und zweiter Bürgermeister von Bad Wörishofen, moderierte die Veranstaltung. Er wollte zunächst wissen, wie Kreative aus den verschiedenen Bereichen von Kunst und Kultur mit den schwierigen Herausforderungen umgehen.

Live-Begegnung fehlt

LTS-Intendantin Kathrin Mädler wollte eigentlich am Ostersamstag das diesjährige Theaterprogramm unter den bekannten und wirksamen Hygienemaßnahmen starten. Aufgrund der aktuellen Lage musste diese Planung wieder eingestellt werden, das Theater bleibt zu. Sie beklagte die nunmehr einjährige Pause im Theater und die fehlende Live-Begegnung mit dem Publikum und betonte den Verfassungsrang der Kultur, der derzeit keinen Ausdruck findet. Die Alternative des Streamings von Stücken sei zwar eine spannende Herausforderung und habe jüngst immerhin 420 Online-Besucher bei „Bilder Deiner großen Liebe“ erreicht. Gleichwohl könne die digitale Form keinesfalls die Live-Begegnung im Theater ersetzen.

Jürgen Brennich sorgte sich um seinen Allgäuer Kantatenchor, der immerhin 120 Mitglieder hat und nicht einmal mehr gemeinsame Proben umsetzen kann, geschweige denn öffentliche Auftritte. Die kulturelle Lage bezeichnete er als desolat. Um eine Chorprobe oder gar ein Live-streaming online umzusetzten, brauche es technische Voraussetzungen, die aktuell nicht gegeben sind und finanziell gar nicht zu stemmen wären.

Verfassungsrang der Kultur

Johanna Langer, Axel Lapp und Horst Wendland berichteten in ähnlich drastischen Worten von den Einschränkungen ihrer jeweiligen künstlerischen Arbeit, lediglich der bildende Künstler, Kurator und Retrogradist Adi Hösle empfand die Lockdown-Zeit als sehr entspannend und stressbefreit. Das läge jedoch vor allem daran, dass er schon immer in der Zurückgezogenheit arbeitet und er aktuell sehr kreativ und produktiv mit dem reduzierten Lärm und der Geschwindigkeit draußen umgehen kann.

Keine Kapitulation

Bei allen berechtigten Klagen über die gesellschaftliche Behandlung der Kultur sah Kathrin Mädler darin jedoch keine „Ergebenheit in die Situation“, sondern berichtete von vielen Briefen und Gesprächen an die politisch Verantwortlichen. Sie hält das Anliegen der Initiative „Aufstehen für die Kunst“ für sehr berechtigt und ist gespannt, wie der Streit juristisch ausgeht. Die Initiative „Aufstehen für die Kunst“, ein Zusammenschluss von mittlerweile über tausend größtenteils sehr renommierten Kulturschaffenden aus allen Bereichen, hatte in der Vorwoche Verfassungsklage gegen die Ungleichbehandlung von Kultur und Religion eingelegt. Die Klage verweist auch auf gleich drei voneinander unabhängige seriöse Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass der Besuch eines Theaters, Museums oder Konzertes unter den bekannten Hygienemaßnahmen nur halb so riskant ist, wie der Einkauf im Supermarkt. Auch Jürgen Brennich hält das Anliegen der Initiative für berechtigt und stellte die Frage, ob der Umgang mit der Kultur überhaupt noch als verhältnismäßig bezeichnet werden könne. Kultur sei deutlich mehr als „nur schmückendes Beiwerk, sondern lebenswichtiger Bestandteil der Gesellschaft“.

Verfassungsklage eingereicht

Die Hoffnung auf eine Perspektive für die Kultur haben alle Podiumsteilnehmer jedoch nicht verloren. Die Tatsache, dass eine Woche nach den Memminger „Kulturgesprächen“ von LTS und MEWO-Kunsthalle sich nun die Allgäuer Grünen in ihrem „Kulturcafé“ mit dem gesellschaftlichen Stellenwert von Kunst und Kultur beschäftigen, zeige, dass die Kulturschaffenden in Bewegung sind. Die von Moderator Daniel Pflügl eingangs gestellte Frage, ob Kunst und Kultur vielleicht sogar helfen können, die gesellschaftlichen Zerwürfnisse zu verarbeiten, wenn die aktuelle Situation überwunden ist, konnte aus Zeitgründen leider weder behandelt noch beantwortet werden. (Tom Otto)

Auch interessant

Meistgelesen

AfD-Kreistagsfraktion verurteilt Angriffe auf Landrat
AfD-Kreistagsfraktion verurteilt Angriffe auf Landrat
Weiterhin viel zu tun für „Donum Vitae“ in Memmingen
Weiterhin viel zu tun für „Donum Vitae“ in Memmingen
Corona in Memmingen: Notbetreuung, kein Präsenzunterricht und Testpflicht, das gilt nächste Woche für Kinderbetreuungseinrichtungen und an Schulen
Corona in Memmingen: Notbetreuung, kein Präsenzunterricht und Testpflicht, das gilt nächste Woche für Kinderbetreuungseinrichtungen und an Schulen
Memmingen will wieder eine Landesgartenschau
Memmingen will wieder eine Landesgartenschau

Kommentare