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Diskussion zur rechten Szene am Landestheater Schwaben

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Zum Auftakt der neuen Reihe „Die Zukunft unserer Region – Gespräche über das Allgäu“ sprachen (von links) Mirko Böttcher, Simone Rafael, Sebastian Lipp und Anne Verena Freybott über die rechtsextreme Szene in der Region. © Müller

Memmingen – Das Landestheater Schwaben nimmt sein Spielzeitmotto „Es kommt darauf an“ zum Anlass, einen genaueren Blick in die Region zu werfen. In der neuen Reihe „Die Zukunft unserer Region – Gespräche über das Allgäu“ werden Themen diskutiert, die momentan die Gesellschaft umtreiben. In Anbindung an die Premiere von „Ein deutsches Mädchen“ ging es zum Auftakt um Neonazis und deren Strategien, neue Mitglieder zu rekrutieren – auch solche, von denen man es am wenigsten erwarten würde.

In ihrer Autobiografie „Ein deutsches Mädchen“ erzählt Heidi Benneckenstein von ihrem Aufwachsen in einer nationalsozialistischen Familie und wie sie es geschafft hat, sich letztendlich von dieser Ideologie loszusagen und aus der Szene auszusteigen. Nun hat sich das LTS dieses Stoffes angenommen und bringt ihn in einer Inszenierung von Mirko Böttcher zum ersten Mal auf die Bühne. So war auch Böttcher Teil des ersten Expertenpodiums und sprach gemeinsam mit Belltower.News-Chefredakteurin Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung und Journalist Sebastian Lipp, der auf dem Portal „Allgäu rechtsaußen“ rechtsextreme Umtriebe in der Region dokumentiert, über die rechte Szene und deren Strategien. Moderiert wurde die Diskussion von Chefdramaturgin Anne Verena Freybott. 

Sie wollte von den Diskussionsteilnehmern als erstes wissen, wie die Nachwuchsgewinnung in der rechten Szene heutzutage abläuft. Laut Simone Rafael spielt das Internet dabei eine immer wichtigere Rolle. Besonders auf Youtube würden rechtsextreme Gruppierungen mittlerweile gezielt um neue Mitglieder werben, indem sie rechtsradikales Gedankengut in scheinbar harmlose Videos miteinbinden. Damit wirke ihre Ideologie auf manche „wie ein Hobby oder eine legitime Entscheidung“, so Rafael. Online werde auch aktiv zu Veranstaltungen der rechten Szene eingeladen, besonders Frauen seien eine stark umworbene Zielgruppe. Durch die verstärkte Rekrutierung von Frauen wolle die Neonaziszene vor allem harmloser und zugänglicher wirken. Momentan machen Frauen laut Rafael nur etwa zehn bis 15 Prozent der Szene aus – auf Demonstrationen würden sie dann aber öffentlichkeitswirksam in die erste Reihe gestellt. Aber auch, wenn rechtsradikale Gruppierungen sich immer mehr um weibliche Mitglieder bemühen, sei es immer noch eine „zutiefst sexistische und frauenfeindliche Szene“, wie Rafael betonte. 

Laut Sebastian Lipp stehen die Frauen in der Allgäuer Szene noch weiter im Hintergrund. Die Memminger Neonazi-Kameradschaft „Voice of Anger“ – die laut Verfassungsschutz größte noch aktive Skinhead-Gruppierung in Bayern – beschreibt er als „Männerbund“. Auch Lipp spricht hier von einem „unglaublich sexistischen Frauenbild“. Doch auch hier würden Frauen eine wichtige Rolle spielen: die der Partnerin. Denn mit Ehefrau und Familie lässt sich deutlich einfacher eine normale, bürgerliche Existenz vortäuschen. 

Wie sehr die Besucher das Thema Rechtsextremismus beschäftigte, war in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum zu sehen. Eine Frage drehte sich um den Einfluss der rechten Szene auf Vereine, besonders im Kampfsport. Lipp bestätigte, dass Rechtsextreme eine Mitgliedschaft im Vereinsvorstand oder Elternbeirat gezielt nutzen würden, um eine bürgerliche Fassade aufrechtzuerhalten. Im Allgäu und auch in Memmingen würden sich Nazis in bestimmten Kampfsportschulen ausbilden. Diese Dinge aufzudecken sei jedoch nicht einfach, denn auch hier sehe die Fassade harmlos aus – mit Veranstaltungen für Kinder, Spendenaktionen oder Selbstverteidigungskursen für Frauen. 

Eine andere Teilnehmerin drängte darauf, auch vermeintlich kleine Auswüchse der rechten Szene zur Anzeige zu bringen. Es gehe darum, den Behörden zu zeigen „wir tolerieren das nicht“, wie sie erklärte. Lipp bat daraufhin, in solchen Fällen nicht nur die Polizei, sondern auch „Allgäu rechtsaußen“ zu informieren, um solche Vorfälle weithin sichtbar zu machen. Die Besucher zeigten sich deutlich besorgt über die Umtriebe der rechtsextremen Szene und „erschrocken, wie stillschweigend vieles hingenommen wird“, wie es eine Frau formulierte. 

Lipp erklärte, dass der Umgangston in den letzten Jahren deutlich rauer geworden sei. Er erzählte davon, wie Journalisten bedroht, angegriffen und nach Hause verfolgt werden – dazu komme ein „Grundrauschen“ von täglichen Hass- und Drohbotschaften auf allen Kanälen. Rafael sieht mit dem Aufkommen von AfD und Pegida eine Normalisierung von rechtem und rassistischem Gedankengut in der Gesellschaft: „Sowas ist jetzt sagbarer“, stellte sie fest. 

Aber was kann man dagegen tun? Regisseur Mirko Böttcher setzt auf das Theater als „demokratiestärkenden Ort“, wo man genau solche Geschichten erzählen müsse wie „Ein deutsches Mädchen“, das übrigens nicht nur Erwachsene, sondern auch gezielt Jugendliche ab zwölf Jahren ansprechen soll. Auch für Intendantin Dr. Kathrin Mädler ist der Kontakt zu den Schulen besonders wichtig. Das Landestheater erreiche bereits viele Jugendliche, stellte sie fest, aber man müsse auch Wege finden, an diejenigen ranzukommen, mit denen man sich nicht ohnehin schon einig ist. Simone Rafael hatte einen simplen, aber wichtigen Rat: Nicht wegschauen. Bei rassistischen oder sexistischen Aussagen reiche oft die einfache Nachfrage, was genau damit denn jetzt gemeint war. Es sei auch schon hilfreich, Parolen und Verallgemeinerungen zu widersprechen und sie nicht einfach so stehen zu lassen. Das wichtigste für Sebastian Lipp: die Perspektive der Betroffenen ernst nehmen und ihnen den Rücken stärken: „Daran fehlt’s einfach.“ (am)

Termine:

„Ein deutsches Mädchen“ feiert am Samstag, 26. Oktober, am Landestheater Schwaben Premiere. Der nächste Termin der Reihe „Die Zukunft unserer Region – Gespräche über das Allgäu“ ist voraussichtlich für Januar 2020 geplant.

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