Memminger Kabaretttage

Thomas Schreckenberger und der Traum vom Eigenhirn

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Bissig und scharfzüngig: Thomas Schreckenberger war mit seinem Programm „Hirn für alle!“ im PiK zu Gast.

Memmingen - „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ So hieß es schon bei Kant. 200 Jahre nach der Aufklärung sieht es im Land der Dichter und Denker mittlerweile aber recht düster aus. Thomas Schreckenberger lässt sich davon jedoch nicht unterkriegen und fordert äußerst bissig und scharfzüngig „Hirn für alle!“.

Wohin Schreckenberger auch blickt, überall scheint die Vernunft auf dem Rückzug: Amazon, Facebook und Co. haben uns schon längst das Denken abgenommen und selbst in der Politik scheint eine gewisse Grundintelligenz mittlerweile eher hinderlich für die Karriere zu sein. So ist Andreas Scheuer, das „Enddarmfurunkel der deutschen Automobilindustrie“, für den Kabarettisten der Beweis, dass das schnellste Spermium nicht immer das klügste ist. Derweil entscheiden englische BSE-Opfer im britischen Unterhaus über den Brexit und Donald Trump nimmt sich ein Beispiel an Pipi Langstrumpf und macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Das einzig Positive an dem Ganzen: Das Hirn knurrt wenigstens nicht, wenn es leer ist.

Auch von der AfD hält Schreckenberger wenig, schließlich waren die Rechten schon einmal an der Macht: „Ich piesel doch auch nicht zweimal an den Elektrozaun.“ Die GroKo mache es ihnen aber auch leicht, diffuse Ängste in der Bevölkerung zu schüren und rechtes Gift wieder salonfähig zu machen: So redet auch Markus Söder von „Asyltourismus“ und „besorgte Bürger“ schreien „absaufen“, während jeden Tag aufs Neue Menschen im Mittelmeer ihr Leben verlieren.

Aber was tun? Der ehemalige Lehrer Schreckenberger setzt auf die Jugend. Man müsse bei der nächsten Generation so früh wie möglich mit Bildung und Aufklärung ansetzen – was rauskommt, wenn man das nicht tut, sehe man am Brexit. Momentan seien die von ihren Helikoptereltern bevormundeten Kinder aber vor allem damit beschäftigt, ihr Hirn auf das Smartphone auszulagern. Um die Jugend wieder für Politik zu begeistern, hat Schreckenberger auch schon eine Idee: eine Wahl-App, ähnlich aufgebaut wie das Dating-Portal Tinder, wo man Volksvertreter wie „Alexander, 77, mag Dackel und Weltkriege“ einfach wegwischen kann.

Aber ob das reicht, um das Ruder nochmal herumzureißen? In einer Gesellschaft, die mit künstlich erzeugten Bedürfnissen zum blinden Konsum getrieben wird und in der durch dieses Verhalten jeder im Schnitt 60 praktischerweise outgesourcte Sklaven beschäftigt? Vielleicht wäre es ganz sinnvoll, wenn man die Kinder, die unsere Kleidung nähen und das Lithium für unsere neuesten Smartphones aus der Erde graben, tatsächlich sehen müsste – zum Beispiel als Schockfotos vor den Handyläden. Wenn sich aber schon die Politiker nicht mit den Konzernen anlegen, weil sie ihre späteren Jobs als Lobbyisten nicht gefährden wollen, warum sollte es dann der Durchschnittsbürger tun? Und so überlegt Schreckenberger schon mal, wie es denn wohl weitergeht nach der Apokalypse, wenn die Menschheit es endlich geschafft hat, sich selbst auszurotten. Für diesen Teil packt der Sprachkünstler sein beachtliches Impressionstalent aus und wechselt in rasendem Tempo zwischen Merkel, Seehofer, Kretschmann und Udo Lindenberg.

In seiner Zugabe lässt Schreckenberger dann auf unnachahmliche Weise den Geist Klaus Kinskis von der Kanzlerin Besitz ergreifen, die nun endlich rauslassen kann, was sie wirklich von den Kabinettsmitgliedern hält („Bring mir den Seehofer! Tot oder lebendig!“).

Thomas Schreckenberger bot im PiK einen Abend mit viel schwarzem Humor, voller bissiger Seitenhiebe und einer eigentlich simplen, aber notwendigen Botschaft: Ab und zu sollte man sein Gehirn benutzen. Beim Memminger Publikum kam das bestens an.(am)

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