Bauprojekt soll Bewusstsein für Inklusion wecken

Erste rollstuhlgerechte Ferienwohnung im Umkreis ensteht in Weinried

Ein symbolischer Spatenstich einmal anders: Markus Schneider (Mitte, mit grünem Helm) zusammen mit seinen Unterstützern – darunter Jochen Wild vom Berkheimer Bauunternehmen Max Wild (ganz links), Christine Hartge, Rektorin der Grundschule Benningen (dritte von links), sowie Alex Eder, Landrat des Landkreises Unterallgäu (im blauen Anzug). 
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Ein symbolischer Spatenstich einmal anders: Markus Schneider (Mitte, mit grünem Helm) zusammen mit seinen Unterstützern – darunter Jochen Wild vom Berkheimer Bauunternehmen Max Wild (ganz links), Christine Hartge, Rektorin der Grundschule Benningen (dritte von links), sowie Alex Eder, Landrat des Landkreises Unterallgäu (im blauen Anzug). 

Weinried – Markus Schneider hatte 2011 einen schweren Unfall. Bis heute hat er mit den Folgen zu kämpfen: Er musste sich an ein Leben mit körperlichen Beeinträchtigungen gewöhnen. So ist er seitdem größtenteils auf den Rollstuhl angewiesen und kann nur kurze Strecken zu Fuß zurücklegen. Doch der Weinrieder hat sich mit seinem Handicap arrangiert. „Jeder Mensch hat ein Handicap, es ist nur eine Frage der Definition. Für manche ist es eine Brille, für andere schon ein abgebrochener Fingernagel“, sagt er.

Obwohl die Ärzte ihm keine großen Chancen ausrechneten, dass er überhaupt jemals wieder allein dazu in der Lage wäre, aus einer Schnabeltasse zu trinken, kämpfte sich Markus Schneider zurück ins Leben. Nach vielen Monaten im Koma und insgesamt rund zwei Jahren Krankenhausaufenthalt ging es ihm zunehmend besser – heute kann er sogar wieder laufen. 2014 gründete Schneider den Verein Phönix Allgäu e.V. - mit dem Ziel, andere Unfallopfer im Alltag zu unterstützen. Zudem leistet er Aufklärungsarbeit und hält unter anderem Vorträge an Schulen über sein Leben mit Beeinträchtigung.

Da im weiteren Umkreis der Gemeinde Oberschönegg bislang keine behindertengerechte Wohnung zu Besichtigungszwecken existiert, kam Schneider die Idee, selbst eine „erlebbare R-Wohnung“ auf seinem Grundstück am Günztalradweg in Weinried zu bauen. Als R-Wohnung werden uneingeschränkt mit dem Rollstuhl nutzbare Unterkünfte bezeichnet. Schneiders Bauprojekt soll nach seiner Fertigstellung für kostenlose Besichtigungen beziehungsweise als Ferienwohnung genutzt werden, damit jeder Interessierte die Vorteile einer behinderten- und rollstuhlgerechten Wohnung im Alltag erleben kann. Dies ist nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigung aufschlussreich, denn für den Großteil der Menschen stellt sich spätestens im Alter die Frage, wie die Wohnung oder das Haus so ausgestaltet werden können, um möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben. Die R-Wohnung dient hier als Beispielobjekt, die für den barrierefreien Umbau oder Bau einer Wohnung inspirieren kann. Außerdem hofft Markus Schneider, damit das Bewusstsein in der Bevölkerung für das Thema Inklusion zu stärken.

Doch was genau unterscheidet eine R-Wohnung von einer „Gewöhnlichen“? Es gibt eine Vielzahl von bautechnischen Besonderheiten sowie eine besondere Ausstattung der Räume, wie zum Beispiel einen Meter breite Zimmertüren, damit problemlos ein Rollstuhl durchpasst, oder eine fahrbare Küchenzeile, die sich per Knopfdruck an unterschiedliche Arbeitshöhen anpassen lässt. Auch das Thema Smarthome ist ein wichtiger Punkt – so wird beispielsweise das Licht gesteuert, sodass stets eine Notbeleuchtung aktiviert ist. Wichtig ist dem Bauherrn bei der Gestaltung vor allem eines: Alles muss modern, stylish und so „normal“ wie möglich aussehen. „Niemand wohnt gerne in einer Wohnung, die aussieht wie ein Krankenhaus“, so Schneider.

Obwohl die Baupläne und Genehmigungen für die R-Wohnung schon bereitliegen, steckt das Projekt noch in den Kinderschuhen. Markus Schneider ist noch auf der Suche nach Partnern und Sponsoren, die ihn bei der Verwirklichung seines Projekts unterstützen wollen. Die Gesamtkosten für den Bau werden sich auf rund 400.000 Euro belaufen, Schneider erhält dafür eine Fördersumme von 97.500 Euro. Er zeigt sich zuversichtlich und freut sich darauf, seine Vision in die Tat umzusetzen. Nur einen großen Traum kann sich der Phönix-Allgäu-Gründer vorerst nicht erfüllen: Das Anlegen eines rollstuhlgerechten Gartens mit Hochbeeten, die er auch vom Rollstuhl aus bewirtschaften könnte. „Leider würde mich allein der Garten nochmal 100.000 Euro kosten“, so Schneider. (jz)

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