Was machen Nazis hier?

Expertenpodium zum rechten Untergrund im Allgäu

Die "Gartenschänke" der Skinheadkameradschaft "Voice of Anger" ging 2017 in Flammen auf. Die Polizei ging von Brandstiftung aus. Mittlerweile soll das Clubhaus laut Recherchen von "Allgäu rechtsaußen" jedoch wieder in Betrieb sein.
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Die "Gartenschänke" der Skinheadkameradschaft "Voice of Anger" ging 2017 in Flammen auf. Die Polizei ging von Brandstiftung aus. Mittlerweile soll das Clubhaus laut Recherchen von "Allgäu rechtsaußen" jedoch wieder in Betrieb sein.

Memmingen – Das Allgäu ist schön, keine Frage. Aber hinter den Kulissen geht es bei weitem nicht so idyllisch zu, wie man vielleicht glauben möchte: Auch hier in der Region existiert seit Jahren eine gut vernetzte und alles andere als harmlose rechtsextreme Szene. In Memmingen hat nun bei einer Podiumsdiskussion die Plattform „Allgäu rechtsaußen“ ihre Recherchen zu den radikalen Verflechtungen rund um die Memminger Neonazigruppierung „Voice of Anger“ präsentiert.

Laut Verfassungsschutz ist „Voice of Anger“ die größte noch aktive Skinheadgruppierung in ganz Bayern. Offiziell werden der Organisation, die das Memminger Stadtwappen in ihrem Zeichen trägt und in Buxach-Hart ein eigenes „Clubhaus“ betreibt, rund 60 Mitglieder zugerechnet. Journalist Sebastian Lipp von „Allgäu rechtsaußen“ hält diese Zahl jedoch für vorsichtig geschätzt. Er beobachtet für verschiedene Medienhäuser schwerpunktmäßig die rechtsradikale Szene in Süddeutschland. Gemeinsam mit dem Redaktionsteam von „Allgäu rechtsaußen“ betreibt er darüber hinaus detaillierte Recherchen zur Skinheadgruppierung „Voice of Anger“ und deren Umfeld.

Lipp hält den Dunstkreis um die Neonazigruppierung für deutlich größer als die Schätzung des Verfassungsschutzes: Der Sympathisantenkreis sei äußerst umfangreich, außerdem sei „Voice of Anger“ auch international eng vernetzt. Besonders steche dabei das seit 2000 in Deutschland verbotene rechtsextreme Netzwerk „Blood and Honour“ hervor.

Robert Andreasch ist Experte für die rechtsradikale Szene in Deutschland mit Schwerpunkt Bayern und hat fünf Jahre lang den NSU-Prozess begleitet. In Bezug auf die Szene im Allgäu spricht er von einer „Rechtsrockkontinuität“. Tatsächlich hatte sich bereits 1995 mit den „Skinheads Allgäu 88“ eine rechtsextreme Kameradschaft formiert. Nach deren Verbot durch das Bayerische Innenministerium 1996 wurden daraus die „Skinheads Schwaben“. Deren Anhänger wechselten laut Recherchen von „Allgäu rechtsaußen“ zu „White Power Schwaben“, um einem weiteren Verbot zu entgehen. Diese Gruppierung löste sich 2006 selbst auf; die verbliebenen Mitglieder liefen dann zu „Voice of Anger“ über.

Andreasch wirft den Behörden vor, dass die Verbote rechtsradikaler Organisationen in den vergangenen Jahren nicht genügend nachverfolgt wurden. Alte Strukturen konnten weiter bestehen – nur immer unter neuem Namen. So habe sich die Szene seit den 90er Jahren ungehindert weiterentwickeln und etablieren können.

Auch Katharina Schulze, Vorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag, sprach sich für mehr Einsatz vonseiten der Behörden aus und fand deutliche Worte: Beim Thema Rechtsextremismus wünsche auch sie sich die so oft beschworene „volle Härte des Rechtsstaats“. Vor allem die Sicherheitsbehörden müssten „den Druck immer aufrecht erhalten“. Es müsse laut Schulze oberstes Interesse der Regierung sein, dass so etwas wie die rechtsradikal motivierten NSU-Morde nie mehr geschehen könne. Dafür brauche es entsprechend geschultes Personal und eine deutlich engere Zusammenarbeit, auch über Ländergrenzen hinweg.

Das wäre auch in Bezug auf rechtsradikale Konzerte hilfreich, wie sie auch „Blood and Honour“ oder „Voice of Anger“ organisieren. 2018 war es den Behörden gelungen, ein nicht genehmigtes Rechtsrockkonzert im Verwaltungsbereich Memmingerberg zu unterbinden. Nur überquerten die Veranstalter kurzerhand die Grenze nach Baden-Württemberg und konnten dort das Konzert bei Aichstetten im Landkreis Ravensburg ungehindert durchführen.

Generell spiele Musik in der rechtsextremen Szene eine ungemein wichtige Rolle, sind sich die Diskussionsteilnehmer einig – auch in der Region. So betreibt ein führendes Mitglied von „Voice of Anger“ von Bad Grönenbach aus das Rechtsrock-Musiklabel „Oldschool Records“ (wir berichteten). Laut Andreasch zeichnet sich die Musik von rechtsextremen Bands – wie zum Beispiel „Faustrecht“ aus Mindelheim – durch gewaltverherrlichende, nationalistische, rassistische und geschichtsverfälschende Inhalte aus. Aber genau so etwas komme eben „massenhaft gut“ an und sei in seiner Gefährlichkeit nicht zu unterschätzen. Denn: „Aus Worten werden irgendwann Taten“, sagte Schulze.

Mehr Informationen zum Thema und zur kostenlosen Broschüre „Voice of Anger und der rechte Untergrund im Allgäu“ gibt es unter www.allgaeu-rechtsaussen.de. (am)

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