„Wir müssen dem etwas entgegensetzen“

Filmvorführung „Undercover unter Nazis“ in Memmingen

+
Neun Jahre war Thomas Kuban undercover in der Neonazi-Musikszene unterwegs. Aus den Aufnahmen, die er mit versteckter Kamera gemacht hat, entstand Peter Ohlendorfs Dokumentarfilm „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“.

Memmingen - Neun Jahre lang hat sich ein Journalist in die Neonaziszene eingeschleust und dort mit versteckter Kamera gefilmt. Aus diesem Material entstand die Dokumentation „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“. Regisseur Peter Ohlendorf hat in Zusammenarbeit mit dem Memminger KURIER diesen Film kürzlich in Memmingen gezeigt.

Blonde Perücke, Sonnenbrille, unförmiges senfgelbes Jackett: Der Journalist mit dem Decknamen Thomas Kuban zeigt sich in der Öffentlichkeit nur in einer Verkleidung, die optisch irgendwo „zwischen Heino und Pokerface“ liegt. Diese Maskerade mag auf den ersten Blick seltsam wirken – für Kuban ist sie überlebenswichtig. Er war über mehrere Jahre hinweg in der deutschen und europäischen Neonaziszene unterwegs und hat mit versteckter Kamera auf deren Konzerten gefilmt.

Die Bilder, die er dort eingefangen hat, sind erschreckend: Neonazis recken scharenweise den rechten Arm zum Hitlergruß in die Höhe und grölen lautstark Lieder, in denen es explizit darum geht, alle aus dem Weg zu räumen, die ihnen nicht ins Weltbild passen – Ausländer, Homosexuelle, Juden, Christen, Muslime und politisch Andersdenkende. Eine Songzeile, die Kuban auf diesen Konzerten immer wieder begegnet ist, hat dem Dokumentarfilm seinen Titel verliehen: „Blut muss fließen, knüppelhageldick, wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik...“ Die Leute, die dort feiern, haben sich den Zahlencode „18“ oder „88“ auf den Körper tätowiert – sie stehen für „Adolf Hitler“ beziehungsweise „Heil Hitler“ – oder tragen gleich dessen Konterfei auf der Schulter.

Regisseur Peter Ohlendorf warnte die Zuschauer in Memmingen wiederholt davor, solche Konzerte und Songtexte zu unterschätzen, denn auch die Rechtsterroristen des NSU stammten laut Ohlendorf aus diesen Kreisen: „Sie singen nicht nur, sie machen es auch.“

Auch hier in der Region sind Rechtsextreme weiterhin aktiv – mit „Voice of Anger“ hat die laut Verfassungsschutz größte noch aktive Skinheadgruppierung Bayerns ihren Sitz in Memmingen. Und auch im Musikbusiness sind die Allgäuer Neonazis fest verankert – man denke nur an die Mindelheimer Band „Faustrecht“ oder das rechtsextreme Plattenlabel „Oldschool Records“ in Bad Grönenbach, dessen Betreiber wiederum eine Führungsposition bei „Voice of Anger“ inne hat. Und auch in der Region finden genau solche Konzerte statt, wie sie im Dokumentarfilm gezeigt werden – laut Informationen der Rechercheplattform „Allgäu rechtsaußen“ kürzlich wieder Anfang März im neu aufgebauten Clubhaus von „Voice of Anger“ in Buxach-Hart.

Bürgermeisterin Margareta Böckh, die zur Filmvorführung gekommen war, merkte an, dass die Stadt Memmingen gerade dabei sei, baurechtliche Schritte zu prüfen, ob man gegen dieses Clubhaus vorgehen könne. Das Einschreiten bei rechtsradikalen Konzerten sei jedoch für die Behörden oft schwierig, weil diese Veranstaltungen als private Geburtstagsfeiern deklariert würden.

Neben der Zweiten Bürgermeisterin waren auch der Stellvertretende Landrat Helmut Koch, die Schulleiterin der Realschule am Maristenkolleg Mindelheim, Maria Schmölz, Schulamtsdirektor Bertram Hörtensteiner, die Memminger Stadträte Stefan Gutermann (CSU), Matthias Reßler (SPD) und Edmund Güttler (SPD), Dekan Christoph Schieder sowie der Vorsitzende des DGB Kreis-Allgäu, Ludwin Debong, der Einladung des Memminger KURIER gefolgt. Gemeinsam mit Filmemacher Peter Ohlendorf sowie den Redakteuren Sebastian Lipp und Norbert Kelpp von der Rechercheplattform „Allgäu rechtsaußen“ diskutierten sie über das Gesehene und die Neonaziszene vor Ort. Weitere zur Veranstaltung geladene Vertreter aus Politik, Schulwesen und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens hatten diese Gelegenheit bedauerlicherweise nicht wahrgenommen.

Besonders Jugendliche seien laut Ohlendorf anfällig für die gefährliche Botschaft der Neonazis – zum Teil auch, weil es in manchen Regionen schlicht keine anderen Angebote geben würde. „Wir müssen dem etwas entgegensetzen“, sagte Ludwin Debong. „Wir sind es unserer Geschichte schuldig.“ Seiner Ansicht nach werde das Thema Rechtsextremismus „nach wie vor verniedlicht“.

Ohlendorf – ebenso wie Thomas Kuban im Film – wünschte sich ein direkteres Vorgehen der Behörden bei Rechtsrockveranstaltungen. Auf Nachfrage von Matthias Reßler sagte der Filmemacher: „Ich erlebe so und so Polizei.“ Es gebe Polizeipräsidien, die kaum gegen Neonazis vorgehen würden, aber auch solche, die sich weiterbilden, vorbereiten und einschreiten.

Die Redakteure von „Allgäu rechtsaußen“ versuchen immer wieder, die geheimen Treffpunkte von Neonazikonzerten ausfindig zu machen. Sobald sie Informatioen dazu haben, kontaktieren sie die Behörden. Die wüssten laut Norbert Kelpp jedoch nicht immer Bescheid – entsprechend schwer ist es, einzuschreiten.

Stefan Gutermann wies darauf hin, dass Memmingen auch anders könne – zum Beispiel wurde hier einer der ersten Ausländerbeiräte eingerichtet. Jedoch sei die Präsenz von Rechtsextremen nicht zu leugnen. Er selbst finde immer wieder Aufkleber der Identitären im Stadtgebiet und „die Glatzen“ stünden nicht nur vor Gaststätten und im Fußballstadion: „Wer es sehen möchte, der kann es sehen.“(am)

Auch interessant

Meistgelesen

Der Eiserne Steg wird abgerissen
Der Eiserne Steg wird abgerissen
Memmingen: Eiserner Steg weicht neuem Übergang
Memmingen: Eiserner Steg weicht neuem Übergang
Zwei neue Ausstellungen in der MEWO Kunsthalle eröffnet
Zwei neue Ausstellungen in der MEWO Kunsthalle eröffnet
Memmingen: Krematorium spendet 43.000 Euro
Memmingen: Krematorium spendet 43.000 Euro

Kommentare