Führung durch das Memminger Stadtarchiv

Vom Pergament zum PDF

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Auch früher haben die Leute in ihren Büchern Randnotizen gemacht; der Reformator Christoph Schappeler war da keine Ausnahme. Aus seinem Besitz stammt diese Inkunabel, die Stadtarchivar Christoph Engelhard den Besuchern zeigte.

Memmingen – Vorsichtig und schon fast ehrfürchtig behandeln die Besucher des Stadtarchivs das Pergament mit dem schweren Bleisiegel. Zu Recht, denn die Urkunde, die Stadtarchivar Christoph Engelhard hier herumreicht, stammt aus dem Jahr 1496 und wurde von Papst Alexander VI. ausgestellt.

Keiner der 25 Besucher wird wohl jemals wieder die Gelegenheit bekommen, dieses wertvolle Schriftstück in Händen zu halten. Denn Pergament hält zwar deutlich mehr aus als Papier, aber trotzdem ist jede Berührung eine Strapaze für ein solches Dokument. Und deshalb wandert die Urkunde auch schnell wieder zurück ins Magazin. Dort liegt die Temperatur das ganze Jahr über zwischen 16 und 18 Grad Celsius und die Luftfeuchtigkeit überschreitet nie 60 Prozent – ideale Verhältnisse.

Der Anlass, zu dem Stadtarchivar Christoph Engelhard dieses wertvolle Dokument hervorgeholt hat, ist der neunte bundesweite Tag der Archive, zu dem auch das Memminger Stadtarchiv seine Tore geöffnet hat. Das Interesse war groß und die beiden Führungen waren schnell ausgebucht. Das ist auch nicht verwunderlich, denn wann bekommt man sonst schon eine Ausgabe der berühmten Zwölf Bauernartikel oder eine Urkunde aus dem Jahr 1399 zu Gesicht? 

Besonders interessant ist eine Inkunabel aus dem Besitz des Theologen und Reformators Christoph Schappeler. Das Buch ist übersät mit seinen handschriftlichen Notizen. Diese lateinischen Anmerkungen auszuwerten könnte laut Engelhard ein wichtiger Schritt in der Erforschung der Reformationsbewegung in Memmingen sein. Es fehle momentan jedoch an Übersetzern, die diese enorm aufwendige Arbeit auf sich nehmen können. Aber auch der finsterste Teil der deutschen Geschichte ist im Memminger Stadtarchiv festgehalten: Der Abriss der Synagoge und die als „Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben“ betitelte Enteignung der jüdischen Bevölkerung Memmingens sind in ihrer ganzen brutalen Nüchternheit erhalten. 

Die Aufbewahrung all dieser Schriftstücke bringt einige Schwierigkeiten mit sich. Pergament hält sich relativ gut, Papier ist schon deutlich empfindlicher – und Umweltpapier macht den Archivaren laut Engelhard ernsthafte Probleme, da es sich aus zu vielen verschiedenen Papiersorten zusammensetzt. Solche Dokumente müssen in teuren Verfahren entsäuert werden, um sie vor dem Verfall zu schützen. 

Richtig kompliziert wird es im digitalen Bereich. Was passiert zum Beispiel mit veralteten Dateiformaten? Ein Buch lässt sich auch Jahrhunderte später noch öffnen, eine simple PDF-Datei nicht. Für dieses Problem eine Lösung zu finden, ist wohl eine der schwierigsten Aufgaben, denen die Archive im 21. Jahrhundert gegenüberstehen. 

Einen Vorteil hat die Digitalisierung jedoch: Archive können immer mehr Schriftstücke online zur Verfügung stellen. Das schützt einerseits die Dokumente selbst, andererseits erleichtert es den Zugang zu Informationen. Auch das Stadtarchiv Memmingen hat bereits einige seiner Schriftstücke digitalisiert und unter www.stadtarchiv.memmingen.de veröffentlicht. Aber auch sonst stehen die Türen des Memminger Stadtarchivs jedem für seine Recherchen offen; man braucht nur zu fragen. (am)

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