Das Ende der Idylle?

„Soko Tierschutz“ enttarnt hiesigen Milchbauern als Tierquäler

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Die Recherchen des Vereins „Soko Tierschutz“ entzaubern den Mythos von der idyllischen Milchproduktion im Allgäu – auch die ist längst in der Massentierhaltung angekommen. 

Bad Grönenbach – Seit Dienstag dieser Woche gibt es in Deutschland einen weiteren Skandal im Bereich der Massentierhaltung. Lag der Fokus bislang auf der Schweine- und Geflügelzüchterbranche, ist jetzt mit dem Bad Grönenbacher Betrieb „Endres Milchviehanlage“ die Rinderzucht ins Visier der Öffentlichkeit wie auch der Behörden und der Staatsanwaltschaft gerückt.

Wie wir bereits am Dienstag in unserer Online-Ausgabe berichtet haben, besteht bei dem Milchgroßbauern aus Bad Grönenbach der Verdacht, dass Tiere über einen längeren Zeitraum systematisch Durst, Hunger und Gewalt ausgesetzt waren. Der dokumentierte Todeskampf der Tiere dauert oftmals mehrere Tage. Ein Video, das am Dienstagabend im ARD-Magazin Report Mainz zu sehen war, zeigt, wie der Betriebsleiter persönlich Kühe misshandelt. Dabei kommen Tritte, Stiche mit einem spitzen Gegenstand und Gewalt mittels eines Traktors zum Einsatz. Mit dem Traktor werden Tiere gewaltsam umhergeschleift und mutwillig schwer verletzt. Besonders grausam: Anstatt durch Entbluten nach Betäubung lässt man Kühe an den Kopfverletzungen des Bolzenschusses über Stunden grausam verenden. Darüber hinaus wurden offenbar auch Tiere aus dem so genannten Krankenstall zum Schlachthof Vion in Buchloe gebracht, wo sie – obwohl dies gesetzlich verboten ist – geschlachtet und in den Nahrungskreislauf gebracht wurden. 

Champignon beendet Zusammenarbeit

Die täglich rund 40 Tonnen Milch des Bad Grönenbacher Betriebes sind bislang zum größten Teil an die Käserei Champignon in Heising bei Kempten geliefert und dort verarbeitet worden. Das Unternehmen distanziert sich in einer Pressemitteilung wie folgt: „Wir haben die Medienberichte natürlich verfolgt und sind von den Vorfällen sehr betroffen. Diese Bilder entsprechen in keiner Weise unseren Forderungen und Ansprüchen. Wir bekennen uns eindeutig und unmissverständlich zum Tierwohl und distanzieren uns von jeglichen Missständen in der Tierhaltung oder Verstößen gegen das Tierschutzgesetz. Wir haben mit unseren Lieferanten klare Standards zur Milchproduktion vereinbart und kontrollieren deren Einhaltung über regelmäßige Audits durch unabhängige, zertifizierte und akkreditierte Prüfstellen vor Ort. Zuletzt wurde der betroffene Milchviehbetrieb im März 2019 kontrolliert. Die gelieferte Milch des betreffenden Milchviehhofes war und ist von einwandfreier Qualität, dennoch wird die Käserei Champignon, aus ethischen und moralischen Gründen, ab sofort keine Milch mehr von diesem Hof annehmen und verarbeiten." 

Seit Jahren bekannt

Aufgedeckt und publik gemacht hat die offensichtlich massenhaften Missstände bei Bayerns größtem Milchviehhalter im Unterallgäu der Tierrechtsverein „Soko Tierschutz" aus Planegg bei München. Nach offiziellen Angaben gehören dem Betrieb 1.800 Milchkühe, bundesweit haben Bauern im Schnitt etwa 65, in Bayern sogar nur 40 Tiere. Nach Schätzungen von Soko-Tierrechtsgründer und Vorstand Friedrich Mülln dürfte die tatsächliche Zahl der Tiere bei Endres deutlich höher sein. „Inklusive der Jungrinder und Stiere gehen wir von geschätzt 3.500 Rindern aus.“ Laut Mülln ist der betroffene Hof bereits seit Jahren bekannt und im Fokus der Tierschützer. Bereits früher wurden laut Mülln Behörden informiert.

Mythos entzaubert

„Diese Recherche entzaubert den Mythos von der Milchproduktion im idyllischen Allgäu. Sie ist längst in der Massentierhaltung angekommen, mit schrecklichen Folgen für die Tiere“, so der Tierschützer, der den Verein 2012 in Augsburg gegründet hat. Nach seiner Aussage erhält er Informationen oftmals direkt aus der Branche, diese speisen sich meist aus mehreren Quellen und würden auch überprüft. „Bevor wir etwas öffentlich machen oder zur Anzeige bringen, müssen wir sicher sein, dass die Vorwürfe auch stimmen“, betont Mülln im Gespräch mit unserer Redaktion. Allerdings kritisiert er die aus seiner Sicht oftmals lasche Vorgehensweise der Behörden. Im vorliegenden Fall bezeichnet er die Rolle des Veterinäramtes in Mindelheim als „fatal“: „Die sagen immer, sie haben ihren Job gemacht und seien tätig gewesen, hätten aber nichts Gravierendes gefunden.“ Er spricht in diesem Zusammenhang von einem „eingespielten System“ von Verquickung und Angst. Aus seiner Sicht haben die Landratsämter durchaus starke Instrumente, wie zum Beispiel die Verhängung von Tierhalteverboten, an der Hand. „Aber die trauen sich nicht, weil sie Angst vor Klagen haben.“ 

Angst vor Klagen

Und auch die praktizierenden Tierärzte spielen da nach seiner Ansicht eine entscheidende Rolle: „Die sind doch von solchen Großkunden wie im Fall Endres abhängig, wenn der sie nicht mehr auf den Hof lässt, bedeutet das hohe finanzielle Einbußen.“ (eine Stellungnahme des Landratsamtes Unterallgäu lesen Sie in unserer Print-Ausgabe am Samstag!). Aus Friedrich Müllns Sicht ein Teufelskreis. Mittlerweile stehe der Verein auch mit den Polizeibehörden in Kontakt, um die gesammelten Unterlagen und Fotos zu übermitteln und auszuwerten. Und auch die EU dürfte sich mit dem Fall beschäftigen, denn der Betrieb habe im Rahmen von Cross Compliance Fördergelder in nicht unerheblicher Höhe erhalten. Diese, so Mülln, seien aber an klare Vorgaben insbesondere was das Tierwohl angehe gebunden. 

Bürgermeister schockiert

Schockiert auf die Vorkommnisse reagierte auch Bad Grönenbachs Bürgermeister Bernhard Kerler. „Dies ist sicher nicht gut für das Image der Gemeinde. Wir erhalten auch schon sehr viele negative Zuschriften, obwohl wir als Gemeinde damit nichts zu tun haben“. Aus Kerlers Sicht sind nunmehr die Behörden gefordert, alle Vorwürfe restlos aufzuklären. Aber auch die Politik sieht er in der Pflicht zu hinterfragen, ob solche Großbetriebe wirklich sinnvoll sind. 

Politik will Aufklärung

Diese hat sich mittlerweile auch in dem Fall zu Wort gemeldet. Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) betonte in einer Stellungnahme, für ihn stehe das Wohl der Tier und der Tier- und Verbraucherschutz an oberster Stelle. Er stehe mit der Staatsanwaltschaft, die die Ermittlungen aufgenommen habe, in engem Schulterschluss, um die Dinge aufzuklären, die hier erwartet werden. Sein Fraktionskollege Dr. Leopold Herz, Vorsitzender des Agrarausschusses im Landtag: „Sollten sich die schweren Vorwürfe gegen den Milchviehbetrieb in Bad Grönenbach bestätigen, müssen die Verantwortlichen rigoros bestraft werden. Verschärfte Kontrollen sollten daher vor allem bei Betrieben durchgeführt werden, die bereits mehrfach einschlägig in Erscheinung getreten sind.“ Die Allgäuer Bundestagsabgeordnete Susanne Ferschl (Die Linke) erwartet jetzt eine schnelle Reaktion der Behörden. Es stelle sich die Frage, warum offensichtlich trotz mehrerer tierschutzrechtlicher Verstöße im Vorfeld bislang nichts unternommen wurde. Jetzt sei sicherzustellen, dass alle Tiere im Betrieb des Allgäuer Milchviehhalters gut versorgt werden. Auch der Bayerische Landtag hat sich mittlerweile mit dem Thema beschäftigt, Abgeordnete von Grünen und SPD forderten eine Sondersitzung des Bayerischen Umweltausschusses. Dabei soll ein funktionierendes Kontrollsystem zur Überwachung von Großbetrieben und die personelle Überlastung von Amtsveterinären diskutiert werden. (es)

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