Dr. Helmut Reitze sprach zum Thema „Journalismus unter Verdacht?“

„Wir haben ein riesiges Glaubwürdigkeitsproblem“

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Der ehemalige Intendant des Hessischen Rundfunks und stellvertretender ZDF-Chefredakteur, Dr. Helmut Reitze, bei seinem Vortrag im Kaminwerk.

Memmingen – Die Medienschelte ist in unseren sogenannten „postfaktischen Zeiten“ massiv in der öffentlichen Diskussion verbreitet. Dies nahmen die Wirtschaftsjunioren Memmingen/Unterallgäu zum Anlass, den ehemaligen Intendanten des Hessischen Rundfunks und stellvertretenden ZDF-Chefredakteur, Dr. Helmut Reitze zu einem Vortrag ins Kaminwerk einzuladen.

Die Frage, wie er denn die Berichterstattung bei seinem Wahlkampf Anfang des Jahres empfunden habe, beantwortet Memmingens Oberbürgermeister Manfred Schilder in seiner Begrüßung mit: „Sehr sehr objektiv“. Die Medien hätten eine Berichterstattung geliefert, die beiden Kandidaten gerecht geworden sei. Die Memminger Medien hätten es geschafft, Meinungen zuzulassen. Schilder zeigte sich auch offen für neue Medien, er habe einen Facebook- und seit kurzem sogar einen Twitter-Account. Über diese Kanäle könne man noch schneller noch mehr Menschen erreichen. Man müsse genau prüfen mit welchen Kanälen man welche Zielgruppen ansprechen kann. Um die Aufmerksamkeit des Publikums für sein Thema zu gewinnen, begann der Referent Dr. Helmut Reitze seinen Vortrag mit einer Videosequenz, die das Intro der Fernsehsendung Tatort zeigte. Reitze begann seine Ausführungen mit einem Vergleich. Er verglich die Medien mit der freien Wirtschaft. Über die Industrie halte die Politik wegen der Arbeitsplätze grundsätzlich immer die schützende Hand. Ist die Wirtschaft in Not, komme die Politik mit Geld oder neuen Gesetzen. Reitze stellte die Frage in den Raum, warum es bei den Medien anders sei. Es gehe den Medien schlecht, so Reitze. Die Auflagen der Zeitungen sinken seit Jahren, Anzeigen wandern ins Internet ab, das Unwort Lügenpresse überschatte das Dasein. Das alles seien wirtschaftliche Drucksituationen, unter denen die Medien zu leiden hätte. Die Pressefreiheit sei im Grundgesetz verankert, von der Stahl- oder Automobilindustrie stehe da nichts drin. Dabei sei Pressefreiheit für die Demokratie enorm wichtig, denn nur so können Bürger frei und kundig ihre Entscheidungen treffen. „Wenn das Mediensystem nicht funktioniert, funktioniert auch die Demokratie nicht richtig“, so Reitze. Der Journalismus habe den Zweck der Vermittlung eines realitätsgerechten Blicks auf das aktuelle Geschehen. Die Medien machen seiner Meinung nach aber in letzter Zeit zu viele Fehler und haben deswegen ein riesiges Glaubwürdigkeitsproblem. Der Grund sei, dass Inhalte heutzutage durch das Internet länger nachprüfbar sind. Die häufigsten Fehler seien falsche oder selektiv ausgesuchte Fakten und journalistisches Rudelverhalten. Reitze brachte ein paar Beispiele, wo vorschnell Artikel veröffentlicht wurden, die nicht recherchiert waren, sondern einfach ungeprüft übernommen wurden. Dies sei durchgängig bei allen Medien die tägliche Praxis. Geschwindigkeit gehe vor Sorgfalt und so würden durch Meldungen unnötigerweise Befürchtungen geschaffen, die es so gar nicht geben dürfte. Reitze gibt dabei aber auch den Mediennutzern die Schuld. „Sie halten es nicht aus, wenn sie ein paar Sekunden nichts wissen“ und gibt den Rat, bei Breaking News sehr vorsichtig zu sein. Meistens handle es sich dabei nur um medialen Schaum mit wenig Substanz. Ein weiterer Grund für die Unglaubwürdigkeit sei, dass die vermittelten Emotionen zunehmend zum Selbstzweck verwendet werden. Bei der Flüchtlingswelle wurden beispielsweise fast nur Frauen mit kleinen Kindern gezeigt, wo man doch wisse, dass 70 Prozent der Flüchtlinge erwachsene Männer waren. Wenn man nichts oder wenig wisse, sei es leichter über Emotionen zu berichten, als die Hintergründe zu recherchieren. Als letzten Punkt für das Misstrauen gegenüber den Medien nannte Reitze die selektive Auswahl von Fakten. In der Branche gelte noch immer der Grundsatz: „Bad News sind good News“. Themen würden künstlich hochgespielt und durch die Häufung von Berichten über ein Thema werde dessen Wichtigkeit suggeriert. Ein großes Problem unter den Journalisten sei, dass es akzeptiert werde, wenn man Tatsachen totschweigt oder man gewisse Themen bewusst skandalisiert. Dies sei besonders bei der Berichterstattung über Fukushima der Fall gewesen. Es gebe eine hohe Ablehnung von Kernenergie unter Journalisten und dadurch verstärkte sich unter ihnen die Akzeptanz, sich fragwürdiger journalistischer Praktiken zu bedienen. Journalisten seien keine Lügner, aber ihr intellektueller Hochmut mache sie oft zu „Gläubigen“, die bei kontroversen Themen ihre Sichtweise irrtümlich für die Wahrheit halten. (ew)

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