Zeichen gegen das Vergessen

Holocaustgedenktag in der Synagoge Fellheim

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Der Ottobeurer Chor VivaVox begleitete würdevoll den Gedenktag in der Fellheimer Synagoge.

Fellheim – Eine bewegende Stunde der Erinnerung an den Genozid an der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten im Dritten Reich, veranstaltete die Deutsch-Israelische Gesellschaft in der ehemaligen Synagoge in Fellheim. Die Schirmherrschaft übernahmen Landrat Hans-Joachim Weirather und Memmingens Oberbürgermeister Manfred Schilder.

Am 3. Januar 1996 hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar per Proklamation zum Gedenktag erklärt, führte Fellheims Bürgermeister Alfred Grözinger in seiner Begrüßung aus. An diesem Tag im Jahr 1945 befreiten die Soldaten der Roten Armee die Gefangenen im Konzentrationslager Auschwitz. Fellheim sei als ehemals stark jüdisch geprägter Ort hervorragend für solch eine Veranstaltung geeignet. Die ehemalige Synagoge sei ein Denkmal für die Geschichte Fellheims und heute gedenke man der 25 Millionen ermordeten Menschen und deren Schicksale. Man lebe in einer Zeit, in der diese Gedanken in Vergessenheit zu geraten drohen und man müsse alles tun, um dies zu verhindern, so Grözinger. 

Fellheim mit seiner ehemaligen Synagoge sei der passende Ort, denn es gebe nichts Vergleichbares, führte Landrat Hans-Joachim Weirather, ein geborener Fellheimer, aus. Es sei eine weise Entscheidung im Sinne des Gedenkens gewesen, dieses Gebäude wieder in einen Zustand zu bringen, den es verdient hat. Menschen, die seit Jahrhunderten hier zu Hause waren, gute und schlechte Zeiten erlebt und teilweise am ersten Weltkrieg teilgenommen haben, hätten zuversichtlich in die Zukunft geblickt und in den Zwanzigerjahren habe es auch nicht schlecht ausgesehen, führt Weirather aus. 1933 bei der Machtübernahme durch die Nazis sei der Arierparagraph gekommen und habe viele Menschen unter anderem ihrer Berufsfreiheit beraubt. Bürger jüdischen Glaubens seien unerwünscht gewesen. 

Weirather nannte als Beispiel seinen Onkel, dem im Alter von 14 Jahren nicht mehr erlaubt wurde, mit seinem jüdischen Freund zu spielen. Ab 1935 sei es mit den Nürnberger Gesetzen Zug um Zug dramatischer geworden und Verstöße dagegen wurden als Rassenschande bestraft. Nach den Novemberpogromen 1938 sei das jüdische Leben vollkommen zum Erliegen gebracht worden. Warum die Memminger Synagoge zerstört worden ist und die Fellheimer nicht, erklärt der Landrat mit Pragmatismus. Wenn man die Fellheimer Synagoge angezündet hätte, wären die unmittelbaren Nachbarhäuser ebenfalls abgebrannt. 

Weirather bedankte sich bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft für diesen Gedenktag und den Aufruf, das Vergessen zu verhindern. Diese grauenhaften Dinge dürfen sich nicht wiederholen und man müsse sich seiner staatsbürgerlichen Pflichten erinnern und sich hasserfüllten und ausgrenzenden Reden entgegenstellen. Ohne bestimmte Parteien oder Personen beim Namen zu nennen, sieht Weirather in Deutschland und in Europa eine Rückkehr dieser „schwarzen Dämonen“, die Hass und Ausgrenzung predigen. 

Ausmaß der Katastrophe nicht zu fassen

„Ihr seid nicht schuld an dem was war, aber verantwortlich dafür, dass es nie mehr geschieht.“ Mit diesem Zitat des Holocaustüberlebenden Max Mannheimer begann Oberbürgermeister Manfred Schilder seine Ausführungen. An diesem Tag vor genau 74 Jahren wurde das Konzentrationslager in Auschwitz, in dem über eine Million Menschen zielgerichtet ermordet wurden, befreit. Dass dieser Gedenktag seine uneingeschränkte Berechtigung hat, sehe man an dem nach wie vor vorhandenem Ungeist, der in Teilen der Gesellschaft herrsche. 

Es gebe keinen Genozid, der so umfassend dokumentiert sei. Es habe stundenlange Interviews mit Überlebenden gegeben und trotzdem gebe es Leugner die behaupten, alles sei nur erfunden. Das wirkliche Ausmaß der Katastrophe sei nicht zu fassen und es sei unsere Pflicht, es nie zu vergessen, so Schilder. Man müsse gemeinsam den Nationalisten entgegentreten und dürfe nicht zulassen, dass sie ihre menschenverachtenden Thesen verbreiten. 

Keine Toleranz gegen Intoleranz

Die jüdische Gemeinde in Memmingen, die eine kulturelle Bereicherung für die Stadt darstellte, wurde vernichtet. Wir Nachgeborenen müssen darauf drängen, dass Freiheit nicht eingeschränkt, Rassismus nicht geduldet und Andersdenkende nicht unterdrückt werden, so Schilder. Man erinnere an diesem Tag aber auch an die anderen Opfer des Nationalsozialismus: Den Gewerkschaftern, Intellektuellen, Kommunisten und allen Andersdenkenden, die der Gewaltherrschaft und dem Terror zum Opfer fielen. Schilder warb auch dafür, für das Grundgesetz einzutreten, welches die Grundlage für ein Zusammenleben darstelle und eine Zukunft in Freiheit und Wohlstand sichere. Nur Toleranz sichere ein friedliches Nebeneinander von Kulturen und Religionen. Nur gegen Intoleranz dürfe es keine Toleranz geben, so der Memminger Rathauschef. 

Die sehr emotionale und würdevolle musikalische Gestaltung des Abends übernahm der Ottobeurer Chor VivaVox unter der Leitung von Dr. Josef Miltschitzky. Weiter waren Martin Wiedemann am Saxopon und Günter Schwanghart an der Klarinette zu hören. (ew)

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