Ergebnisse der jüngsten Konjunktur-Umfrage

IHK Schwaben: Corona hat gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft

Auskunft über den Zustand der schwäbischen Wirtschaft gaben (von links) der Vizepräsident der IHK Schwaben Dr. Albert W. Schultz, die Regionalvorsitzende Andrea Thoma-Böck und der stellvertretende Hauptgeschäftsfu?hrer Markus Anselment.
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Auskunft über den Zustand der schwäbischen Wirtschaft gaben (von links) der Vizepräsident der IHK Schwaben Dr. Albert W. Schultz, die Regionalvorsitzende Andrea Thoma-Böck und der stellvertretende Hauptgeschäftsfu?hrer Markus Anselment.

Memmingen – Kein rosiges Bild zeichnete die IHK Schwaben bei einem Pressegespräch über die Auswirkungen der Corona-Krise für die heimische Wirtschaft. Seit Mitte März gebe es praktisch einen Stillstand, erzählt der stellvertretende Geschäftsführer der IHK Schwaben, Markus Anselment.

Auf den Punkt bringt es die Vorsitzende der IHK-Regionalversammlung Memmingen/Unterallgäu, Andrea Thoma-Böck. Sie hatte die Zahlen der jüngsten Umfrage bei 270 Unternehmen aus Memmingen und dem Unterallgäu im Gepäck. So sei die Arbeitslosigkeit wegen Corona um 50 Prozent gestiegen, 30 Prozent der Firmen klagen über schlechte Liquidität, 70 Prozent erwarten einen Rückgang des Umsatzes und drei Viertel der Unternehmen habe Kurzarbeit beantragt. Auch auf die Ausbildungssituation wirke sich die Krise aus. Die Abschlüsse bei Ausbildungsverträgen seien in den vergangenen Monaten um 20 Prozent gesunken. Der Vizepräsident der IHK Schwaben, Dr. Albert W. Schultz, ergänzte, dass nur 23 Prozent der Betriebe die Zukunft als gut einschätzen würden. Besonders betroffen seien dabei die Tourismusbranche und der Einzelhandel. Schulz bezeichnete die Kurzarbeit als gutes Werkzeug, forderte aber eine Ausweitung von zwölf auf 24 Monate, da die Krise die Wirtschaft noch mindestens zwei Jahre beschäftigen werde.

Gutes Konjunkturprogramm

Da es sich um eine weltweite Krise handelt und auch die heimische Wirtschaft vom Export lebe, wirke sie sich umso schwerer aus, weiß Thoma-Böck. Lieferketten werden unterbrochen und viele Firmen bekommen schlicht die benötigten Teile nicht mehr her. Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung bewertet die Vorsitzende als durchaus positiv, da es viele Forderungen der IHK berücksichtige. Negativ sieht sie allerdings, dass es keine Absenkung der Unternehmenssteuer beinhalte. Bei der Nachfrage unserer Zeitung, wie die Umsetzung des Konjunkturpaketes in Bayern laufe, sprachen die Vertreter der IHK ein großes Lob an Ministerpräsident Markus Söder und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger aus. Die Politik habe die IHK gut eingebunden und die Soforthilfe habe gut funktioniert. Auch die Überbrückungshilfen seien pragmatisch umgesetzt worden.

Lokal gegensteuern

Die Vertreter der IHK sprachen aber auch eine eindeutige Warnung aus. Einen zweiten bundesweiten Lockdown würde die schwäbische Wirtschaft nicht verkraften, befürchtet Anselment. Sollten die Infektionszahlen wieder ansteigen, müsse man lokal gegensteuern und auf konkrete punktuelle Maßnahmen wie derzeit bei der Fleischfabrik Tönnies zurückgreifen. Anselment kritisierte auch, dass Bayern bei den Lockerungen in vielen Punkten seinen Nachbarn Baden-Württemberg und Tirol hinterherhinke und nannte als Beispiel die unterschiedlichen Maßnahmen und Vorschriften im Tourismusbereich. Ein weiteres Problem sieht der stellvertretende Hauptgeschäftsführer im Exportbereich. Die Region Memmingen/Unterallgäu sei der stärkste Industriestandort in ganz Schwaben und sehr stark vom Export abhängig. Die Wirtschaft sei sowohl in Italien als auch in Frankreich stark eingebrochen und somit auch der Export in diese Länder. Der EU-Austritt von Großbritannien (Brexit) komme erschwerend hinzu. Deutschland sei bei den Infektionszahlen ganz gut weggekommen, ergänzt Thoma-Böck, aber in anderen Ländern sehe es lange nicht so gut aus.

Bedarf an Fachkräften

Den Rückgang der Ausbildungsverträge sieht Schultz als ein zentrales Problem. „Der Fachkräftemangel war vor der Krise ein Problem und wird es nach der Krise wieder sein“, so der Memminger Unternehmer. Der Bedarf an Fachkräften breche daher nicht ab, sondern verschiebe sich nur. Leider trauen sich viele kleine und mittlere Unternehmen trotz der Ausbildungsprämie der Bundesregierung derzeit nicht, Lehrlinge einzustellen, bedauert Schultz. Die duale Ausbildung in Deutschland sieht er als elementar wichtig an, da die Zukunft der Wirtschaft auf Premiumprodukten liege. Billigprodukte kommen sowieso aus Asien. Daher fordert Schultz auch eine bessere digitale Ausstattung für alle Schulen und appellierte an die Stadt, trotz sinkender Gewerbesteuereinnahmen, diesen Punkt nicht zu übersehen.

Noch keine Insolvenzen

Auf die Frage unserer Zeitung, wie sich denn die Mehrwertsteuersenkung auf die Unternehmen auswirke, antwortete Schultz. Jede Steuersenkung sei wirtschaftsfreundlich und diese Maßnahme werde auf jeden Fall den Konsum ankurbeln. Allerdings sei der Aufwand der Umstellung für große Unternehmen sehr hoch und das wegen einem sehr kurzen Zeitraum von nur sechs Monaten. Die Frage, ob es denn schon coronabedingte Insolvenzen gegeben habe, verneinte Anselment. Offiziell gebe es derzeit keine Insolvenzen, was aber daran liege, dass die Antragspflicht bis September ausgesetzt sei. Was dann im Oktober passiert wisse man nicht. Es könne aber durchaus sein, dass Kleinunternehmen oder der ein oder andere Einzelunternehmer verschwindet, räumt Anselment ein.

Elmar Würth

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