„Nazi-Terror ist der Terror Nummer 1“

Im Gespräch mit „Blut muss fließen“-Regisseur Peter Ohlendorf

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Neun Jahre war Thomas Kuban undercover in der Neonazi-Musikszene unterwegs. Aus den erschreckenden Aufnahmen, die er mit versteckter Kamera gemacht hat, entstand Peter Ohlendorfs Dokumentarfilm „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“. Auch in der Region ist die Szene weiterhin aktiv.

Memmingen/Unterallgäu - Neun Jahre lang hat sich ein Journalist unter dem Decknamen Thomas Kuban in die Neonazi-Musikszene eingeschleust und mit versteckter Kamera erschreckende Bilder eingefangen. Aus diesem Material entstand der Dokumentarfilm „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis" (2012), der vor kurzem auch in Memmingen gezeigt wurde. Der Memminger KURIER hat sich mit Regisseur Peter Ohlendorf über die Gefahren rechtsextremer Musik unterhalten und darüber, warum sein Film nie im Fernsehen lief.

Der Journalist, der unter dem Pseudonym Thomas Kuban recherchiert, hält sich sehr bedeckt. Wie kam die Zusammenarbeit mit ihm überhaupt zustande?

Ohlendorf: Dafür war eine sehr persönliche Brücke notwendig; in unserem Fall ein gemeinsamer Freund. Am Anfang waren wir jedoch beide erst einmal sehr vorsichtig. Thomas Kuban, weil er sichergehen musste, dass ich mit dem von ihm gesammelten Material sicher umgehe und vor allem seine Identität nicht auffliegen lasse. Ich war aber anfangs genauso vorsichtig, weil ich mir die Frage stellen musste, ob die Jahre undercover in der Neonazi-Szene nicht doch auf ihn abgefärbt haben könnten. Aber das hat sich dann schnell als vollkommen unbegründet herausgestellt.

Sie touren mit „Blut muss fließen“ durch ganz Deutschland, aber der Film wurde noch nie im Fernsehen gezeigt. Warum?

Ohlendorf: Wir sind bei der Produktion eigentlich von Anfang an von der Unterstützung der öffentlich-rechtlichen Sender ausgegangen; ich habe ja selbst schon dort gearbeitet und habe da auch entsprechende Kontakte. Als von deren Seite aber gar nichts kam, war ich ehrlich schockiert. Der vorherrschende Gedanke damals war: Es gibt ja kaum noch Nazis und die wenigen, die übrig sind, sind nicht mehr wirklich gefährlich. Zusätzlich war der Blick vor allem auf den islamistischen Terror gerichtet. Ich will diesen auch überhaupt nicht kleinreden, aber der Nazi-Terror ist der Terror Nummer 1 in Deutschland; das belegen auch Statistiken. Und gerade als Medienschaffende dürfen wir unseren Blick nicht so massiv verstellen – das wäre absolut fatal.

Zeigen Sie den Film auch an Schulen?

Ohlendorf: Wir sind regelmäßig an Schulen zu Gast. Junge Leute sind schon im Alter von elf, zwölf Jahren im Internet aktiv. Da haben sie dann sehr schnell Zugriff auf Seiten und Videos von rechtsradikalen Gruppierungen und Bands, selbst von einer verbotenen Band wie Landser. Die Jugendlichen befinden sich in diesem Alter in einer politischen Findungsphase – sie damit allein zu lassen, ist höchst gefährlich.

Wie reagieren die Schüler auf die zum Teil doch sehr heftigen Szenen?

Ohlendorf: In der Regel sind sie zunächst einmal betroffen. Und das übrigens auch, wenn der Nationalsozialismus im Unterricht noch nicht durchgenommen wurde. Die Liedtexte sind in Teilen sehr brutal, deren Aussage versteht man sofort. Manchmal heißt es dann aber auch, dass diese Texte ja gar nicht unbedingt so gemeint seien – das wird dann mit Rapmusik verglichen, wo es ja auch viel um Gewalt geht. Der Unterschied hier ist aber, dass es bei diesen rechtsradikalen Bands auch immer eine zusätzliche politische Dimension gibt, die von Jugendlichen oft zunächst gar nicht erkannt wird. Und je häufiger man sich diese Texte anhört, desto mehr nistet sich deren brutaler und menschenverachtender Inhalt in den Köpfen ein – und gilt irgendwann als normal.

Die Anziehungskraft der rechtsextremen Szene erklärt man ja gerne auch mit fehlenden wirtschaftlichen Perspektiven. Jetzt ist das Allgäu nicht gerade arm, hat aber zum Beispiel mit Voice of Anger, der Band Faustrecht oder dem Musiklabel Oldschool Records eine äußert aktive Neonazi-Szene. Wie passt das zusammen?

Ohlendorf: Die Erklärung über die Perspektivlosigkeit trifft heute überhaupt nicht mehr zu. Rechtsextreme Gruppierungen sprechen mittlerweile ein ganz unterschiedliches Publikum an, quer durch die Gesellschaft. Das machen sie zum Beispiel, indem sie Schlagwörter wie „Heimat“, „Stolz“ und „Ehre“ nationalistisch besetzen. Wir dürfen nicht den Fehler machen, diese Themen den Rechtsextremen zu überlassen – Heimat zum Beispiel kann man ja ganz unterschiedlich definieren, eben auch demokratisch und weltoffen.

Kann man „Blut muss fließen“ auch außerhalb der Filmtour sehen?

Ohlendorf: Nein. Wir haben uns damals gegen einen DVD-Verkauf entschieden, zum Teil auch, weil wir nicht sicher sein konnten, wie dieser Film sich auswirkt. So eine Schnitzeljagd zu den geheim organisierten Nazi-Konzerten, wie im Film zu sehen, kann ja auch prickelnd sein. Verbotenes hat ja eine gewisse Anziehungskraft, vor allem auf Jugendliche. Auf der Tour sehen wir direkt, wie das Publikum reagiert und können nach dem Film das Gesehene diskutieren. Das ist dann nicht wie im Kino – Film aus, Popcorneimer leer – sondern bleibt hoffentlich noch länger in den Köpfen hängen. Und durch diese Tour und die Berichterstattung darüber haben mittlerweile mehr Leute unseren Film gesehen oder darüber gelesen, als wenn er nur zwei- oder dreimal im Fernsehen gelaufen wäre.

Interview: Anna Müller

Weitere Informationen zur Dokumentation „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis" gibt es unter www.filmfaktum.de. Schulen oder andere Veranstalter, die den Film zeigen möchten, können sich per E-Mail an info@filmfaktum.de wenden.

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