„Not ist etwas anderes, wenn man sie direkt sieht“

Interview: Gynäkologin aus Egg an der Günz arbeitet im Slum in Nairobi

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Die Ärzte von German Doctors helfen kleinen und großen Patienten, so gut sie nur können.

Egg an der Günz/Bonn/Nairobi - German Doctors e.V. ist ein Verein mit Sitz in Bonn, der in medizinischen Notstandsgebieten von Entwicklungsländern tätig ist - vor allem in Slums von Großstädten oder in abgelegenen ländlichen Regionen. Die Arzteinsätze in Indien, Bangladesch, Kenia, Sierra Leone und auf den Philippinen werden zum Großteil aus Spenden finanziert. Im Mathare Valley, dem zweitgrößten Slum der kenianischen Hauptstadt Nairobi, wurde das Projekt bereits 1997 ins Leben gerufen. Die Einwohnerzahl wird hier auf etwa 430.000 Menschen geschätzt. Bis Ende 2018 führten deutsche Ärzte und Ärztinnen insgesamt 886 unentgeltliche Einsätze in Nairobi durch. Genau hier ist seit dem 21. September auch die Gynäkologin Dr. Petra Sirch aus Egg an der Günz im Einsatz.  Die dreifache Mutter, die sich in Memmingen seit einiger Zeit zur Allgemeinmedizinerin weiterbildet, hat sich extra sechs Wochen Urlaub genommen, um hier unentgeltlich bis Anfang November den Ärmsten der Armen zu helfen. Kurz vor ihrer Abreise haben wir uns mit ihr zum Interview getroffen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, bei German Doctors mitzumachen?

Es hat glaube ich jeder so Dinge, bei denen ihm der Pulsschlag etwas höher geht. Ich fand es schon immer faszinierend, wenn jemand in die Dritte Welt geht und da etwas bewegt. Ich habe mir das lange nicht vorstellen können und konnte es dann auch von der Familie aus nicht machen. Irgendwann waren meine Kinder dann aber alt genug und für meinen Mann ist das auch okay. Ich bin über ein Einsatztraining auf German Doctors gekommen. Das musste ich für eine andere Organisation namens Humedica absolvieren, von der aus ich letztes Jahr für vier Wochen nach Uganda gegangen bin. Bei diesem Einsatztraining habe ich jemanden kennengelernt, der schon mal bei German Doctors war. Ich gehe jetzt auch mit German Doctors weg, weil ich glaube, das passt mehr zu dem, was ich kann. Damals war ich in dem Krankenhaus ganz alleine und habe gemerkt: Mir wäre es lieber, wenn da noch andere wären, die die gleiche Arbeit machen und von der gleichen Kultur kommen. Bei German Doctors ist ein Langzeitarzt und immer vier Ärzte in einem Sechswochen-Rhythmus vor Ort.

Mit welchem Gefühl sind Sie damals aus Uganda nach Deutschland zurückgekommen?

Dass Not und Angst nochmal etwas komplett anderes sind, wenn man sie direkt sieht. Dann ist das nochmal schlimmer. Wenn es nicht irgendwer ist, der hungern muss oder medizinisch nicht versorgt werden kann, sondern eine konkrete Person. Und eines kann ich auf jeden Fall sagen: Man ist dankbarer als vorher für alltägliche Dinge.

Sie „opfern“ Ihren Jahresurlaub für das Projekt und müssen auch zum Teil die Kosten selbst stemmen...

Dr. Petra Sirch zusammen mit ihrer Übersetzerin und Helferin Damaris in ihrem Arztzimmer in Nairobi.

Ja. Von den Flugkosten muss ich die Hälfte übernehmen, Unterkunft und Essen bekomme ich bezahlt. In der Unterkunft, wo ich mit den anderen Kurzzeitärzten leben werde, ist jemand angestellt, der kocht.

Warum gehen Sie ausgerechnet nach Nairobi und nicht zum Beispiel nach Indien?

Ich konnte selber entscheiden, in welches Land ich gehen will. Ich wollt gerne wieder nach Afrika, weil ich die Leute dort sehr gemocht habe. Ich würde die Leute in Indien wahrscheinlich auch mögen, aber das hat eben einfach gepasst. Die Leute waren freundlich und zurückhaltend. Lustig war es mit den Kindern, die haben ja zum Teil noch nie eine weiße Person gesehen. Für die ist das schon etwas besonderes, die wollten dann zum Teil gar nicht angefasst werden. Aber im Allgemeinen waren die Menschen schon offen und zugewandt. Nach Kenia reise ich jetzt allerdings zum ersten Mal.

Wie sieht Ihr Tagesablauf dort aus?

Wir arbeiten dort von Montag bis Freitag. Die Gesundheitsstation ist im Slum, da werden wir von unserer Unterkunft aus hingefahren. Wir arbeiten dort acht bis neun Stunden täglich und jeder Arzt hat 40 bis 50 Patienten pro Tag. Das ist viel. Vor allem, wenn vieles neu ist. Samstags und sonntags haben wir aber frei. Ich habe vor, mir an den Wochenenden die Gegend anzuschauen.

Womit werden Sie es vor Ort am meisten zu tun haben?

Aids ist dort weit verbreitet. Aber es sind auch viele Einheimische angestellt und das läuft dann mehr über die. Es gibt speziell dafür ein Routineprogramm, in das die schon gut eingearbeitet sind. Ich werde eher mit anderen Problemen konfrontiert. Tuberkulose ist ein Thema und dann werde ich auch in der Schwangerenvorsorge tätig sein. Auch mit Unterernährung werde ich zu tun haben und ich denke, auch mit vielen einfachen Infektionskrankheiten, die man gut behandeln kann: Zum Beispiel Lungenentzündungen, Blasenentzündungen, Magen-Darm-Krankheiten. Ich gehe dorthin als Gynäkologin und Allgemeinmedizinerin. Da ich dort aber die einzige Gynäkologin sein werde, werde ich schon vor allem in dem Bereich beschäftigt sein.

Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?

Ein bisschen Respekt habe ich vor Tuberkulose. Ich weiß aber nicht, inwieweit das gerechtfertigt ist. Tuberkulose ist hier in Deutschland ja nur ein untergeordnetes Thema. Aber es ist nun mal die Infektionskrankheit, an der Menschen am zweithäufigsten sterben. Emotional gesehen werden es wahrscheinlich die unterernährten Kinder sein. Das ist schon schwer, das sehen zu müssen. In Uganda hatte ich es auch viel mit schrecklichen Verbrennungen zu tun. Die kochen ja oft mit offenem Feuer in engen Verhältnissen, während überall viele Kinder herum springen. Und ich habe auch ein bisschen Respekt vor den unheilbaren Krankheiten. Bei uns wären sie vielleicht heilbar, aber wenn dort jemand Krebs in einem fortgeschritteneren Stadium hat, kann man denjenigen halt nicht so gut betreuen wie hier. Auch palliativ hat man dort einfach nicht so die Möglichkeiten. Ich denke, das wird mich schon berühren.

Der Andrang der Bewohner bei den deutschen Ärzten ist groß.

Wie verständigen Sie sich mit den Menschen dort?

Ich muss natürlich sehr gut Englisch sprechen. Im Slum sprechen 80 Prozent Suaheli, dafür habe ich dann immer einen Übersetzer bei mir. Anders geht das nicht.

Gehen Sie auch zu den Patienten nach Hause, oder kommen die ausschließlich zu Ihnen?

Es gibt natürlich auch manche, die nicht kommen können, weil sie schlecht laufen können. Da werden auch Hausbesuche gemacht. Bei Tuberkulose ist es zum Beispiel so, dass die Patienten dauerhaft behandelt werden müssen. Oft denken die Leute aber, dass sie keine Behandlung mehr brauchen. Sie verstehen nicht, dass sie langfristig auf Medizin angewiesen sind, auch wenn sie nicht direkt merken, dass sie krank sind. Deshalb muss die Medikamenteneinnahme, auch bei HIV, überwacht werden.

Die Leute, die eine Behandlung brauchen, müssen in Normalfall einen kleinen Betrag bezahlen. Was ist aber, wenn sich das jemand nicht leisten kann?

Wenn jemand gar kein Geld hat, dann wird er auch unentgeltlich behandelt. Das ist aber nichts, was ich entscheiden kann. Die Einheimischen vor Ort sind wirklich gut ausgebildet und gehen zum Teil zu den Menschen nach Hause, um sich auch finanziell ein Bild von ihnen zu machen. Ich habe den Eindruck, dass das ein gutes System ist. Es gilt, die Leute zu erkennen, für die eine Behandlung wirklich notwendig ist, die aber eben kein Geld haben. Ganz arme Leute gehen allerdings oft zu ihren Nachbarn und leihen sich die schönste Kleidung aus, bevor sie zum Arzt gehen, weil sie einfach nicht als arm erscheinen wollen. Da braucht man einfach Erfahrung, um das einschätzen zu können. Man will ja auch nicht, dass Menschen, die relativ gutes Geld haben, da hin kommen und sich von Spendengeldern behandeln lassen.

Wenn Dr. Petra Sirch zurück in Deutschland ist, wird sie in einem zweiten Interview über ihre Erfahrungen und Erlebnisse in Kenia berichten.
Interview: Julia Zwingmann

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