Berauschte Massenvernichtung

Sigi Zimmerschied begeistert mit kabarettistischer Tragikomödie

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Hochprozentiger Alkohol, ein „Blumenstrauß” aus Fliegenklatschen, der Rentenbescheid und eine tote Ratte, das sind die einzigen „Geschenke” für Geburtstagskind Sigi Heil (Sigi Zimmerschied).

Memmingen - „Wahnsinn, alle sind da, sogar die Frauen”, begrüßt Geburtstagskind Sigi Heil alias Sigi Zimmerschied am vergangenen Dienstag die rund 200 Besucher in der Vöhlin-Aula. Und die erwartet ein denkwürdiger Abend jenseits von politischer Korrektheit.

„Totmachen in Deutschland nur mit Handschuhen!”, darauf weist eine Stimme aus dem Off die ausländische Hilfskraft mit Nachdruck hin. Kriminelle, Illegale oder auch Österreicher töten, egal, aber wenn, dann nur mit Handschuhen. Denn Hygiene ist wichtig im Kampf gegen den „Kakerlak”.

In seinem neuen Programm „Heil – vom Koma zum Amok” schlüpft der Passauer Kabarettist und Satiriker in die Rolle eines Schädlingsbekämpfers. Seine Kunstfigur Sigi Heil feiert 65. Geburtstag – allein, ohne Familie und Freunde. Außer einer Flasche Hochprozentigem, einem „Blumenstrauß aus Fliegenklatschen” und dem Rentenbescheid befindet sich nichts auf dem Gabentisch. Die einzigen Gäste, die vorbeischauen sind ein paar Fliegen, eine Kakerlake und eine Ratte. Jedoch bezahlen die Tierchen ihren Besuch gleich mit dem Leben, denn das Geburtstagskind kann schließlich eine langjährige Berufserfahrung als Ungeziefervernichter vorweisen. Und Sigi kennt sich aus in dieser Welt: „Für den Schwarzafrikaner ist der Kakerlak Ernährung”, stellt der weiße Kammerjäger klar, dessen Beruf wie Berufung das Ausrotten ist. Denn Sigi, mit einer Fliegenklatsche bewaffnet, weiß mit einem Schädling umzugehen. Ungeziefer muss vernichtet werden – mit Gift und Rattenfalle. Die Ratz wird einer Trophäe gleich präsentiert – direkt neben einem Kruzifix, das sich in puncto Vernichtung besser als Senfgas erwiesen habe. Beißende Kirchenkritik ist bei Sigi Zimmerschied nichts Ungewöhnliches und seit langem ein ständiger Begleiter in seinen Programmen („Himmelskonferenz” 1975 – Freispruch vom Vorwurf der Gotteslästerung).

Der Künstler zeigt keine Berührungsängste und steigt ins Publikum. Zimmerschied führt mit eindrucksvoller Spielkraft vor, wie sich Ignoranz anhört und anfühlt. Verabreicht einem Zuschauer „Todestropfen”, während der Rest fasziniert zuschaut und applaudiert. Laut lamentiert er darüber, wie knapp der afrikanische Kommandowurm schon vor der Haustür steht. „Da hören Sie es? Knack, knack, knack, der Kakerlak.” Sigi erzählt von seinem Bruder, seiner Mutter, einer Avon-Beraterin und dem Vater, einem gewaltaffinen Steuerprüfer.

Sigi säuft sich im Delirium die fehlenden Gäste und ausgefallenen Festredner herbei. Zimmerschied schlüpft in die verschiedene Rollen seiner Gastredner und offenbart dem Publikum ein Leben geprägt von Bosheit, Gewalt und mangelnder Einsicht. Die Hauptfigur entpuppt sich als das personifizierte Böse. Alle „Gratulanten” sind durch ihre Begegnung mit Sigi Heil fürs Leben gezeichnet: Humpelnd, mit Augenklappe oder den Arm in der Schlinge. Wie der Bundeswehrkamerad, dem er einst mit präparierten Augentropfen das Auge verätzte. „Auf dem rechten Auge blind zu sein, ist in der Bundeswehr ein Geschenk”, zieht der „Freund” die positive Erkenntnis aus den Folgen der Tat. Ganz allmählich entfaltet sich die ganze traurige Existenz. So bekennt das Geburtstagskind: „Ein Leben ohne Schnaps ist schwer.” Das Öffnen seines Rentenbescheid gibt ihm den Rest.

Sigi Zimmerschied rechnet gnadenlos mit den erstarkenden Faschismustendenzen in unserer Gesellschaft ab und kritisiert das aktuelle Klima der enttabuisierten Gewalt. Auch die Sozialen Medien bekommen als „Social Midas” ihr Fett weg, die wie König Midas alles, das sie anfassen, zu Gold machen. Das Smartphone wird zur Waffe: Das Blut spritzt reichlich, die Gliedmaßen liegen verstreut, gleich das Smartphone gezückt (anstatt zu helfen), wird jedes Unglück, jedes Drama zuerst online gestellt – für mehr Klicks und Likes.

Es sei eine ehrenvolle Aufgabe, die Welt von Ungeziefer zu befreien und das Ehrenvollste, sich selbst als solches zu sehen, lautete das Fazit Sigi Heils am Ende seines Lebens, bevor er sich selbst mit seinen „Todestropfen” terminiert. „Heil – vom Koma zum Amok” ist sehenswertes Kabarett, das so manchen erst auf den zweiten Blick zu begeistern weiß. (mb)

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