Schmerzen und Leiden lindern

Klinikum Memmingen feiert zehn Jahre Palliativstation

Prof. Dr. Claudia Bausewein hielt einen Vortrag zum Thema „Aktueller Stellenwert und Herausforderungen für die Zukunft der Palliativmedizin“.
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Prof. Dr. Claudia Bausewein hielt einen Vortrag zum Thema „Aktueller Stellenwert und Herausforderungen für die Zukunft der Palliativmedizin“.

Memmingen - Den letzten Weg etwas leichter zu machen und das Leben in Würde zu beenden. Darum geht es in erster Linie für die Patienten der Palliativstation im Memminger Klinikum. Das zu leisten sei eine große Herausforderung für das Pflegepersonal, hob Oberbürgermeister Manfred Schilder in seiner Ansprache zum zehnjährigen Bestehen der Palliativstation hervor.

Diese Station, mit einer Ausstattung die über das normale Maß hinausgehe, sei eine nicht mehr wegzudenkende Erfolgsgeschichte und schon immer ein „Herzenswunsch“ von Chefarzt Prof. Dr. Albrecht Pfeiffer gewesen, betonte der Rathauschef. Pfeiffer selbst gab einen kurzen Rückblick über die vergangenen zehn Jahre und berichtete von einem gewissen Unverständnis in seiner Anfangszeit. „Was wollen Sie denn mit den Todkranken?“, sei er gefragt worden. Heute hingegen wisse man, dass die Linderung der Leiden das Wichtigste bei Palliativpatienten sei. Dazu gehört Pfeiffers Meinung nach auch die Einbindung der Angehörigen der Patienten in die Behandlung.

1.600 Patienten habe man in den vergangenen zehn Jahren in der Palliativstation behandelt. 43 Prozent davon konnte man nach Hause entlassen, 18 Prozent wurden in anderen Abteilungen weiterbehandelt und 39 Prozent sind verstorben, führte Pfeiffer weiter aus. Die Bedeutung der Palliativmedizin in der Gesellschaft werde weiter zunehmen, prognostizierte der ärztliche Direktor und fügte hinzu, dass mehrere Ärzte seines Hauses schon in diese Richtung weitergebildet wurden.

Geborgenheit und Hilfe

Stationsleiterin Angela Ludwig bezeichnet ihre Abteilung als „Zufluchtsort der Geborgenheit und Hilfe“. Die Palliativstation habe sich in den Jahren kontinuierlich weiterentwickelt und habe dank großzügiger Spenden kürzlich auch einen Balkon erhalten, „ein Geschenk, dessen Größe man nicht in Worte fassen kann“. Ludwig zeigte auch den Unterschied zu anderen Stationen im Klinikum auf. Im Palliativbereich stehe vor allem der Mensch im Mittelpunkt – in ihrer Station bestimme der Patient, was er möchte und was nicht. Dies erfordere oft einen wechselnden Tagesablauf und auch viel Toleranz vonseiten des Pflegepersonals. Aggression und Wut der Patienten sieht die Leiterin als Teil des Prozesses – sie dürften deshalb von den Pflegekräften niemals persönlich genommen werden. Oberstes Motto sei, nicht dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. Aber auch wenn Menschen sterben, sei es trotzdem das Ziel der Palliativmedizin, die Patienten wieder zu entlassen.

Neue Konzepte entwickeln

Hauptrednerin der Veranstaltung war Prof. Dr. Claudia Bausewein, Lehrstuhlinhaberin für Palliativmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie hielt einen Vortrag zum Thema „Aktueller Stellenwert und Herausforderungen für die Zukunft der Palliativmedizin“. Aufgrund politischer Initiativen gebe es in Bayern bereits 50 Palliativstationen. Man habe die Leitlinien weiterentwickelt, denn Palliativmedizin sei nicht nur „Krebs, Schmerzen und Sterben“, so die Klinikdirektorin in ihren Ausführungen. In diesem Zusammenhang sprach sie auch das Thema „Übertherapie“ an.

Jeder zweite Mensch werde an Krebs erkranken und jeder Vierte daran sterben, so Bausewein, aber es gebe auch andere Krankheitsbilder wie Lungen- und Lebererkrankungen oder Parkinson und Rheuma. Auch hätten Patienten oft vier oder fünf Krankheiten gleichzeitig. Deshalb müsse man Konzepte entwickeln, die über den Krebs hinausgehen. Bausewein verwies auch auf eine Studie über die Lebensqualität von Erkrankten. Umso früher Patienten dieser Studie zufolge Palliativmedizin erfahren, desto weniger Aggressionen und Depressionen würden auftreten und umso länger würden sie leben. Bausewein prognostizierte für die Zukunft außerdem einen höheren Bedarf an Palliativversorgung. Derzeit seien 200.000 Menschen in Bayern und etwa 1,5 Millionen in Deutschland betroffen, aber diese Zahlen würden weiter steigen. (ew)

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