Auf der Suche nach dem „Stein der Weisen“

„Kulturgespräche“ beklagen Bedeutungsverlust der Kultur

Backsteingebäude an einer Straße
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Das Thema „Kulturjournalismus“ stand im Mittelpunkt des ersten Kulturgesprächs, veranstaltet von der Mewo-Kunsthalle (im Bild) und dem Landestheater Schwaben.

Memmingen - Am vergangenen Mittwoch hatten das Landestheater Schwaben (LTS) und die MEWO Kunsthalle die Reihe „Kulturgespräche“ wieder aufgenommen. Das Thema „Kulturjournalismus“ stand im Mittelpunkt dieses ersten Gespräches, das aus bekannten Gründen dieses Mal online als Livestream stattfinden musste.

Kathrin Mädler, Intendantin des LTS und Axel Lapp, Leiter der MEWO Kunsthalle und des Strigel- und Antoniter Museums in Memmingen, moderierten die Diskussion. Als Gäste waren Michael Busch, Vorsitzender des Bayerischen Journalistenverbandes (BJV) und Michael Lünstroth, Redaktionsleiter der ThurgauKultur.ch geladen. Anlass für das Gespräch war die Einstellung der Kulturseite der „Memminger Zeitung“.

Kulturjournalismus ist wichtig

Kathrin Mädler stellte zu Beginn fest, dass man das Gespräch mit der Leitung der „Memminger Zeitung“ gesucht habe, jedoch niemand dort bei der Online-Podiumsdiskussion dabei sein wollte. Sie beklagte den mit der Einstellung der Kulturseiten einhergehenden Bedeutungsverlust der Kultur insgesamt. Axel Lapp ergänzte, dass diese Entwicklung kein Einzelfall sei, auch der „Focus“ und der „WDR“ hätten die Kulturredaktionen abgeschafft oder deutlich eingeschränkt.

Der Kulturjournalismus vermittele zwischen Kulturschaffenden und Öffentlichkeit. Die Journalist*innen erklärten in ihren Beiträgen, worum es den Künstlern, Schauspielern und Musikern, den Kuratoren, Regisseuren und Dirigenten geht, wie man sich ihrer Arbeit nähern könnte. Sie weckten Verständnis für die Bemühungen von Kulturschaffenden, Institutionen, Publikum und Staat und moderieren das Aufeinandertreffen von Kultur und Öffentlichkeit. Ohne Kulturjournalismus leide auch die Kultur selbst.

„Missachtung der Kultur“

Auf die Frage, ob die genannten Kulturjournalismus-Einschränkungen allgegenwärtig seien, antwortete Michael Busch (BJV), bislang seien das subjektive Eindrücke, es gebe noch keine umfassende Erhebung dazu. Gleichwohl stellte er fest, dass sogar im Festspielort Bayreuth die Kulturredaktion in der dortigen Tageszeitung eingestellt worden sei. Die Entwicklung werde den insgesamt 600.000 Kulturschaffenden in Deutschland, die davon leben und ihre Steuern zahlen, nicht gerecht. Das sei letztlich auch eine Missachtung der Kultur. Er sieht die Gründe dafür vor allem in der fehlenden Lobby für die Kultur. Der Sport habe beispielsweise auch im Lokalen eine sehr starke Lobby, da komme es schon mal vor, dass Vereinsvorstände oder Trainer von Sportmannschaften in die Redaktion kommen und ihre Interessen artikulierten oder sogar schon mal mit der Kündigung von Abos drohten. Busch fragte „Warum kommen keine Kultur-Mäzene und Kulturschaffende in die Redaktionen und machen ihre Interessen geltend?“

„Abgesang nicht nachvollziehbar“

Michael Lünstroth, Redaktionsleiter des bereits seit zehn Jahren bestehenden Online-Kulturportals ThurgauKultur.ch, war früher Kulturredakteur beim Konstanzer Südkurier. Als dort die Kultur immer weniger Raum bekam zog er Konsequenzen und ging zum Online-Kulturportal auf der Schweizer Bodenseeseite. Der Rückzug der Tageszeitungen von der Kultur im gesamten Bodenseeraum und die Corona-Einschränkungen haben dem Portal das bisher erfolgreichste Jahr seines Bestehen beschert. War ThurgauKultur.ch zunächst eher ein Online-Veranstaltungsportal, hat es sich nun immer mehr kulturjournalistisch gezeigt. Die neuen dort geschaffenen Formate wie unter anderem Künstlerportraits, Ateliersbesuche, eigene Streaming-Serien, Büchervorstellungen und Literaturreihen haben mittlerweile die meisten Zugriffe. Man habe in allen Zielgruppen oberhalb 30 Jahren deutliche Zuwächse erzielt und auch ein gänzlich neues Publikum erreicht. Der Abgesang der Tageszeitungen auf den Kulturjournalismus ist für ihn nicht nachvollziehbar. Für ihn käme als Lösung vielleicht auch eine öffentliche Förderung des Kulturjournalismus in Frage. „Wenn es die Tageszeitungen nicht berücksichtigen, werden andere kommen und es machen“.

Auf „Planzahlen“ fixiert?

Der BJV-Vorsitzende Michael Busch hält die Tageszeitungsverlage zwar nicht für zu träge, doch sie seien viel zu sehr auf ihre Planzahlen fixiert und auf der Suche nach dem Stein der Weisen, um den Kulturbegriff zu erweitern oder wieder zu erkennen.

Kathrin Mädler betonte zwar ihren Optimismus bezüglich der gesellschaftlichen Relevanz der Kultur. Auch wenn die Kultur in der „Memminger Zeitung“ künftig im Lokalteil stattfinden solle, befürchtet sie jedoch einen deutlichen Verlust von künstlerischer Expertise durch die Kulturredaktionsschließungen.

Leider gab es während des online-Streamings offenbar technische Problem mit dem Chat-Kanal für Rückmeldungen und Fragen, die daher nicht gestellt werden konnten. Gleichwohl sollen die „Kulturgespräche“ auch künftig fortgesetzt werden. (Tom Otto)

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