Prozess am Landgericht Memmingen wegen versuchten Totschlags

Nachbar mit Messer angegriffen: Angeklagte gesteht

Eingang Landgericht und Staatsanwaltschaft Memmingen
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Kommende Woche soll am Memminger Landgericht das Urteil fallen.
  • vonAnna Müller
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Memmingen – Eine 27-Jährige soll im April mit einem Messer auf ihren Nachbarn losgegangen sein – und auch mit einer Pfanne soll sie ihn verletzt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor. Jetzt hat sie ein Geständnis abgelegt.

Rechtsanwältin Anja Mack hatte bereits zu Beginn der Verhandlung erklärt, dass ihre Mandantin sich wahrscheinlich im Lauf des Prozesses noch zu den Vorwürfen äußern würde. Am Dienstag war es dann so weit: Ihre Verteidigerin trug im Namen der 27-Jährigen ein schriftliches Geständnis vor. Die Angeklagte wolle sich zunächst „in aller Form entschuldigen“. Sie sei in der Tatnacht erheblich betrunken gewesen, sodass sie sich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern könne oder manches eventuell auch falsch im Gedächtnis habe. So könne sie sich zum Beispiel nicht daran erinnern, ihren Nachbarn mit einer Pfanne geschlagen zu haben – auszuschließen sei es aber nicht.

Zu diesem Zeitpunkt lebten die Angeklagte und alle anderen am Geschehen Beteiligten in einer Memminger Unterkunft für sozial Schwache. Der Partner der 27-Jährigen klopfte laut mehreren Zeugenaussagen lautstark gegen die Tür eines benachbarten Apartments. Davon genervt, drängte der Nachbar den betrunkenen Mann auf den Gang. Dort kam es zu einem Gerangel zwischen den beiden; die Männer schlugen mit den Fäusten aufeinander ein.

In dieser Auseinandersetzung sei die Aggression laut Aussage der Angeklagten vor allem vom Nachbarn ausgegangen. Und da – wie zuvor schon andere Zeugen berichtet hatten – der 31-Jährige dafür bekannt sei, unter Alkoholeinfluss besonders aggressiv zu sein, habe die Angeklagte in diesem Moment Angst um ihren Partner gehabt.

Sie habe zunächst versucht, zu schlichten, jedoch sei der Nachbar dann auch ihr gegenüber aggressiv geworden und habe versucht, ihr einen Kopfstoß zu verpassen, weshalb sie nach dem Küchenmesser gegriffen habe, um den 31-Jährigen von ihr fernzuhalten. Der sei aber weiter auf sie zugekommen – sie stach zu. Damit aufgehört habe sie nicht etwa, weil das Messer verbogen war, sondern weil sie „plötzlich realisierte, was ich eigentlich tue“. Dann habe sie das Messer weggeworfen.

In ihrer schriftlichen Erklärung beteuerte die Angeklagte, dass sie ihren Nachbarn weder töten noch schwer verletzen wollte – mit potentiell lebensgefährlichen Verletzungen habe sie in diesem Moment nicht gerechnet. Mittlerweile habe sie jedoch eingesehen, dass sie falsch reagiert habe. Rechtsanwältin Anja Mack erklärte außerdem, dass ihre Mandantin eventuelle Schadensansprüche ihres Nachbarn anerkennen werde.

Auf Nachfragen des Vorsitzenden Richters Christian Liebhart gab die 27-Jährige an, dass sie zusammen mit ihrem Freund, dem Nachbarn und einem weiteren Bekannten an diesem Tag schon seit circa zehn Uhr morgens Bier und Wodka getrunken habe – bis abends um halb neun. Zwischendurch habe sie zusätzlich Drogen konsumiert. Trotz alledem habe die junge Frau sich nach eigener Aussage immer noch „recht klar gefühlt“.

Trotz der Beteuerungen der Angeklagten, dass sie ihren Nachbarn nicht ernsthaft oder gar lebensbedrohlich verletzen wollte, hätte das Ganze laut dem rechtsmedizinischen Sachverständigen Dr. Horst Bock durchaus so enden können. Er hatte den Nachbarn untersucht und unter anderem an dessen Brustbein mehrere oberflächliche Stichwunden festgestellt, von denen keine konkrete Gefahr ausgegangen sei. Man habe sie nicht einmal nähen müssen. Dass die Angeklagte mit dem Messer nur diese recht widerstandsfähige Stelle getroffen hat, sei nach Einschätzung des Gutachters aber „dem Zufall geschuldet“. In der Auseinandersetzung hätte die Klinge auch zwischen die Rippen gelangen und so Lunge oder Herz ernsthaft verletzen können.

Am Hinterkopf des 31-Jährigen stellte der Rechtsmediziner eine etwa drei Zentimeter lange Quetschrisswunde fest, die wahrscheinlich vom Schlag mit der Bratpfanne stamme. Hier ist es wieder ähnlich wie bei den Messerstichen: Auch wenn diese Verletzung konkret nicht lebensgefährlich war, so könne ein solcher Schlag auf den Hinterkopf je nach Wucht durchaus tödlich enden.

Wie die 1. Strafkammer am Landgericht dies einschätzt, das wird sich voraussichtlich nächste Woche zeigen; dann soll das Urteil fallen. (am)

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