LTS bringt Kafkas „Die Verwandlung“ auf die Memminger Bühne

Intelligent, grotesk und aufregend

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Überzeugender Auftritt: Sandro Šutalo und Tobias Loth.

Memmingen – Drei gestandene Schauspieler und einen klappbaren Kasten, mehr braucht es nicht, um einen Kafka intelligent, grotesk und trotzdem aufregend auf die Bühne zu bringen. Das LTS übertraf sich bei der Inszenierung von „Die Verwandlung“ in jeder Hinsicht selbst und bescherte den begeisterten Zuschauern einen unvergesslichen Theaterabend.

Die Geschichte um den Handlungsreisenden Gregor, der sich über Nacht in ein Insekt verwandelt, lässt einen gewaltigen künstlerischen Spielraum zu, den die Intendantin Pia Richter äußerst kreativ, stellenweise sogar pompös, nutzt. Eingesperrt in eine Transportbox, alle drei Protagonisten mit blonder Perücke und nur in weiße Unterhose und Unterhemd gekleidet, befreien sich mit lautem Krach und Toben erst einmal über die Bühne. 

Der krawallige Auftakt zeigt dem begeisterten Premierenpublikum gleich einmal, wo es lang geht. Die Schauspieler Jan Arne Looss, Tobias Loth und Sandro Sutalo wechseln in dem druckvoll inszenierten Stück spielerisch die Rollen. Sie fungieren sowohl als Personen als auch als Erzähler und agieren überhaupt sehr dynamisch und in gewohnt hervorragender schauspielerischer Qualität. 

Sandro Sutalo beispielsweise brilliert in seiner Ausdrucksweise als Gregors Schwester. Als Verkleidung genügt dabei eine durchsichtige Maske mit Kussmund. Eine ähnliche Maske mit Hitlerbärtchen trägt Jan Arne Looss als Vater. Der Figur Gregor, Alleinernährer der Familie, behaftet mit dem typischen Kafka-Vaterproblem, wird durch die Verwandlung in ein Insekt sowohl seiner gesellschaftlichen Stellung als auch der Macht in der Familie beraubt. Und dann erscheint auch noch der Prokurist und fragt, warum er nicht zum arbeiten erscheint... 

Gregors Leben verwandelt sich auf einen Schlag und er versinkt ins Bodenlose, was Tobias Loth, der seine Rolle voll im Griff hat, hervorragend gelingt. Er spielt den Gregor im blutverschmierten Hemd mit einer Intensität und Begeisterung, die ihresgleichen sucht. 

Im dritten Teil verabschiedet sich die Familie dann emotional komplett von Gregor. Seine Verletzungen werden nicht behandelt und er wird nicht einmal mehr mit Küchenabfällen versorgt. So kommt es beim großen Finale zu einer riesigen grotesken Schlammschlacht der drei Protagonisten, bei der sich sogar der ein oder andere Zuschauer wahrlich schüttelte. 

Alles in allem handelt es sich bei der Inszenierung dieser 1915 erschienenen Novelle um eine intensive, wenn auch groteske Vorstellung, die einerseits Kafkas Gedanken intelligent vermittelt und andererseits den Spannungsbogen immer wieder durch überraschende Aufreger stetig auf hohem Niveau hält. (ew)

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