Online-Arbeitsmarktkongress der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. (vbw) aus der Memminger Stadthalle

Memmingen: Bayerische Wirtschaft fordert mehr Flexibilität

vbw Online-Arbeitsmarktkongress in der Stadthalle Memmingen mit Regina Leenders, Dr. Veronika Schraudt, Horst Holas
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Beim Online-Arbeitsmarktkongress in der Memminger Stadthalle standen Dr. Veronika Schraudt (CSU) – links im Bild und Regina Leenders (SPD) dem vbw-Geschäftsführer Bertram Brossardt Rede und Antwort auf die Forderungen der bayerischen Wirtschaft. Nicht im Bild, dennoch rege beteiligt, waren auch Kai Fackler (FDP) und Horst Holas, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Kempten-Memmingen.
  • VonTom Otto
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Memmingen – Anlässlich des Online-Arbeitsmarktkongresses aus der Memminger Stadthalle forderte die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. (vbw) mit Blick auf die kommende Bundestagswahl mehr Flexibilität in Arbeitsmarktfragen. Nur so könne der Arbeitsmarkt in Schwaben, in Bayern und Deutschland die zukünftigen Herausforderungen zur Wohlstandssicherung meistern, so der vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. Der Verband hatte zu diesem Kongress auch die Direktkandidierenden der großen Parteien eingeladen. Regina Leenders (SPD), Dr. Veronika Schraudt (CSU) und Kai Fackler (FDP) sowie Horst Holas, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Kempten-Memmingen waren gekommen, die Vertreter der Grünen und der Freien Wähler waren verhindert.

In seinem Eingangsstatement gab Bertram Brossardt einen Überblick über die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt in Schwaben. Es seien noch immer Spuren der Pandemie-Einschränkungen zu spüren, im Allgäu lag demnach die Arbeitslosenquote mit 2,6 Prozent noch immer über dem Vorkrisen-Niveau. Bei der Bewältigung der Krise habe sich das Instrument des Kurzarbeitergeldes sehr gut bewährt und Schlimmeres verhindert. Erst im kommenden Jahr 2022 sei mit einer Rückkehr zu den Zahlen der Vorkrisenzeit zu rechnen, sofern die aktuell steigenden Corona-Fallzahlen die Entwicklung nicht gefährdeten. Unabhängig von der aktuellen krisenbedingten Lage sieht der vbw für die Zukunft vor allem in drei Feldern großen Handlungsbedarf für die Politik.

Weg von der Tagesarbeitszeitregelung – hin zur wöchentlichen Arbeitszeit

Zum einen müsse der Fachkräftebedarf gedeckt werden. Der Fachkräftemangel sei bereits jetzt in der Metall- und Elektroindustrie bei drei Viertel der Betriebe zu spüren. Das sei die zentrale Herausforderung für die kommenden Jahre. Als zweite Herausforderung benennt der Verband die digitale Qualifizierung der Unternehmen und der Mitarbeitenden. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit würden in den kommenden Jahren durch die digitale Transformation etwa ein Viertel aller Arbeitsplätze wegfallen, wobei auch neue hinzukämen. Als drittes Problem begreift die bayerische Wirtschaft die bürokratischen Hemmnisse; die Wirtschaft müsse dringend von deren Fesseln befreit werden. In all diesen Feldern sieht die Wirtschaft die Politik gefordert und stellt ihre Forderungen: Hilfe und Erleichterungen bei der Anwerbung von ausländischen Fachkräften, Unterstützung bei der Aus- und Weiterbildung durch einen „Digitalen Weiterbildungsfonds“ sowie eine Aufhebung der Begrenzung der Tagesarbeitszeit hin zu einer wöchentlichen Betrachtung.

Allgäuer Handwerk sucht Mitarbeitende - auch viele Azubistellen noch unbesetzt

Horst Holas, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Kempten-Memmingen gab einen Überblick über die Struktur der vorhandenen Arbeitslosigkeit im Allgäu. Wie in den Jahren zuvor setzt sich der Trend des Bildungsniveaus als „Absicherung gegen Arbeitslosigkeit“ fort. Während bei Akademikern die Arbeitslosigkeit abnahm, steigt sie bei den gering qualifizierten Helfer-Berufen. Aktuell gibt es im Allgäu – gemeint sind hier die vier Allgäuer Landkreise – gut 6.800 offene Stellen. Am meisten werden Mitarbeitende gesucht im Handwerk – vor allem im Bereich Sanitär, Heizung und Klima, danach in der Altenpflege noch vor der Krankenpflege. Der Trend setze sich fort, denn zurzeit seien auch noch 1.900 Azubi-Stellen im Allgäu unbesetzt.

Wo setzen Regina Leenders (SPD), Kai Fackler (SPD) und Dr. Veronika Schraudt (CSU) ihre Schwerpunkte

Bei den Rezepten gegen den Fachkräftemangel setzten die drei Direktkandidaten auf dem Podium unterschiedliche Schwerpunkte. Regina Leenders will mit der SPD aus der jetzigen Arbeitsagentur künftig eine Fachkräftesicherungsagentur machen. Es müsse eine Agentur für Weiterbildung und Qualifizierung geben, die auch finanzielle Anreize für Menschen, die sich weiterbilden vorsieht. Kai Fackler (FDP) möchte bereits bei der Schulbildung und ihren momentanen Mängeln ansetzen. Aktuell gebe es doppelt so viele Schulabbrecher als in den Vorjahren. Außerdem müssten der Mindestlohn und die Verdienstobergrenzen besser angepasst werden, damit Menschen in Mini- und Midi-Jobs bei steigendem Mindestlohn nicht immer weniger arbeiten dürften ohne finanzielle Einbußen. Dr. Veronika Schraudt (CSU) möchte vor allem mehr Frauen in Beschäftigung bringen und auch durch einen „gesteuerten Zuzug“ von ausländischen Arbeitskräften Entlastung schaffen. Grade bei den Pflegeberufen müssten auch dringend die Rahmenbedingungen verbessert werden. Dabei gehe es nicht nur um die Löhne, sondern auch um die Arbeitszeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Alle drei Kandidaten waren sich weitgehend einig darin, dass die so genannten „Hartz 4“-Regeln verändert werden sollten, auch wenn die Wege dorthin sich leicht unterscheiden. Arbeit müsse sich wieder lohnen und hinzu verdientes Geld dürfe nicht zum großen Teil wieder abgeschöpft werden.

Die Meinungen gehen bei der Flexibilisierung der Arbeitszeiten auseinander

Bei der Frage der Flexibilisierung der Arbeitszeiten zeigten sich dann doch die Unterschiede der Parteien: Während sich CSU und FDP einer flexibleren Regelung gegenüber aufgeschlossen zeigten, bezog Regina Leenders (SPD) hier deutlich Position dagegen. Eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit weg von der Begrenzung der Tagesarbeitszeit hin zur Regelung auf wöchentlicher Basis helfe nicht, sondern bringe nur mehr prekäre Arbeitsverhältnisse hervor, die dann auch wieder Frauen weiter benachteiligten.

Neuer Bundestag: Wahrscheinlich keine grundsätzlichen Veränderungen zu erwarten

Insgesamt gab es zwischen den drei Parteien hinsichtlich der wirtschaftlichen Organisation unserer Gesellschaft eine recht große Harmonie, wenngleich auch in Nuancen unterschiedliche Konzeptionen zu erkennen waren. Die Zusammensetzung des künftigen Bundestages wird zeigen, welche davon sich durchsetzen können, grundsätzliche Veränderungen werden wohl keine zu erwarten sein.

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