„Sie waren keine namenlosen Wesen“

Memmingen gedenkt der Opfer der Nationalsozialisten in der Stadt

Ludwig Spaenle am Rednerpult
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Der Antisemitismusbeauftragte der Bayrischen Staatsregierung Dr. Ludwig Spaenle, Schirmherr der Ausstellung und Hauptreferent.

Memmingen - In einer bewegenden Feier wurde in der St. Martinskirche in Memmingen der jüdischen Verfolgten und Opfern des Nationalsozialismus im Allgäu und Memmingen gedacht. Die Feier wurde von zwei Mitgliedern der Musikgruppe „Rainer von Vielen“ mit ruhigen, passenden Liedern aus dem Theaterstück „Die Jüdin und der Kardinal“ begleitet.

Zu dieser Gedenkfeier sind viele, auch prominente, Gäste gekommen. Insgesamt waren es um die einhundert Menschen, die an die Opfer des Nationalsozialismus insbesondere auch der Opfer direkt aus Memmingen erinnerten. Und wie Dekan Christoph Schieder in seiner Rede deutlich machte, Täter und Opfer sind gleichsam aus Memmingen gewesen. Es waren keine namenlosen Wesen, die vertrieben, geschändet und ermordet wurden. Es waren doch unsere Mitbürger, Männer, Frauen und Kinder mit zahllosen Beziehungen und Verflechtungen in der Memminger Gesellschaft. Auf der Opfer- wie leider auch auf der Täterseite. Mit dieser Gedenkfeier, die im Rahmen des Ausstellungsprojekts „Vervolkt: Dieses Projekt kann Spuren von Nazis enthalten“, werden die Besucher mit dieser unschönen Wahrheit konfrontiert. Und auch die Kirche Müsse sich fragen „Haben wir unseren Beitrag geleistet?“. Dies alles sind bittere Wahrheiten, so Dekan Schieder.

Stellung beziehen

„Und nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“. Dieser Satz des im Konzentrationslager ermordeten evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer wurde von Dr. Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung vorgetragen. „Wir müssen erinnern an Menschen, die diesem Terror zum Opfer gefallen sind. Und: Wir müssen wachsam sein. Judenhass ist jeden Tag präsent. Dagegen aufzustehen ist unsere Pflicht. Die Zahl der antisemitischen Straftaten nimmt ständig zu, auch wenn kein vernünftiger Zusammenhang zu weltpolitischen Ereignissen erkennbar ist. Wir als Gesellschaft müssen uns dem entgegenstellen“, mahnte Spaenle. Er nannte es sehr bedenklich und gefährlich, dass nach 1945 mehr jüdische Einrichtungen und Friedhöfe beschädigt wurden als in den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Diktatur. Diesem Treiben müsse dringend Einhalt geboten werden. Hierzu zählt Spaenle auch die Aufarbeitung in Schwaben über die begangenen Gräueltaten in der Nazizeit. Er forderte die Zivilgesellschaft und die Verbände dazu auf, Stellung zu beziehen bei erkennbaren Taten und Tendenzen. Die jüdische Glaubensgemeinschaft im Allgäu, die etwa 15.000 Menschen umfasst, müsse durch klare Stellungnahmen unterstützt und geschützt werden.

Die Erinnerung wachhalten

„Wir müssen die Erinnerung wachhalten“ sagte Manfred Schilder. Auch der Oberbürgermeister erinnerte an die Millionen jüdischer Opfer und begrüßte das Projekt „VerVolkt“ im Stadtmuseum Memmingen. „Es ist ein großartiges Ausstellungsprojekt geworden, für das ich der Kuratorin Regina Gropper und der Leiterin des Stadtmuseums Ute Perlitz herzlich danke“. Sehr still wurde es in der Kirche, als der Oberbürgermeister die Namen der ermordeten Memminger Kinder vorlas.

Die Kuratorin Regina Gropper erinnerte an die Opfergruppen und Einzelschicksale und bedankte sich für die Unterstützung für dieses wichtige Projekt. Ihr ganz persönlicher Bezug zur Naziverfolgung sei eine Nachbarin gewesen, die auch Verfolgte und KZ-Überlebende war und viel über diese furchtbaren Zeiten berichtete. Aus dieser persönlichen Erfahrung heraus ist das Interesse zu dieser Ausstellung entstanden mit dem Wunsch, etwas gegen das Vergessen zu tun. Sonja Gropper rief dann auch zu einer Schweigeminute für die etwa einhundert Memminger Opfer des Nationalsozialismus, die im Gedenkbuch des Bundesarchivs verzeichnet sind.

Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung hat der Filmemacher Leo Hiemer seinen Film „Kann Spuren von Nazis enthalten“ in der Kirche vorgeführt. In diesem Film ist Leo Hiemer einigen der schlimmen Schicksale aus der Nazizeit nachgegangen. (rb)

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