Wo alle alles können

Kabaretttage: Mathias Tretter mit „Pop“

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Mathias Tretter – Preisträger des Memminger Mauls 2017 – machte mit seinem Programm „Pop“ den Auftakt der diesjährigen Kabaretttage.

Memmingen - Willkommen im Zeitalter des Amateurs! Hier können alle alles: Helene Fischer simuliert einen Popstar, Populisten tun so, als wären sie Politiker, und Donald Trump spielt Präsident. Denn mal ehrlich: Den Profis kann man heutzutage sowieso nicht mehr trauen. Oder?

Über Mathias Tretter zu schreiben, ist kein leichtes Unterfangen. Zwei Stunden sind rasend schnell vergangen, sieben Seiten sind mit Notizen vollgekritzelt und es stellt sich die Frage: Wo beginnen? Wo aufhören? 

Mühelos spannt Tretter zum Auftakt der elften Memminger Kabaretttage den Bogen von der Post-Post-Moderne zum Transhumanismus, vom Homo sapiens David Bowie zum Homo erectus Donald Trump, von Angela Merkels Konzertraute zu Alexander Gaulands analem Charakter. Er spinnt die aberwitzigsten Verschwörungstheorien, erklärt, wie man den Rassisten und Sexisten dieser Welt effektiv die Schimpfwörter klaut, und fragt sich, wie denn wohl Pornos für die „Digital Natives“ aussehen, wenn nicht mehr der klischeehafte Klempner ein Rohr verlegt, sondern der ITler ein Update installiert. Tretter, der Sprachkünstler mit dem knallroten Lippenstift, erklärt die Evolution vom Bildungsbürger über den Wutbürger zum Hetzbürger – und der haut fleißig in die Tasten, macht es das Internet doch so einfach, jeden noch so sinnlosen Müll in die Welt zu katapultieren. Als Autodidakt der „völkischen“ Sprache entlarvt Tretter das seltsame Weltbild der Identitären und freut sich über Hasskommentare im Internet: Denn wer mit Tippen beschäftigt ist, zündet in der Zeit wenigstens kein Flüchtlingsheim an. Und irgendwie ist so ein Shitstorm dann ja doch Balsam für das Künstlerego. 

Kumpel Ansgar, seines Zeichens Philosoph und Drogendealer, erzählt derweil beim neuen Retro-Trend „Windowing“ von „Pop“, seiner neuen „Partei ohne Partei“ – rechts von der AfD und links von den Grünen. Nur dürfte er damit leider etwas spät dran sein, denn: „Die Visionäre sind nicht in der Politik, sondern an der Macht.“ Facebook, Google und Co. arbeiten schon längst am digital optimierten Übermenschen, der irgendwann nicht einmal mehr den Tod zu fürchten braucht. Aber worin liegt denn dann eigentlich noch der Sinn des Lebens? 

Tretter liefert als Preisträger des Memminger Mauls 2017 einen mehr als würdigen Auftakt für die elften Kabaretttage – ironisch, absurd, eloquent und nie auch nur eine Sekunde langweilig. (am)

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