Nach dem Tierskandal in Bad Grönenbach

„jetzt red i“: Diskussion zu Massentierhaltung und Tierschutz in Hawangen

Auch nach Ende der offiziellen Aufzeichnung von „jetzt red i“ gingen die Diskussionen in Hawangen noch lange weiter.
+
Auch nach Ende der offiziellen Aufzeichnung von „jetzt red i“ gingen die Diskussionen in Hawangen noch lange weiter.

Hawangen – Auf einem Hof mit rund 1.800 Milchkühen in Bad Grönenbach sind Tiere schwer misshandelt worden; die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Bayerische Rundfunk lud deshalb mit seinem Format „jetzt red i“ wieder zur Livediskussion in die Mehrzweckhalle Hawangen ein.

Schon am Eingang hingen die Plakate: Auf der einen Seite Bilder von kranken und verletzten Tieren, auf der anderen Transparente mit Sprüchen wie „Niemand steht so hoch im Land, dass er nicht lebt aus Bauernhand.“ Dass die Diskussion zum Thema „Massentierhaltung und Tierschutz – Geht das zusammen?“ sehr emotional verlaufen würde, war abzusehen. Den Fragen – und der Kritik – der Bürgerinnen und Bürger stellten sich die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) und Gisela Sengl, Agrarpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag.

Neben Aktivisten des Vereins Soko Tierschutz, der die Missstände auf dem Hof in Bad Grönenbach aufgedeckt hatte, fanden sich an diesem Abend auch viele Landwirte im Publikum. Sie zeigten sich empört über die Zustände auf dem riesigen Milchviehbetrieb – einige fühlten sich aber auch pauschal als Berufsstand angegriffen. „Die große Masse unserer Tierhalter achtet wirklich bestens darauf, dass es unseren Tieren gut geht. Schließlich leben sie ja auch davon“, sagte zum Beispiel der Milchviehhalter Martin Wechsel. Seit der Veröffentlichung der Bilder durch die Soko Tierschutz werde jedoch sehr viel verallgemeinert und auf die Landwirtschaft „draufgeschlagen wie es nur geht“. Helmut Mader, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes im Unterallgäu, forderte gar die strafrechtliche Verfolgung des Vereins für die heimlichen Aufnahmen aus dem Stall in Bad Grönenbach: „Wir sind dafür, dass das geahndet wird.“

Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz blickt den Ermittlungen gelassen entgegen und sagte: „Wenn der Bauernverband und die Bauern nicht endlich aufhören, sich immer in einer Opferrolle zu positionieren, dann werden sie mit ihrer ganzen Massentierhaltung und Industrialisierung untergehen.“ Mader unterstellte ihm und der Soko Tierschutz außerdem Feigheit, weil sie nicht preisgeben wollten, woher genau das belastende Bildmaterial stammt. Die Informanten würden sich im Vertrauen an den Tierschutzverein wenden, weil sie sonst niemandem mehr trauen würden, erklärte Mülln. Das seien „Leute, die in solchen Betrieben arbeiten oder im Umfeld und das einfach irgendwann nicht mehr aushalten.“ Für ihn ist klar: „Massentierhaltung und Tierquälerei gehören halt zusammen.“

Gisela Sengl, Agrarpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag (links), und die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) stellten sich den Fragen der Bürgerinnen und Bürger.

Landwirtschaftsministerin Kaniber warnte davor, nun alle Betriebe über einen Kamm zu scheren – das sei der „undifferenzierteste Ansatz“. Der größte Tierwohlfaktor sei schließlich immer noch der Mensch. Auch Gisela Sengl betonte, dass es nicht unbedingt auf die Größe des Betriebes ankomme, sondern auf die Art der Haltung. Der besagte Betrieb in Bad Grönenbach habe mit seinen 1.800 Milchkühen darüber hinaus auch keine normale bayerische Größe. Von insgesamt nur fünf Betrieben mit mehr als 500 Tieren in ganz Bayern befinden sich jedoch drei im Unterallgäu: „Da muss man sich schon mal fragen, wohin wandert die Landwirtschaft im Unterallgäu und warum ist hier so ein Hotspot“, so Sengl.

Überlastet und überfordert

Aber wie kommt es zu solchen Vorfällen, wie sie die Bilder der Soko Tierschutz zeigen? Laut Iris Fuchs, Vizepräsidentin der Bayerischen Landestierärztekammer, sei ein Tierschutzfall auch immer ein Menschenfall. Dabei ginge es um Krankheit, Überlastung oder schlicht Überforderung. Ihrer Ansicht nach müsse bei der Beratung der Landwirte „an einigen Stellschrauben gedreht werden“. Die Tierärzteschaft bemängele außerdem seit Jahrzehnten, dass es keine festen rechtlichen Vorgaben gibt, wie viel Personal bei einer bestimmten Anzahl von Tieren nötig ist.

Nach der Veröffentlichung der Bilder wurden Rufe nach verstärkten Kontrollen laut – auch bei „jetz red i“ kommen diese immer wieder zur Sprache. Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte, hält davon jedoch nicht viel. Jetzt schon sei fast jeden Tag „irgendein Kontrolleur von irgendeinem System“ auf den Höfen unterwegs und am Ende erzähle jeder etwas anderes. Seiner Meinung nach ist das Kontrollsystem an sich ineffektiv.

Jahrelang habe der Grundsatz geherrscht „wachsen oder weichen“. „Damit sind die Leute in immer größere Betriebe getrieben worden, ohne dass das Management und die Menschen mitgenommen wurden“, sagte Moder. Er vermisse außerdem die Wertschätzung der Gesellschaft für das, was auf den Höfen geleistet werde: „Den meisten Bauern tut man mit der Diskussion, die im Moment geführt wird, sehr unrecht.“

Mercosur und Doppelmoral

Einige Kunden mehr dürfte nach dieser Sendung wohl der Westernacher Landwirt Stefan Häfele haben. Er ist Direktvermarkter und beliefert nach eigener Aussage rund 1.000 Haushalte, die bereit seien, für den Liter Milch etwas mehr zu zahlen – das jedoch in einem Gebiet mit geschätzt 30.000 Haushalten. Er selbst habe ein Problem mit Verbrauchern, die sich über die Massentierhaltung empören „und morgen gehen sie alle wieder zu Aldi, Lidl und Co. zum Einkaufen und unterstützen dieses System.“ In diesem Zusammenhang sprach auch Hannelore Kral vom BUND Naturschutz Memmingen-Unterallgäu von „Doppelmoral“: Ausgerechnet diejenigen, die sich in den sozialen Medien besonders aggressiv zu diesem Thema äußerten, würden Fleisch und Milch weiter möglichst billig einkaufen.

„Wollen wir das?“

Häfele war es auch, der das Mercosur-Freihandelsabkommen zwischen der EU und Südamerika ins Gespräch brachte, das er knapp mit „Tausche Autos gegen Rinder“ beschrieb. Kaniber gab sich bei diesem Thema „zwiegespalten“ und verwies darauf, dass auch Milch aus der EU nach Südamerika exportiert werden solle. Genau darin sah Sengl das Problem: Sie sprach von einem schlechten Abkommen. Zumindest hätte man ihrer Ansicht nach den landwirtschaftlichen Bereich ausklammern müssen. Denn um per Freihandelsabkommen genügend Milch nach Südamerika zu exportieren, brauche es genau solche riesigen Betriebe wie den in Bad Grönenbach, um die Mengen überhaupt zu schaffen. „Aber wollen wir das? Was macht denn das für einen Sinn, bei uns so viel Milch zu produzieren? Die Gülle bleibt außerdem auch da. Die können wir nämlich nicht mit exportieren“, sagte die Politikerin unter Beifall.

Der Verbraucher entscheidet

Viele Argumente, unterschiedliche Standpunkte und erhitzte Gemüter: Nach dem offiziellen Ende der Live-Übertragung war die Diskussion in Hawangen noch lange nicht vorbei. Inge und Gerhard Dietrich aus Zell fanden die Bilder aus dem Grönenbacher Stall „erschreckend“. Von dem Vorstoß Maders, die Organisation für die heimlichen Aufnahmen abzumahnen, halten sie nichts – genauso wenig wie von der Massentierhaltung an sich. Die beiden kritisierten auch den vielen Verkehr, den ein Betrieb dieser Größe mit sich bringe.

Ein Junglandwirt aus der Region bezweifelte, dass noch mehr Kontrollen tatsächlich etwas an der Situation ändern könnten. So sei sein Hof in den letzten sechs Jahren bereits 15 Mal kontrolliert und inspiziert worden. Er glaubt, dass viele Verbraucher auch schlicht keine Ahnung mehr von der Tierhaltung hätten. Seiner Meinung nach könnte es schon helfen, wenn jeder ein paar Tage auf einem Hof mithelfen würde, um sich mit der Arbeit dort wieder vertraut zu machen – auch wenn dies letztendlich ein utopischer Gedanke sei. Es sei leicht zu sagen, die Landwirtschaft müsse sich anpassen. Aber in der Hand habe es am Ende immer noch der Verbraucher. (am)

Auch interessant

Meistgelesen

Kreishandwerkerschaft Memmingen-Mindelheim besucht beste Junggesellen
Kreishandwerkerschaft Memmingen-Mindelheim besucht beste Junggesellen
Corona in Memmingen: DLRG eröffnet Schnelltestzentrum
Corona in Memmingen: DLRG eröffnet Schnelltestzentrum
Memmingen: Kinderfest und Fischertag 2021 in traditioneller Form abgesagt
Memmingen: Kinderfest und Fischertag 2021 in traditioneller Form abgesagt

Kommentare