Von Frauengold und Flüchtlingskammern

Bauernhofmuseum: Im Nattererhof zurück in die 50er Jahre

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Der Nattererhof wurde 1780 erbaut. Im Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren präsentiert er die Zeit zwischen 1950 und 1970.

Kronburg-Illerbeuren - Die deutsche Nachkriegszeit war geprägt vom wirtschaftlichen Aufschwung – auch in Schwaben. Wie stark sich die Gesellschaft damals verändert hat und wie hart das Leben trotz aller technischen Neuerungen sein konnte, das zeigt die Dauerausstellung „Im Aufschwung – Der Wandel des Lebens zwischen 1950 und 1970“ im Nattererhof des Schwäbischen Bauernhofmuseums.

Die Gebäude des Bauernhofmuseums werden für gewöhnlich an ihrem ursprünglichen Standort abgebaut, eingelagert und dann auf dem Gelände im Stil einer bestimmten Epoche wieder aufgebaut. Anders der 1780 errichtete Nattererhof: Er steht noch immer an derselben Stelle wie am ersten Tag. Vor knapp 30 Jahren hatte der Zweckverband Schwäbisches Bauernhofmuseum das große Bauernhaus mit Obstgarten und Wirtschaftsteil von Remigius und Theresia Natterer gekauft und auf den Stand zwischen 1950 und 1970 zurückgebaut.

Für gewöhnlich, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Gudrun Thiel, wirken die Gebäude und ihre Einrichtung für sich – ohne große Erklärung. Und so war es auch viele Jahre lang im Nattererhof; die meisten Museumsbesucher erinnerten sich noch gut an die 50er, 60er und 70er Jahre und wussten etwas mit den Ausstellungsstücken anzufangen. Mit der Zeit hörten die Museumsmitarbeiter von den Besuchern aber immer häufiger die Kommentare „wie süß“, „wie goldig“ oder sogar Vergleiche mit netten Berliner WGs. Resopaltisch, Tefifon und Flüchtlingskammer waren endgültig in der Vergangenheit angekommen.

Also war es Zeit, die Ausstellung im Nattererhof neu zu konzipieren. Der Zeitabschnitt ist immer noch der gleiche, aber Hintergründe und Zusammenhänge werden besser erklärt; die Lebensumstände, das Rollenverständnis und die zunehmende Technisierung im Alltag der ländlichen Bevölkerung rücken in den Fokus.

Das Frauenbild wandelt sich

Mit Beginn der 60er Jahre tauchten in den Küchen elektronische Haushaltshelfer auf. Eine Küchenmaschine von Bosch war – vermeintliche – Arbeitserleichterung und Zeichen den Fortschritts zugleich. Das hieß aber nicht, dass die Frau des Hauses nun entspannen konnte: Hausarbeit blieb weiterhin Frauensache. 

Gudrun Thiel beschäftigt vor allem, wie stark sich die Gesellschaft in dieser relativ kurzen Zeit verändert hat, vor allem, was die Rolle der Frau angeht. Heute scheint es undenkbar, dass ein Mann seiner Gattin verbietet, zur Arbeit zu gehen. Bis 1977 war das sein gutes Recht. Erst seit 1962 dürfen Frauen in Deutschland ein eigenes Bankkonte eröffnen. Und der traurige Spitzenreiter: Erst seit 1997 gilt die Vergewaltigung in der Ehe als Straftat.

„Darauf einen Dujardin“

Nicht umsonst bezeichnet Thiel die Phase zwischen den 50er und 70er Jahren als „Zeit der Tabletten“. Eine besonders große Rolle spielte dabei die Anti-Baby-Pille, die trotz heute unvorstellbar hoher Dosierung den Frauen eine neue Freiheit versprach. Aber auch körperliche und psychische Krankheiten wurden mit Pillen und Alkohol selbst therapiert, Sorgen und Probleme heruntergeschluckt.

Dazu trug auch das einsetzende Fernsehzeitalter seinen Teil bei, denn: „Frauengold schafft Wohlbehagen, wohlgemerkt – an allen Tagen.“ Dass dieses „Stärkungsmittel“ mit mindestens 16,5 Prozent Volumenalkohol schwer nierenschädigend war, interessierte zunächst nicht. Erst in den frühen 80er Jahren wurde es verboten. Für die Herren gab es derweil zur Entspannung einen Dujardin.

Fern der Heimat

Flüchtlingskammern wie diese waren nach dem Krieg keine Seltenheit. Ganze Familien lebten hier auf engstem Raum.

Neben der Bauersfamilie lebte auf dem Nattererhof auch die Familie Frank, die in engsten Verhältnissen in der improvisierten Flüchtlingskammer untergebracht war. Diese verfügte nur über eine einfache Kochgelegenheit; es gab kein separates Badezimmer, keine Privatsphäre. Sechs Jahre verbrachten die Franks auf diese Weise. Zuhause in Sodau hatten sie noch ein eigenes Café betrieben; das Leben auf dem Hof war für sie eine völlig neue Welt.

Dieses Nebeneinander unterschiedlicher Familien und Kulturen war in der Nachkriegszeit keine Seltenheit. Allein in Kronburg wurden rund 480 Flüchtlinge einquartiert. All diese Menschen brachten ihre Heimat und Kultur mit nach Schwaben und haben bis heute deutliche Spuren hinterlassen – sei es der „Böhmische Traum“ oder Omas Mohnkuchen.

Wechsel an der Spitze

Nach einer anderthalbjährigen Neukonzipierung ist im Nattererhof mit „Im Aufschwung – Der Wandel des Lebens zwischen 1950 und 1970“ eine spannende Ausstellung entstanden, die einen tiefgehenden Einblick in diese besondere Phase der deutschen Geschichte bietet. Offiziell eröffnet wurde die neue Dauerausstellung am 1. März, pünktlich zum Saisonbeginn. Aber das ist nicht die einzige Neuerung im Bauernhofmuseum: Museumsleiter Dr. Bernhard Niethammer hat nun offiziell seinen Dienst angetreten. Ganz neu ist er aber nicht: Schon seit dem 1. Januar hat er sich gemeinsam mit seinem Vorgänger Dr. Wolfgang Ott um die Geschäfte gekümmert – nach dieser Übergangs- und Einarbeitungsphase steht Niethammer nun allein an der Spitze. Er hat auch schon das nächste Projekt im Auge: Nach dem Wohnhaus soll nun auch der Wirtschaftsteil des Nattererhofs umgestaltet werden.(am)

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