Premiere von „Eine Familie“ im Landestheater

Eine „schrecklich nette“ Familie

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Viel unangenehmer kann ein Leichenschmaus wohl kaum sein: Nicht mal nach dem Tod von Vater und Ehemann können die Westons einander in Ruhe lassen.

Memmingen – Drogenmissbrauch, Inzest und hinterhältige Boshaftigkeiten: Wie zerstörerisch – und unterhaltsam – die bucklige Verwandtschaft wirklich sein kann, zeigt Peter Kesten im LTS mit „Eine Familie“ von Tracy Letts.

„Sie können alle meine Bücher lesen, wenn Sie wollen.“ Das ist das letzte, was Beverly Weston (André Stuchlik), einst erfolgreicher Dichter und nun alkoholabhängiger Patriarch, von sich hören lässt, bevor er leise singend seinem Ende entgegenschlendert. Und genau das tut Johnna Monevata (Regina Vogel), eine junge Frau vom Stamm der Cheyenne, die sich um den Haushalt und vor allem Beverlys krebskranke Frau Violet (Annagerlinde Dodenhoff) kümmern soll. 

Der Vater verschwunden, die Mutter krank und tablettensüchtig – da tauchen auch Violets Schwester, gespielt von einer wunderbar blasierten Anke Fonferek, und die drei Töchter mitsamt neurotischem Anhang im heruntergekommenen Heim in der hinterletzten Ecke Oklahomas auf. „Wir alle kennen die Konflikte, die unvermeidlich sind, wenn eine Generation, ‚die gar nichts hatte‘, ihren Stolz und ihre Schuld jener aufhalst, ‚die gar nichts wollte‘“, beschreibt der amerikanische Dramatiker Tracy Letts sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Stück, das im Original unter dem Titel „August: Osage County“ erschienen ist. Er zeichnet das Bild einer Familie, die das Lebensgefühl einer ganzen Gesellschaftsschicht repräsentiert, für die der so oft beschworene amerikanische Traum genau das geblieben ist. Egal, wie erfolgreich Beverly einmal war, wie viele Opfer er und Violet gebracht haben, wie angesehen ihre Familie vielleicht einst gewesen ist: In der unwirtlichen Prärie Oklahomas ist nichts davon von Dauer und übrig bleibt nur bitterer Zynismus. 

Die Winston-Schwestern haben versucht, eigene Wege zu gehen, konnten sich aber nie vom Ballast dieses lieblosen und emotional verhungerten Elternhauses befreien: Barbara (Claudia Frost) hat ihre Karriere für einen Mann hintangestellt, der seine Midlife-Crisis mit einer jungen Studentin auslebt. Die taktlos vor sich hin plappernde Karen (Elisabeth Hütter) lässt jegliche Selbstachtung links liegen und klammert sich an den schmierigen Steve, der sich derweil an Barbaras 14-jährige Tochter Jean (Josepha Grünberg) ranmacht. Mauerblümchen Ivy (Miriam Haltmeier) sucht derweil ihr Glück ausgerechnet mit ihrem vermeintlichen Cousin und lässt die gerade durch ihre Beiläufigkeit so brutalen Bissigkeiten ihrer Mutter mit gesenktem Kopf über sich ergehen. Violet nimmt in einer verqueren Demonstration dessen, was sie für Stärke hält, ihre Familie einen nach dem anderen mit systematischer Grausamkeit auseinander, bis bei ihren Kindern nichts mehr übrig bleibt als hilflose Wut. 

Die einzige, die sich nicht in dieses Chaos hineinziehen lässt, ist Johnna. Während sich um sie herum die Westons gegenseitig zerfetzen und das letzte bisschen Zuneigung auf dem Scheiterhaufen der Machtspielchen und Eitelkeiten verbrennen, sitzt sie da und liest. Sie ist die stille Zeugin des geballten Wahnsinns dieser zutiefst kranken Sippe. 

Für das Publikum sind die Beleidigungen und hinterhältigen Kommentare, die auf der Bühne hin und her fliegen wie Schrapnelle, zwar unterhaltsam, aber jedes Lachen schmerzt. Denn so extrem und fast stereotyp Letts‘ Charaktere auch sind, gibt es wohl kaum jemanden, der sich und seine eigene Familie nicht irgendwo in ihnen wiederfindet. (am)

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