Professor Dr. Friedrich Heinemann spricht über Geldpolitik der EZB

„Normalisierung der Geldpolitik ist überfällig“

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Professor Dr. Friedrich Heinemann vom Mannheimer Zentrum für Wirtschaftsforschung.

Memmingen - Auf Einladung des städtischen Europabüros, in Kooperation mit der deutschen Vertretung der EU-Kommission, sprach Professor Dr. Friedrich Heinemann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung im Rathaus zum Thema „Geldflut und Nullzinsen ohne Ende?“. Er informierte über Hintergründe und Auswirkungen der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB).

„Um die europäische Schulden- und Wirtschaftskrise zu bekämpfen, hat die Europäische Zentralbank EZB zu ungewöhnlichen Instrumenten gegriffen. Die Leitzinsen sind auf null und sogar zum Teil in den negativen Bereich abgesenkt worden. Die EZB kauft zudem in großem Umfang öffentliche und private Anleihen auf und hat damit den traditionellen Bereich der Geldpolitik verlassen“, so Wirtschaftsprofessor Dr. Friedrich Heinemann in seinem Eingangsstatement. Heinemanns Forschungsschwerpunkte sind die Fiskal- und Steuerpolitik in Europa. Laut Oberbürgermeister Manfred Schilder „bekommt Mario Draghi, als Präsident der EZB, dafür die meisten Prügel ab“. Die Bürger sind zunehmend aufgebracht und haben wenig Verständnis für diese, in ihren Augen, bürgerfeindliche Geldpolitik. Eine häufig gehörte Aussage lautet deshalb auch: „die Nullzinspolitik enteignet die Deutschen Sparer“. Nicht nur die ausbleibenden Zinsen auf den in Deutschland beliebten Sparbüchern, sondern auch die jahrelang angesparten Lebensversicherungen werden abgewertet und werfen zu wenig Rendite ab. Sparen fürs Alter lohnt sich unter diesen Umständen nicht mehr. Wer Geld anlegen will, muss auf Aktienkäufe ausweichen oder andere Anlagemöglichkeiten suchen. Auf 436 Milliarden Euro beziffert Schilder die Summe der Zinseinbußen seit dem Jahre 2010 in Deutschland. Wirtschaftsprofessor Heinemann sieht die Schuld dafür allerdings nicht ausschließlich bei der EZB. „Das EZB-Handeln war 2012 vertretbar“, betonte Professor Heinemann. „Hohe Zinsen der Neunziger sind nicht mehr absehbar. Die EZB-Politik hat maßgeblichen Anteil am aktuellen Wirtschaftsaufschwung der Euro-Zone geleistet. Die Preisstabilität herzustellen ist erreicht. Weder ein Inflations- noch ein Deflationsproblem ist in Deutschland erkennbar“. Ganz ohne Risiken geht es aber nicht. So droht nach Heinemanns Worten nicht nur eine Vermögensinflation, sondern er sagt auch künftige Finanzkrisen voraus. „Die EZB agiert hier einfach zu langsam. Eine Einleitung der Normalisierung der Geldpolitik ist längst überfällig“, ist Heinemann überzeugt. Als exzellenter Kenner der Materie versuchte er die komplizierten Zusammenhänge der EZB-Politik allgemeinverständlich den interessierten Zuhörern in allen Einzelheiten zu erklären. „Geldpolitik hat eine wichtige Rolle zu spielen“, so Heinemann. Und „das Euro-Rettungsprogramm war enorm erfolgreich. Draghi hat die Finanzmärkte stabilisiert“. Die USA, die ebenso wie die Europäische Union von der Wirtschafts- und Finanzkrise stark betroffen waren, haben aber mittlerweile die ersten Konsolidierungsschritte eingeleitet. So hat die amerikanische Notenbank FED eine erste Zinserhöhung bereits 2015 vollzogen. Ab Oktober diesen Jahres begann sie mit dem Bilanzabbau. Die Europäische Zentralbank unter ihrem Präsidenten Mario Draghi hinke hier hinterher. Bisher werden hier noch bis zum Jahresende Monat für Monat 60 Milliarden Euro an Anleihen gekauft. Ein Ausstieg ist erst für 2018 geplant. Einen einigermaßen realistischen Zeitpunkt für eine moderate Zinserhöhung sieht Heinemann dagegen erst bis zum Ende des Jahres 2019. (jw)

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