„Enttäuschend, aber nicht überraschend“

Stadt reagiert gefasst auf Absage von Ikea

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Statt eines Einrichtungshauses und einem Fachmarktzentrum besitzt Ikea jetzt am Memminger Autobahnkreuz eine 15 Hektar große Wiese. Wie es mit dem Gelände weitergeht, ist zur Zeit nicht absehbar.

Memmingen – Nach der nicht völlig überraschenden Absage des schwedischen Möbelherstellers Ikea, auf dem Gelände der ehemaligen Rinderbesamungsanstalt in Memmingen kein Standard-Einrichtungshaus zu bauen (wir berichteten), hat der Memminger KURIER von Oberbürgermeister Manfred Schilder, von den Fraktionsvorsitzenden und der Vorsitzenden des Einzelhandelsverbandes, Mechtild Feldmeier, Stellungnahmen eingeholt. Die Reaktionen fallen dabei recht unterschiedlich aus.

Nachdem Ende 2015 erstmals offiziell seitens der Stadt Memmingen bestätigt wurde, dass der schwedische Möbelriese Ikea die Eröffnung eines Einrichtungshauses mit einem Fachmarktzentrum in unmittelbarer Nähe zum Autobahnkreuz plant, wurde in den folgenden zwei Jahren intensiv an der Umsetzung gefeilt. Letztlich einigte man sich auf ein für alle Beteiligten tragfähiges Konzept und wartete nur noch auf den ersten Spatenstich. Doch dann kam alles ganz anders: Vor rund einem Jahr gab Ikea plötzlich bekannt, seine gesamte Unternehmenspolitik grundsätzlich umzustrukturieren und den sich verändernden Marktbedingungen anpassen zu wollen. Im Zuge dieser Maßnahmen stand somit auch das in Memmingen geplante Einrichtungshaus auf der Kippe. Letzten Donnerstag folgte dann die endgültige Absage: Ikea kommt nicht nach Memmingen.

Chantal Gilsdorf, zuständige Pressesprecherin der Ikea Deutschland GmbH, bestätigte, dass das Unternehmen in Deutschland keine neuen Standard-Einrichtungshäuser mehr plant. Man habe sich allerdings intensiv damit beschäftigt, ob sich am Standort Memmingen auch ein flexibleres Modell realisieren lässt. „Konkret haben wir verschiedene Konstellationen geprüft, wie wir das Einrichtungshaus verkleinern und mit erweiterten Lagerflächen zur Auslieferung von Online-Bestellungen kombinieren können. Dabei haben wir jedoch festgestellt, dass für uns keines der geprüften Konzepte auf Dauer wirtschaftlich tragfähig wäre. Aus diesem Grund haben wir entschieden, den Standort nicht weiter zu verfolgen. Diese Entscheidung betrifft sowohl das Ikea-Einrichtungshaus als auch die von uns geplanten Fachmärkte“, so Gilsdorf. Ikea bedauere, dass sich dieser Schritt nicht vermeiden lässt und will nun alle weiteren Details gemeinsam mit der Stadt Memmingen abstimmen, um gemeinsam eine gute Lösung zu finden.

„Das war fast zu erwarten, dennoch bin ich natürlich enttäuscht“, so die erste Reaktion von Oberbürgermeister Manfred Schilder gegenüber unserer Zeitung. Er betonte erneut, dass die Stadt an der Entwicklung keine Schuld treffe: „Wir mussten in der Planungsphase zahlreiche Interessen unter einen Hut bringen und das ist uns angesichts der Dimension des Vorhabens in einem akzeptablen Zeitrahmen gelungen. Die jetzt erfolgte Absage ist eine unternehmerische Entscheidung von Ikea, die wir akzeptieren müssen.“ Wie es jetzt weitergeht sei noch nicht absehbar, allerdings sei die Stadt „Herrin des Verfahrens“, so der OB. „Wir haben die Planungshoheit, das heißt auf dem Gelände passiert nichts, was wir nicht wollen.“ Die Rinderbesamungsanstalt wird nun erst einmal wie geplant bis zum Herbst umziehen und in der Zwischenzeit werde man mit Ikea in engem Kontakt bleiben. Weder seitens des Unternehmens noch der Stadt gebe es momentan konkrete Pläne oder Überlegungen, was auf oder mit dem Gelände passiert. Ob die Stadt das Gelände zurückkauft kann der OB jetzt nicht sagen. Im Stadtrat werde zur Zeit ein neuer Flächennutzungsplan erstellt, in den dieses Areal auch mit einbezogen werde. Nicht kommen werde durch die Absage natürlich die ursprünglich geplante Abfahrt von der Europastraße, der Neubau der Brücke über die Autobahn ist laut Schilder davon allerdings nicht betroffen und werde weiterbetrieben. Und auch eine Verbreiterung der Europastraße werde über kurz oder lang kommen.

Auf Nachfrage unserer Zeitung äußern sich die Vorsitzenden der Memminger Stadtratsfraktionen wie folgt zu der Entscheidung des schwedischen Unternehmens:

Stefan Gutermann, CSU:

„Den Rückzug von Ikea vom Standort Memmingen nehmen wir mit Bedauern zur Kenntnis, er kommt allerdings nicht überraschend. Die Ursache für das Ende der Pläne in Memmingen liegt alleine bei der grundlegend veränderten Ikea-Strategie und hat mit dem Diskussions- und Entscheidungsprozess von Verwaltung und Stadtrat nichts zu tun. Die CSU-Fraktion fordert nun den OB und die Verwaltung dazu auf, alle notwendigen Schritte einzuleiten um zeitnah einen Erwerb der Grundstücke durch die Stadt Memmingen zu realisieren. Die Stadt muss dann als Grundstückseigentümerin die weiteren Planungen ergebnisoffen vorantreiben. Einen entsprechenden Antrag werden wir im Stadtrat einbringen. Wir sind überzeugt davon, dass sich für dieses wertvolle Gelände am Schnittpunkt von zwei Autobahnen eine Nutzung entwickeln lässt, welche eine hohe Wertschöpfung für den Standort Memmingen bringen wird. Jetzt gilt es, entschlossen nach vorne zu schauen und über die für Memmingen und unseren Wirtschaftsraum bestmögliche Nutzung nachzudenken.“

Wolfgang Courage, CRB:

„Der CRB zeigt sich überhaupt nicht erfreut über die Ikea Absage. Bis zuletzt sind wir davon ausgegangen, dass sich die Konzernleitung für eine innovative Lösung für den Standort Memmingen entscheidet. Auch die weiteren Begleitunternehmen, die zur Ansiedlung angedacht waren, hätten das Oberzentrum Memmingen in seiner Stellung bereichert. Der Vermutung, dass Bedenkenträger, Bremser und Zauderer einen frühzeitigeren Spatenstich erfolgreich verhindert haben, kann man sich nur schwer entziehen. Wie allerdings offensiv mit der Umsetzung von Entwicklungsideen umgegangen werden kann, das haben Gemeinderatsgremien der umgebenden Randgemeinden rasch gelernt. Während Teile des Memminger Stadtrats immer noch bemüht sind, der Stadt eine Käseglocke überzustülpen, um möglichst alles beim alten zu belassen, formen sich an den Stadtgrenzen Verkaufsflächen und Angebote. Stadtrat, Oberbürgermeister und Verwaltung sind aus unserer Sicht gut beraten, dieses sehr attraktive Grundstück in Besitz zu bekommen, um auf dieser Fläche für die Stadt verlässliche und dauerhaft gewinnbringende Unternehmen anzusiedeln.“

Helmut Börner, Freie Wähler:

„Wir bedauern die Entscheidung sehr, die aus unserer Sicht wohl auch mit dem Tod des Firmengründers zusammenhängt. Zwar haben wir Verständnis dafür, wenn ein Unternehmen aufgrund geänderten Konsumverhaltens seine Strategie ändert, eine andere als die vorgesehene Nutzung hätten wir allerdings nicht gebilligt. Wir hoffen nun, dass Ikea das Gelände der Stadt zu einem guten Preis verkauft, schließlich handelt es sich um eines der wertvollsten Gewerbegrundstücke in Schwaben. Wir wollen hier allerdings keine Großindustrie ansiedeln, sondern den Mittelstand fördern. Eventuell würde es sich anbieten, Unternehmen aus der Stadt auszusiedeln, wodurch im Zentrum wiederum Platz für notwendige Wohnbebauung frei werden könnte. Auch der Neubau des Memminger Klinikums ist sicher eine Überlegung wert, allerdings spielen solche Überlegungen keine Rolle, da es bislang keine Planungen in diese Richtung gibt.“

Bernhard Thrul, Bündnis 90/Die Grünen:

„Wie nur in ganz wenigen Fällen hat hier wenigstens einmal die Vernunft gesiegt. Bündnis 90/Die Grünen sind sehr erfreut über die Entscheidung der Schweden. Einen kleinen Anteil daran, dass in Memmingen dieser Gigantismus des weit übertriebenen Baus nicht zum Tragen kam, schreiben wir auch uns zu. Die Umwelt wird es uns und Ikea danken, dass weniger Abgase in die Luft geschleudert werden. Der Bundesfinanzminister verzichtet eventuell auf einen Ausbau der Autobahnabfahrt und die Memminger Geschäftsleute können ein bisschen ruhiger schlafen. Das bisher schon übliche Verkehrschaos im Bereich des Memminger Kreuzes an Samstagen wird nicht gesteigert und die Ikea-Besucherinnen und -Besucher aus dem Memminger Raum genießen auch weiterhin einen Besuch bei Ikea als einen „Quasi"-Urlaubstag in Ulm mit Köttbullar-Essen und anderen Events. Wir hoffen, dass der ehedem aufgezogene Ikea-Hype in Memmingen wieder einer gesunden Vernunft Platz macht.“

Prof. Dr. Dieter Buchberger, ÖDP:

„Wir waren von der ersten Sekunde an der Meinung, dass das Ikea-Konzept nicht zeitgemäß ist und haben es daher auch abgelehnt. Die ÖDP-Fraktion begrüßt daher, dass der Kelch an uns vorbeiging. Sicherlich sind auch sehr viele Autofahrer und die Anwohner der Schleichstraßen in der Stadt froh, dass es durch den Rückzug nicht noch zu mehr Staus auf der Autobahn und zu mehr Schleichverkehr durch unsere Wohngebiete kommt. Wir haben dadurch kaum Steuerausfälle, da Ikea als einer der größten legalen Steuervermeider bekannt ist. Wir sollten nun gemeinsam mit den Händlern das Potential unserer Altstadt nutzen und diese zukunftsfähig machen. Jetzt heißt es auch seitens der Stadt: Ärmel hoch, zusammenstehen und die noch nicht so schönen Ecken der Altstadt zum Beispiel durch Städtebau-Förderungsmittel gemeinsam mit den Eigentümern zu verschönern. Was mit dem Grundstück der Firma Ikea geschehen soll, muss der Stadtrat entscheiden. Mit einem Lärmschutzwall ist Wohnbebauung möglich, dies würde sich so nahe am Stadtkern anbieten. Alternativ wäre ein Gewerbe- oder ein Gewerbe-Mischgebiet möglich. Eine Fläche für das Klinikum wäre prinzipiell auch möglich, doch gelten dort besonders strenge Lärmminderungsanforderungen. Die größten Handlungsoptionen hätte die Stadt durch einen Kauf des Grundstücks, dies sollte daher angestrebt werden.“

Matthias Ressler, SPD:

„Die SPD/FDP-Stadtratsfraktion bedauert die Entscheidung von Ikea den Bau eines Möbelhauses mit angeschlossenem Fachmarktzentrum aufzugeben. Die Entscheidung für eine Ansiedlung war eine gute und zukunftsweisende, diese hätte man auch unter den neuen Vorzeichen nicht anders getroffen. Über das Verhalten von Ikea ist man aber enttäuscht. Man kann seine internen Maßgaben ändern, aber wir hätten erwartet, dass Ikea unterschriebene Verträge auch erfüllt. Trotzdem müsse man nach vorne schauen und die weitere Entwicklung des Memminger Gewerbegebiets planen und vorantreiben. Deshalb fordert die SPD/FDP-Fraktion die Stadtverwaltung zu Gesprächen mit Ikea über die von den Schweden gekauften Grundstücke auf. Des Weiteren müssen die geplanten verkehrlichen Ertüchtigungsmaßnahmen gerade an der A7 weiterhin umgesetzt werden. Den Kreisverkehr Buxheimer Straße gilt es weiter zu ertüchtigen, unter anderem muss die zweispurige Befahrbarkeit ermöglicht werden. Wir waren von Anfang an für die Ikea-Ansiedlung. Nach unserem Willen wäre man schon längst in der Bauphase. Leider wurde das ganze Projekt durch zahlreiche Bedenkenträger verzögert.“

Letztendlich äußerte sich auch die Vorsitzende des Einzelhandelsverbandes, Mechtild Feldmeier , zu der nun erfolgten Absage: „Grundsätzlich ist es schade, dass Ikea Memmingen eine Absage erteilt. Was das Fachmarktzentrum anbelangt, sind wir Händler allerdings sehr erleichert. Der stationäre Handel erlebt seit Jahren einen gewaltigen Wandel. Das Einkaufsverhalten der Kunden verlagert sich immer mehr zum bequemen Online-Handel hin, so dass jede weitere Verkaufsfläche eine sinnlose Versiegelung von Flächen bedeuten würde. Die Innenstädte Deutschlands werden immer schwächer frequentiert, eine weitere Verkaufsfläche, vor allem in dieser Größe, würde diese Entwicklung immens forcieren.“ (es)

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