"Das Tafelsilber nicht verscherbeln"

Stadtspaziergang: Architekt kritisiert Pläne für das Bahnhofsareal

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Das Union Kino in der Maximilianstraße war mit 728 Sitzplätzen einst der größte Veranstaltungssaal in Memmingen. Der Abriss dieses Gebäudes sei auch eine Zerstörung Memminger Stadtgeschichte.

Memmingen – Bereits zum dritten Mal fand nun in Memmingen ein Stadtspaziergang rund um das Bahnhofsareal statt. Eingeladen hatte Franziska Mamitzsch vom Soziokulturellen Verein Memmingen e.V., die zusammen mit dem Architekten Franz Schröck vom Architekturforum Allgäu den Spaziergang leitete.

Das Thema hat Brisanz. Der Memminger Stadtrat möchte, dass der niederländische Investor Ten Brinke das Areal komplett neu bebaut (wir berichteten), womit einige Bürgerinnen und Bürger aber nicht einverstanden sind. Mamitzsch machte zu Beginn deutlich, dass man nicht grundsätzlich dagegen sei, hier etwas zu machen. Man wolle auch nicht alle Pläne aufhalten oder verzögern. Wichtig sei, dass das Potential, das in diesem Gebiet steckt, ausgenutzt werde, was ihrer Meinung bei Ten Brinke nicht der Fall sei. Deshalb habe man eine Bürgerinitiative gegründet, deren Ziel es ist, die derzeitigen Planungen mit einem Investor zu stoppen, um ein neues Verfahren mit Bürgerbeteiligung und einem unabhängigen Expertenteam zu starten. 

Der Kemptener Architekt Franz Schröck wusste im Laufe des Spaziergangs viel zu den bestehenden Gebäuden zu erzählen und ging dabei auch auf das Vorhaben des Investors Ten Brinke ein. Die Gaststätte "Goldenes Rad", wo der Spaziergang begann, bliebe aus Gründen des Denkmalschutzes bestehen und werde saniert. Die Fassade werde dabei allerdings verändert und er sei gespannt, wie sich das mit dem Denkmalschutz vereinbaren lässt, so Schröck. Hinter dem „Goldenen Rad“ werde ein Glasbau entstehen, der den Zugang zum geplanten Supermarkt bildet. 1862 sei das Kalchtor abgebrochen worden, weiß Schröck, um die Stadt im Zuge der neu errichteten Bahnstrecke zu öffnen. Entlang der Bahnhofstraße standen früher lauter villenartige Einzelgebäude wie das ehemalige Malzwerk an der Ecke zur Kalchstraße, das Haus an der Ecke Maximilianstraße eines jüdischen Pferdehändlers, der in der Nazizeit nach Brasilien auswanderte, oder in der Bahnhofstraße 4 die erste Memminger Tankstelle in den Zwanzigerjahren. 

Entspricht das Modell nicht den Tatsachen?

Schröck kritisierte, dass der Investor hier einen riesigen Riegel mit einem Hotel hinsetzen wolle, was mit einer Stadtöffnung nichts zu tun habe. Auch das in den Medien gezeigte Modell des Investors entspreche nicht den Tatsachen, weil entlang der Bahnhofstraße die Ein- und Ausfahrten für die Zulieferung des Supermarktes und der Tiefgaragenstellplätze geplant seien, was auch zu erheblichen Verkehrsbeeinträchtigung der ohnehin schon sehr stark befahrenen Straße führen werde. Eine Teilnehmerin kritisierte hier das Kulturverständnis des Stadtrates. Es sei ihr ein Rätsel, wie man gegenüber der MEWO-Kunsthalle eine Lkw-Einfahrt planen kann. 

An der Ecke Maximilianstraße entsteht laut Schröck ein sehr hohes Eckhaus, welches einen riesigen Klotz darstelle. Er verglich das Haus mit dem „Schandfleck Maxx-Forum“ und möchte, dass man den selben Fehler nicht noch einmal macht. Schröck zweifelt auch an der Fassadenqualität des Investors und nannte als Beispiel einen Supermarkt von Ten Brinke in Kaufbeuren, der sehr billig gestaltet worden und dann an einen amerikanischen Investor verkauft worden sei. Eine Ortsbindung sehe anders aus, so Schröck. 

"Zerstörung Memminger Stadtgeschichte"

Das Union Kino in der Maximilianstraße mit 728 Sitzplätzen wurde 1939 von den Gebrüdern Zauner errichtet und sei der größte Verantstaltungssaal und gleichzeitig der Versammlungssaal der Nationalsozialisten in Memmingen gewesen. Der Abriss dieses Gebäudes sei auch eine Zerstörung Memminger Stadtgeschichte und die kulturelle Zwischennutzung, beispielsweise durch das Landestheater Schwaben und das Stadtmuseum, zeige, dass man hier auch kulturelles Leben erzeugen könne. 

Weitere Kritik gab es an der begrünten Dachfläche des geplanten Supermarktes. Diese sei nicht für die Öffentlichkeit, sondern nur für Hotelgäste zugänglich. Grundsätzlich kritisiere man, dass die Stadt ein solch wertvolles Gelände einem Investor überlässt. Hier wird laut Schröck wertvolles Tafelsilber einfach verscherbelt und das Heft des Handelns aus der Hand gegeben. Wenn der Investor das Gelände besitzt werde er es entsprechend renditeorientiert behandeln. Eine Alternative wäre es, das Gelände an verschiedene kleinere Investoren abzugeben, ergänzt Franziska Mamitzsch. 

Man wolle auch nicht den Investor Ten Brinke kritisieren, sondern nur die Tatsache, dass dieses große Gelände an einen ausländischen Investor verkauft wird, der keinen Bezug zur Stadt hat und deshalb das Potential dieses Areals nicht ausschöpfen könne. Schließlich habe man doch in Memmingen zwei Baugesellschaften, die gute Arbeit liefern und dieses Projekt auch stemmen könnten, wie man am Schrannenplatz sehe. Der soziokulturelle Verein sammelt immer noch Unterschriften für sein Bürgerbegehren im Konnex am Marktplatz 10 und an seinem Stand jeden Samstag auf dem Weinmarkt. (ew)

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