„Baut Barrieren ab, vor allem in den Köpfen“

Vortrag von Philipp Riederle zum Thema Arbeitnehmermarkt Y

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Philipp Riederle referiert über die Generation Y im Kaminwerk.

Memmingen – Die Wirtschaftsjunioren Memmingen-Unterallgäu hatten zum Vortrag des „digitalen Aufklärers“ Philipp Riederle geladen. Das Thema: Wie die Generation Y den Arbeitsmarkt revolutionieren wird. Fachkräftemangel und demographischer Wandel stellen Unternehmen vor große Herausforderungen und stellen die Frage, wie das Miteinander der Generationen im Arbeitsalltag funktionieren kann.

„Wir arbeiten in Strukturen von gestern, mit den Methoden von heute, an Problemen für morgen.“ Mit diesem Zitat von Wirtschaftswissenschaftler Knut Bleicher begann Riederle seine Ausführungen. 

Der „Digital Native“, der mit 13 seinen ersten Podcast gesendet, mit 15 ein Unternehmen für Medienproduktion gegründet und zwei Bücher über Generation Y geschrieben hat, sieht in der digitalen Revolution keine virtuelle Welt sondern einfach eine neue Technologie, die allerdings sehr schnell, komplex und weltumspannend ist. Die Generation Y sei eine Generation, die die Welt nicht anders als digital kenne. „Das Digitale war für uns immer selbstverständlich. Es prägt, wie wir denken und aufgewachsen sind, und wie wir Unternehmen gegenübertreten“, so Riederle. 

In Deutschland würde viel über digitale Infrastruktur geredet – dennoch befände sich die Bundesrepublik unter allen europäischen Ländern auf den letzten Plätzen. Der Wohlstand basiere nicht auf hohen Vorkommen von Bodenschätzen, sondern auf den klugen Köpfen des Landes. „Wie sollen die sich jedoch vernetzen?“, fragt Riederle. In 50 Jahren würden 60 Prozent der Berufsbilder, die wir heute kennen, nicht mehr existieren. Wenn schon eine so hoch kognitive Betätigung wie das Autofahren weitestgehend automatisiert werden kann, dann könne das mit vielen einfachere Tätigkeiten auch geschehen. Alle 18 Monate verdoppele sich die weltweite Rechnerkapazität – das stelle die Frage, ob die ökonomischen Theorien, nach denen wir heute denken und wirtschaften, in Zukunft überhaupt noch relevant sein werden. Beispielsweise habe man um 1900 einen Bauern gebraucht, um vier Menschen zu versorgen; heute versorgt ein Bauer 120 Menschen. „Wie viele Bauern brauchen wir noch, wenn wir selbstfahrende Erntemaschinen haben?“, fragt Riederle. Um am Markt anschlussfähig zu bleiben, müsse fast jedes Unternehmen, sei es im Moment noch so analog, zu einem Technologieunternehmen werden. Dieser Prozess fände laut Riederle in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit statt: Alle einfacheren Tätigkeiten würden wegfallen und die Mitarbeiter brauchen einen komplett neuen Führungsstil. „Nicht wir arbeiten für unseren Chef, sondern unser Chef arbeitet für uns, damit wir vernünftig arbeiten können“, sagt Riederle. 

Auch über die Rahmenbedingungen von Arbeit müsse man ganz neu nachdenken – seien es flexible Arbeitszeiten, Telearbeit oder Home Office. Es sei nicht mehr erklärbar, warum man für einen Bürojob von 6 bis 18 Uhr anwesend sein muss. Diese neuen Ansätze stellten Chefs aber vor neue Herausforderungen; vielen falle es schwer, ihr Personal über Distanz zu führen. Bei über einer Million offenen Stellen in Deutschland hätten die Menschen mittlerweile die Wahl, wo sie arbeiten möchten, aber die Unternehmen nicht mehr unbedingt die Wahl, wen sie einstellen. Die Unternehmenszugehörigkeit von unter 30-Jährigen habe sich in den vergangenen Jahren von 800 Tagen auf unter 300 Tage mehr als halbiert. Zudem würden Jugendliche heutzutage bei der Berufswahl vor allem nach Orientierung suchen – bei rund 18.000 verschiedenen Studiengängen in Deutschland keine einfache Sache. Es stelle sich auch die Frage, nach welchen Werten junge Menschen in Zukunft ihren Beruf auswählen. Geld, Status und Macht seien dabei zweitrangig. 

Das subjektive Sicherheitsempfinden der Generation Y sei durch Ereignisse wie den 11. September, die Wirtschaftskrise oder die Flüchtlingskrise auf Talfahrt. Geld biete keine Sicherheit mehr, weil eines klar sei: Die nächste Krise kommt bestimmt. Deshalb würden junge Menschen im Arbeitsalltag ganz andere Dinge suchen als noch ihre Eltern. Es gehe für sie mehr darum, im Beruf eine gute Zeit zu haben und möglichst viele Erfahrungen zu machen. Riederle riet den zahlreichen Unternehmern im Kaminwerk vor allem, offen zu sein, denn das Rad werde sich nicht zurückdrehen, sondern eher schneller werden. „Lasst euch auf Veränderungen ein und baut Barrieren ab, vor allem in dem Köpfen. Habt keine Angst“, so Riederle zum Abschluss. (ew)

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