"Verkehrssituation auf Vordermann bringen"

AGFK: Fahrradexkursion durch Mindelheim legt Mängel und Gefahrenstellen offen

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Die Bewertungskommission schwang sich aufs Rad und fuhr Gefahrenstellen in Mindelheim an, an denen reichlich diskutiert wurde. Danach machten sie ihr Fazit.

Mindelheim – Auf den Sattel schwingen und los ging es für die Prüfungskommission durch Mindelheim. Die Stadt will sich in vier Jahren eine fahrradfreundliche Kommune nennen dürfen. Um mit diesem Titel ausgezeichnet zu werden, muss sie die bei der Vorbereisung aufgeführten Mängel der AGFK (Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Bayern e.V.) innerhalb von vier Jahren erfüllen.

„Wir müssen die Verkehrssituation auf Vordermann bringen“, brachte es der Dritte Bürgermeister Roland Ahne bei der Vorbesprechung mit der Prüfungskommission auf den Punkt – indem man „die Berufspendler aufs Fahrrad bringt“, fügte Klimaschutzmanagerin Simone Kühn hinzu.

Martin Singer vom Bayerischen Staatsministerium Wohnen, Bau und Verkehr würde sich einen Fahrradanteil von 20 Prozent wünschen, momentan seien es nur elf Prozent in Mindelheim. Das sei aber auch das wichtigste Aufnahmekriterium: Die Stadt muss sich zum Ziel setzen, den Ausgangswert des Radverkehrs um drei bis fünf Prozentpunkte innerhalb der nächsten Jahre zu steigern. Bei der Hauptbereisung muss dann der Grundsatzbeschluss schon getroffen worden sein.

Gefahrenstellen

Eine Schwachstelle ist die alte Memminger Straße. Dort müssen Radfahrer 200 Meter mit dem Autoverkehr mitfahren, kritisierte Polizeihauptkommissar der Polizeiinspektion Mindelheim Josef Eberhard die „ungünstige Situation“. Radfahrer weichen auf die Fußwege aus, doch „ein Fahrrad hat auf dem Fußweg nichts zu suchen“, meinte Robert Burschik, Leiter des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e.V.) München, Arbeitsgruppe Landkreis Nord. Diese Gefahrenstelle war auch die erste Station der Bereisung. Stadtrat Peter Miller würde es begrüßen, wenn man den Fußweg an der Mindel radfähig machen würde. Eine klare Struktur bei der Überquerung von der Luxenhoferstraße über die Memminger Straße wäre ebenfalls vorteilhaft. Weiter ging es zur Georgenstraße, die zu einer Fahrradstraße umgewandelt werden soll.

Einen Unfallschwerpunkt mit Beteiligung von Radfahrern kann Eberhard aber nicht feststellen. „Wenn einmal in fünf Jahren ein Unfall mit dem Rad passiert, ist es noch kein Unfallschwerpunkt.“ Singer empfiehlt trotzdem, alle zwei Jahre eine Vekehrsschau der Polizei mit dem Fahrrad durchzuführen, um den Blickwinkel des Fahrradfahrers einzunehmen.

Eine kuriose Markierung sieht man in der Mühlstraße. Dort hat man die rote Markierung auf dem Gehweg anstatt auf dem Fahrradweg gemalt.

Burschik und Eberhard wünschen sich eine harmonische Markierung, da die unterschiedliche Verkehrsführung den Radfahrer verunsichern könnte. Kurios war diesbezüglich die Markierung auf der Mühlstraße Richtung Bad Wörishofer Straße. Dort hat man die rote Farbe für den Radweg auf den Gehweg gemalt.

Beim Schneeräumen wird der Schnee entweder in Einmündungen oder auf Radwegen geworfen. Zwangsläufig müssen die Radfahrer auf die Straße ausweichen, was „gefährlicher ist, als den Radweg nicht zu räumen“, sagte Stadtbaumeister Gerhard Frey.

Bei Baustellen soll für Radfahrer eine Umleitung ausgeschildert werden, was aber manche Baufirmen einfach vergessen. „Ich will von A nach B kommen und nicht vorher eine Routenplanung machen. Die Wegführung muss selbsterklärend sein“, sagte Burschik. Eine Wegführung zum ortsansässigen Fahrradhändler mit einem Reparatursymbol auf Schildern würde ebenso die Handynutzung ersparen.

Um mehr Werbung fürs Fahrradfahren zu machen, wäre ein Stadtradeln optimal, sagte Burschik. Das würde die Leute dazu verleiten, sich selbst aufs Rad zu setzen. Mitarbeiter der Stadt sowie die Polizei gehen mit gutem Beispiel voran und nutzen bereits Dienstfahrräder.

Viele Änderungswünsche

Das Fazit präsentierte Sarah Guttenberger, Geschäftsführerin der AGFK Bayern: Mindelheim hat sich schon frühzeitig intensiv mit der Radverkehrsförderung beschäftigt. Bei der Befahrung sei der Bewertungskommission aufgefallen, dass beim Bau von Wohngebieten die Anbindung zur Innenstadt mit berücksichtigt wurde. Zudem rechnen sie den Winterdienstplan der Stadt Mindelheim hoch an. Überzeugt hat sie auch das touristische Angebot der Radwege. Des Weiteren begrüßen sie die finanzielle Förderung der Lastenräder und die geplante Fahrradstraße.

Doch es gibt auch viele Verbesserungsvorschläge seitens der Kommission. Ein Radverkehrsbeauftragter, der mit in der Verwaltung angesiedelt ist, soll sich 20 Stunden die Woche um die Radverkehrsförderung kümmern und der offizielle Ansprechpartner für derartige Belange werden. Er verteilt und koordiniert Aufgaben und organisiert Sitzungen zur Fahrradförderung.

Während der Fahrradexkursion

 © Julia Böcken
 © Julia Böcken
 © Julia Böcken
 © Julia Böcken
 © Julia Böcken

Ein weiterer Mangel ist die unzureichende Beschilderung für Fahrradfahrer, die verdichtet werden soll. Aufgrund der Vielzahl an unterschiedlichen Markierungen soll sich die Stadt auf eine stringente, gängige Führungsform einigen und die verkehrsrechtlichen Beschilderungen dahingehend überprüfen. Mehr Piktogramme sollen in Ein- und Ausfahrten der Supermärkte im Industriegebiet aufgemalt werden. Für den Alltagsradverkehr wird ein besserer Internetauftritt und ein leichterer Zugang zur Internetseite gewünscht. „Das ist unser Sorgenkind“, gab Renate Manlig von der Tourist-Information zu. Eine eigene Homepage würde mehr Spielraum bieten.

Ahne will die Vorgaben erfüllen, doch dafür muss zuerst der Stadtrat mitspielen. Manche Wünsche können kurzfristig umgesetzt werden, andere erst mittelfristig – es kommt auf das Budget an. Burschik schlug vor, Änderungen zusammen mit anderen Maßnahmen zu koppeln.

Am 22. November wird Mindelheim als eine von zwölf Städten offiziell in die AGFK bei einer Veranstaltung in München aufgenommen. 15 Städte werden heuer nach vier Jahren Umsetzung mit dem Titel „fahrradfreundliche Kommune“ ausgezeichnet. 

Julia Böcken

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