»Machen ist wie wollen, nur krasser«

Auftaktveranstaltung im Forum:  Berufsschule Mindelheim will Klimaschule werden

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Das Forum war mit rund 650 Gästen gut gefüllt, darunter fanden sich viele Schüler, die das Projekt der Berufsschule Mindelheim, Klimaschule zu werden, unterstützen.

Mindelheim – Der Saal war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Mit 650 Gästen, davon überwiegend Schüler, sei man an die „Grenze des Forums gegangen“, sagte Schulleiter der Staatlichen Berufsschule Mindelheim ­Georg Renner bei der Auftaktveranstaltung zur Klimaschule im Forum. Die Berufsschule Mindelheim strebt als erste Berufsschule in Süddeutschland die Zertifizierung zur Klimaschule an. Damit sie es wird, muss sie, aufbauend auf einer CO2-Bilanz, einen Klimaschutzplan erstellen und die darin festgelegten Maßnahmen umsetzen.

Um langfristig klimaneutral zu werden, müssen alle Bereiche des Schullebens mit einbezogen werden, von der Mobilität (Schulweg), über die Ernährung (Mensaessen) bis hin zum Energieverbrauch im Schulalltag (Lampen, Geräte, etc.). Die Berufsschule Mindelheim engagiert sich seit vielen Jahren für den Klimaschutz. So wurde ihr Energieeffizienzkurs mehrfach ausgezeichnet, der auch bei den Schülern gut ankommt. Das dort erlernte Wissen wenden die Schüler in ihren Ausbildungsbetrieben und privat an. Unterstützt wird die Berufsschule vom Energie- und Umweltzentrum Allgäu (eza!) sowie von der Fachstelle für Klimaschutz am Landrats­amt. Das Konzept der Klimaschule stammt vom Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung.

Man muss unbequem sein

Vertreten war nicht nur die Berufsschule Mindelheim, sondern auch die zwei Außenstellen in Bad Wörishofen und Memmingen. Außerdem waren viele Schulleiter anderer Schulen anwesend und Renner hofft, dass der Funke der Klimaschule auch auf sie überspringt. Die Schulen nämlich sollen Verantwortung für die weltweite Entwicklung des Klimas tragen und dagegen etwas unternehmen, wie etwa auf recyclebares Papier oder Bioessen in der Mensa umstellen. „Wir wollen hier nicht stehen bleiben, sondern weitergehen“, sagte Renner. Daher installierten Berufsschüler letztes Jahr in Uganda Solarplatten (der Wochen KURIER berichtete) und klärten in ihren Ferien Schüler in England über Energieeffi­zienz auf. Zusammen mit der Firma Grob entwickelten sie zuletzt ein Go-Kart.

Andreas Brugger erzählte von seinen Erfahrungen, die er im Energiekurs machen durfte: Sein Wissen konnte er direkt in seinem Ausbildungsbetrieb anwenden und fand heraus, wo Energie verloren geht und wie man sie einsparen kann. Auch im eigenen Haus, im Bauwagen oder im Dorf gebe es Dinge, die man ändern könnte. Ein „komplettes Umdenken“ müsste erreicht werden, so Brugger. Das alles ist besonders einem zu verdanken: Karl Geller. Als sein Name fiel, gab es von den Schülern einen mächtigen Applaus. Er ist der Koordinator dieses Prozesses zur Klimaschule. Und laut Renner sei er vor allem eines: „Man muss unbequem sein, um vorwärts zu kommen“, lobte der Schulleiter Gellers Beharrlichkeit. Denn „machen ist wie wollen, nur krasser“. Auch Landrat Hans-Joachim Weirather schätzt Gellers „unermüdlichen Motor“. Seit 30 Jahren ist Geller schon Umweltbeauftragter an der Berufsschule.

Förderung vom Landkreis

Den Zuspruch, den er für seine Projekte inzwischen erfährt, sehe man auch beim „wilden Anblick“ der zahlreich erschienenen Schüler, so Moderator Sebastian Hartmann (eza!). Weirather, der den Klimaschutz in vielerlei Hinsicht vorangetrieben hat, relativierte die Aussage und sprach eher von einem „schönen Anblick“, der sich ihm bot, weil so viele Schüler aus freien Stücken und aus „voller Überzeugung“ hierher gekommen sind. Denn die Klimaschule wurde nicht von der Regierung vorgeschlagen, sondern von der Schule und den Schülern selbst. Weirather findet es ein „tolles Projekt“, das auch der Landkreis Unterallgäu als Sachaufwandsträger finanziell gerne unterstütze.

Seit 2012 verfolgt der Landkreis ein Klimaschutzkonzept und hat dafür eine Fachstelle für Klimaschutz eingeführt. Vor zehn Jahren begann er damit, die Schulen energetisch zu sanieren. Um zehn bis 15 Prozent konnte man schon den Energieverbrauch senken, verkündete Weirather. 60 bis 70 Prozent dessen, was die Unterallgäuer an Strom verbrauchen, werde schon regenerativ im Landkreis selbst erzeugt und „die letzten 30 Prozent schaffen wir auch noch“, so Weirather. Durch Informationskampagnen sollen Menschen dazu motiviert werden, Photovoltaik auf ihren Dächern zu installieren. Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und wie Weirather Schirmherr des Projektes, meldete sich per Videobotschaft aus Berlin. Wegen einer Sitzungswoche konnte er nicht persönlich nach Mindelheim kommen. „Klimaschutz ist die Herausforderung unserer Zeit“, sagte er. Diese Herausforderung nahm sich auch das Hildegardis-Gymnasium in Kempten an, das bereits Klimaschule geworden ist.

„Wir müssen jetzt handeln“, forderte Dr. Hans-Jörg Barth von „eza!“ die Schüler auf. Klimaschutz müsse in allen Bereichen integriert und im Schulleben sichtbar gemacht werden. Man müsse einen Klimaschutzplan erstellen sowie eine Kommunikations- und Marketing­strategie entwickeln. Die größte Aufgabe werde aber sein, den CO2-Ausstoß zu mindern – und das vor 2030, damit man die Pariser Klimaziele erfülle und von den „drei Erden, die wir momentan verbrauchen“, wieder auf eine Erde runterkommen. Das Projekt könne nur gelingen, wenn die gesamte Schulgemeinschaft an einem Strang zieht, sagte Klimaschutzmanagerin Sandra ten Bulte in Bezug auf den pädagogischen Nutzen.

4,2 Tonnen Klopapier

Philipp Niegl (einer der Klimaschule-Koordinatoren) zeigte den Papierverbrauch der Berufsschule Mindelheim vom letzten Jahr auf: 825.000 Blätter Klopapier (4,2 Tonnen), 1.296 Rollen Hygienepapier und 42.000 Einmalhandtücher. Das entspricht einem CO2-Ausstoß von 2,5 Tonnen. Alle Blätter hintereinander gelegt würde die Strecke Stuttgart-München ergeben, 233 Kilometer lang. Ziel sei es, den Verbrauch auf die Strecke Stuttgart-Augsburg zu reduzieren.

Jutta Horstmann von der Berufsschule Bad Wörishofen berichtete über die Lebensmittelverschwendung. Jeder Deutsche werfe 85,2 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr in den Müll. Für die gesamte Berufsschule Mindelheim sind das circa 187.440 Kilogramm Lebensmittel im Jahr, die in insgesamt 1.562 Mülltonnen landen. Weltweit leiden 800 Millionen Menschen an Hunger, zwei Milliarden Menschen an Unterernährung und trotzdem werden 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Mit der Verschwendung geht aber auch sehr viel Geld flöten. 374.880 Euro wären bei der Berufsschule direkt für die Tonne.

Alexander Buchholz lernt Koch in der Berufsschule Bad Wörishofen. Bei ihm gehe die Lebensmittelverschwendung schon bei der Bestellung der Lebensmittel los. Woher bestellt man sie? Wo und wie lagert man sie? Das sind Fragen, mit denen sich der angehende Koch auseinandersetzen muss. Man versuche aber dennoch, Reste wiederzuverwerten und nichts überzubestellen, um Müll so gut wie es geht zu vermeiden. 

Julia Böcken

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