Was der eine nicht hat, hat der andere

Austausch: Mindelheimer Berufsschüler bilden sich in Russland weiter

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Bei dem Austauschprojekt – gefördert von der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch, dem Bayerischen Jugendring und dem Klaus-Mangold-Stipendium – greifen sich deutsche und russische Schüler gegenseitig unter die Arme – hier bei der Motormontage (rechts: Gabriel Baiz).

Mindelheim – Kinder tanzen, an einem Präsentationsstand neben ihnen können die Gäste Maschinengewehre zerlegen. Dass Schulfeste in Russland etwas anders sind als die, die man hierzulande kennt, diese Erfahrung hat zuletzt eine Gruppe der Mindelheimer Berufsschule gemacht, als sie zwei Wochen lang zum Schüleraustausch in Jaroslawl zu Gast war. Bei diesem Schulfest hätte mehrfach auch die deutsche Rockband „Rammstein“ die Lautsprecher zum Dröhnen gebracht, beim Autoscooter saßen die Kids in kleinen Panzern. Unabhängig von diesen außergewöhnlichen Beobachtungen aus dem Alltag ging es für die Mindelheimer Schüler aber insbesondere darum, einen Einblick in die Arbeit vor Ort zu bekommen.

Und um mit Vorurteilen aufzuräumen, etwa wenn in Deutschland der Satz „Die Russen kommen!“ falle, stellte Studienrektor Karl Geller klar: „Die Leute vor Ort waren pfenningguad.“ Schließlich sei die ganze Aktion „ein sehr persönliches Projekt“ gewesen und nicht vergleichbar mit Schulaufenthalten in England oder Frankreich. So waren beispielsweise auch die Begleiter aus der Lehrerschaft – neben Geller auch stellvertretender Schulleiter Sven Meyer-Huppmann und Lehrer Philipp Niegl – von ihren russischen Amtskollegen privat eingeladen – und wurden herzlich empfangen. Ein weiteres Beispiel, das die Hilfsbereitschaft der Gastgeber dokumentiert, war die Daumenverletzung eines Mindelheimer Schülers. Trotz eines vollen Wartezimmers im Krankenhaus arrangierten die russischen Lehrer, dass der Schüler sofort behandelt wurde. Die Verletzung hatte er sich übrigens nicht etwa bei der Arbeit zugezogen, sondern beim Basketball. Und wer war dort besser, die Deutschen oder die Russen? „Die Russen“, lachen Kevin Gorbach (18 Jahre alt), Tobias Neumann (24) und Max Götzfried (18).

Die drei Jungs waren Teil der deutschen Gruppe, die zum einen Teil aus Landmaschinen-, zum anderen Teil aus Nutzfahrzeugmechatronikern bestand. Für sie sei der Austausch eine gute Erfahrung gewesen, denn „dadurch hat man die Russen wirklich kennengelernt“. Und auch ihr handwerkliches Repertoire konnte die Schülergruppe erweitern: In den Bereichen Karosserie und Schweißen seien russische Auszubildende beispielsweise anders gefordert als deutsche. „Bei uns wird inzwischen viel ersetzt und weniger repariert“, schätzt Lehrer Niegel. Der Vorteil des Austausches sei deshalb, dass „sie uns geben, was wir nicht kennen“. Und im Gegenzug – beim Besuch der Russen im kommenden Jahr im Unterallgäu – würden diese beispielsweise in Berührung mit Praktika kommen, was es in dieser Form in Russland nicht gebe.

Begleitet wurden die Schüler stets von jungen Übersetzern – Studenten, die auf diese Weise „eine sinnvolle Arbeit“ leisten würden anstatt Bücher zu wälzen, meint Geller. Sie waren auch beim Abendprogramm bei den jungen Mindelheimern mit dabei und schließen sich womöglich auch wieder an, wenn die Gruppe aus Jaroslawl ihren Gegenbesuch startet.

Klimaschutz im Blick

Untergebracht waren die Mindelheimer Schüler in einem Wohnheim. Dort und auch in der Schulturnhalle vor Ort sei sichtbar geworden, dass Geld in Russland anders investiert werde. Dort werde beispielsweise mehr Wert auf ansehnliche Parks und mit viel Gold verzierte Kirchen gelegt – während Gebäudesanierungen, beispielsweise in Schulen, auf der Strecke bleiben würden. Betrachte man unter anderem Pfützen im „heruntergekommenen“ Schulgebäude, sei etwa an eine energetische Sanierung oder dergleichen längst nicht zu denken. In diesem Punkt ist die Mindelheimer Schule zweifellos weiter: Weil ein Großteil der Gruppe auch in Gellers Energiekurs ist, war es den Schülern sogar wichtig, CO2-Kompensation für den dreistündigen Flug nach Moskau zu leisten. 

Marco Tobisch

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