Frequenzbringer oder Wirtschaftsgefährder?

Autofreie Innenstadt: Mindelheim tastet sich ans „Pilotprojekt“ heran

Maximilianstraße mindelheim
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Weniger Autos, dafür mehr Freiflächen für Restaurants und Cafés am Samstagnachmittag und Sonntag: Das könnte im Sommer testweise mit einem temporären Einbahnstraßen-Konzept erreicht werden, das die Mindelheimer Stadtverwaltung nun erarbeitet.
  • Marco Tobisch
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Mindelheim – Bei dem „Pilotprojekt“, die Mindelheimer Innenstadt an Wochenenden auto­frei zu gestalten und damit mehr Aufenthaltsqualität für Spaziergänger, Kaffeetrinker und Flaneure zu schaffen, muss die Stadt unterschiedliche Interessen unter einen Hut bringen. Deshalb konnte die Stadtverwaltung ihren Auftrag, ein fertiges Konzept für eine „testweise autofreie Innenstadt an Wochenenden“ vorzulegen, bis dato noch nicht erfüllen. Letzte Woche wurde das Projekt im Stadtrat abermals diskutiert mit dem Ergebnis, dass es im Sommer wohl zu einer teilweisen Einbahnstraßenregelung in der Maximilianstraße kommen dürfte. Zu welcher Uhrzeit die Regelung an Samstagen beginnen soll, ist aber ebenso noch vakant wie der Projektzeitraum.

Die CSU hatte in ihrem Antrag im letzten Jahr vorgeschlagen, die „autofreie Innenstadt“ von Mai bis Ende September und immer von Samstag, 14 Uhr bis Sonntagabend, 24 Uhr, zu testen. So wolle man das Mindelheimer Zentrum „noch mehr zu einem Ort des Verweilens und Verbleibens entwickeln“, heißt es im Antrag, über den der Stadtrat im Oktober letzten Jahres bereits diskutierte. Und auch letzte Woche erinnerte Fraktionsvorsitzender Christoph Walter in seinem Eingangsplädoyer, es gehe seiner Fraktion nicht um die Behinderung von Einzelhändlern – wobei die autofreie Zeit ohnehin erst dann beginnt, wenn die meisten Geschäftsleute in der Stadt bereits im Feierabend sind. Walter bekräftigte zudem, dass es sich zunächst nur um einen „Pilotversuch“ handele.

Wie schwer die autofreie Innenstadt und großzügige Frei­flächen für Cafés und Restaurants umzusetzen sind, schilderten Bürgermeister Dr. Stephan Winter und Ordnungsamtsleiter Ralf Müller, die offenbar schon reichlich Hirnschmalz und Zeit in die theoretische Umsetzung gesteckt hatten – mit dem ernüchternden Ergebnis: „Ein abschließendes Konzept vorlegen können wir nicht“, so Müller.

Einzelhandel besorgt

Denn zahlreiche Belange und Interessen spielen in die mögliche Veränderung mit hinein. Für die Einzelhändler etwa hatte der MN-Werbekreis Stellung bezogen und „dringend angeregt“, eine zeitweise Sperrung der Innenstadt zu verschieben. Werbekreisvorsitzende Anja Glück begründet ihre Bitte damit, dass eine für den Autoverkehr gesperrte Maximilianstraße angesichts der Pandemie „ein zu großes Wagnis“ und eine zusätzliche Hürde für die Geschäfte sei. Diese seien durch die jüngsten Schließungen darauf angewiesen, Umsatzverluste aufzuholen. Glücks Sorge sei ernst zu nehmen, erklärte CSU-Fraktionsvorsitzender Walter, der aber dennoch betonte, es sei auch wichtig, etwas zu verändern.

Derweil zeigten sich die Gastronomen rund ums Obere Tor aufgeschlossen gegenüber einer autofreien Innenstadt: Sie würden sogar eine Fußgängerzone begrüßen und Freiflächen für die Bewirtung schaffen.

Wichtiger Faktor bei der Erstellung des Konzepts, so erklärten Bürgermeister Winter und Ordnungsamtsleiter Müller, seien auch die 800 Innenstadt-Bewohner, die auch an Wochenenden ihre Häuser in der Innenstadt erreichen müssten. Viele von ihnen hätten das Rathaus bereits bezüglich einer Innenstadt-Sperrung besorgt kontaktiert, erklärte Winter. Und auch Apotheken im Zentrum, daran erinnerte auch Stadtrat Roland Peter (Freie Wähler), müssten am Wochenende mit dem Auto erreichbar bleiben.

Temporäre Einbahnstraße

Wie das in der Umsetzung aussehen könnte, daran wurde im Rathaus bereits getüftelt. Weil ein temporäres „Innenstadt gesperrt – Anwohner frei“-Schild aus rechtlichen Gründen nicht zugelassen ist, wie Winter sagte, sei der Vorschlag der Verwaltung nun eine Einbahnstraßenregelung. Das Untere Tor wäre an den Testwochenenden dann ab samstags – wohl entweder ab 14 oder 16 Uhr – für die Zufahrt in die Maximilianstraße gesperrt. Die Einfahrt würde durchs Obere Tor erfolgen, wobei der östliche Teil der Maximilianstraße bis zur Steinstraße als Einbahnverkehr geregelt wäre. Ein „Anlieger frei“-Schild würde den Verkehr in der Stadt wohl nicht reduzieren, denn wie Müller sagte, sei bereits eine Kugel Eis ein Anliegen, das zur Durchfahrt berechtige.

So könnte die Gastronomie auf der Südseite der Maximilianstraße an Wochenenden größer werden, die Bewohner könnten weiterhin bis vor ihre Haustür fahren (wenn auch teils mit Umweg übers Obere Tor) und auch Kirchenbesucher könnten sonntags weiter mit dem Auto in die Stadt einfahren.

Die Stadt wäre damit an Wochenenden zwar „nicht autofrei aber autoreduziert“, lobte Walter – während die beiden Grünen-Stadträte Josef Doll und Thomas Burtscher kritisierten, die Einbahnstraßenregelung werde der Idee des Antrags nicht gerecht. Burtscher forderte zudem, Erfahrungswerte von Festwochenenden, an denen die Stadt gesperrt ist, bei der Umsetzung der Konzeption miteinzubeziehen. Bürgermeister Winter erklärte daraufhin, Festwochenenden hätten grundsätzlich „eine andere Qualität für den Handel“, sodass diese kaum vergleichbar mit den autofreien Testwochenenden seien.

Zeitraum verkürzen?

Zweiter Bürgermeister Hans Georg Wawra (Freie Wähler) plädierte dafür, den von der CSU vorgeschlagenen Testzeitraum (Mai bis Ende September) auf nur ein bis zwei Monate zu verkürzen, um das vermeintliche unternehmerische Risiko für die Einzelhändler zu minimieren. „Den Zeitraum kann man noch definieren“, entgegnete Bürgermeister Winter.

Erleichtert, dass die Mindelheimer Innenstadt an den Sommerwochenenden nicht voll gesperrt wird, zeigte sich auch Manfred Salger (CSU), der bekanntermaßen selbst eine Bäckerei im Zentrum betreibt und dem zahlreiche Sorgen von Bewohnern und Einzelhändlern zugetragen wurden. Der „Kompromiss“ mit der Einbahnstraßenregelung sei aus seiner Sicht „sehr, sehr gut“, so Salger, der ebenfalls dafür stimmte, dass das Konzept mit der „temporären Einbahnstraße“ bis spätestens April von der Stadtverwaltung ausgearbeitet werden soll. Nur Doll, Burtscher und Dr. Manfred Schuster (MBG) stimmten dagegen.

Marco Tobisch

LESERUMFRAGE: Was halten Sie davon, dass die Maximilianstraße testweise im östlichen Bereich zur Einbahnstraße werden soll?

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