„Eine Frage von Millimetern“

Bad Wörishofen: Lebensbedrohliche Verletzungen - Prozess um Messerangriff wird verlängert

Statue der Justitia
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Das Urteil im Prozess um einen Messerangriff in Bad Wörishofen wird es wohl erst im April geben.

Bad Wörishofen/Memmingen – Drei Frauen schwer verletzt, zwei davon lebensgefährlich: Ein 48-Jähriger soll in Bad Wörishofen seine Partnerin, deren Mutter und eine Nachbarin mit einem Küchenmesser angegriffen haben. Nun steht der Mann deswegen vor Gericht; die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Totschlag und versuchten Mord vor. Er selbst äußert sich bisher nicht zu den Vorwürfen.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ist in dieser Nacht im Mai 2020 folgendes passiert: Nach einer verbalen Auseinandersetzung mit seiner 35-jährigen Partnerin habe der Angeklagte diese mit einem Küchenmesser angegriffen. Die acht Jahre alte Tochter der Frau wurde laut Anklage von dem Lärm aufgeweckt und rannte aus der Wohnung zu einer Nachbarin, um Hilfe zu holen.

Der Angeklagte soll dann der 63-jährigen Mutter seiner Lebensgefährtin, die zwischenzeitlich bei ihnen wohnte, mehrfach mit dem Messer in den Oberkörper gestochen haben. Als sie zu Boden ging, habe er nicht von ihr abgelassen, sondern auf sie eingetreten. Danach soll der Angeklagte seine am Boden liegende Partnerin gepackt und ihr mit dem Messer zweimal in den Oberkörper gestochen haben. Als die Nachbarin mit dem jungen Mädchen in die Wohnung kam und sah, was vor sich ging, soll der 48-Jährige auch sie attackiert und auf sie eingestochen haben.

Die Nachbarin habe jedoch zusammen mit dem Mädchen in die Wohnung eines weiteren Bewohners des Mehrparteienhauses fliehen können. Der 48-Jährige sei ihnen gefolgt. Als er die Wohnung betrat, habe ihm deren Bewohner zweimal mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Gemeinsam mit einem weiteren Zeugen habe er den Angeklagten dann aus der Wohnung gedrängt und die Tür versperrt.

„Erschreckend gefasst“

In dieser Nacht gingen bei der Leitstelle mehrere Notrufe ein. Die ergiebigsten Angaben habe dabei die achtjährige Tochter des Opfers gemacht. Auf den Polizeibeamten, der die Mitschnitte ausgewertet hat, wirkte das Mädchen „erschreckend gefasst“, als es die Situation erklärte. Auch der Angeklagte hat dreimal den Rettungsdienst gerufen und einen Krankenwagen für seine Frau gefordert. Laut den Polizeibeamten, die in Bad Wörishofen vor Ort waren, habe er sich widerstandslos festnehmen lassen. Jedoch habe er mehrmals gerufen, dass man seiner Frau helfen solle.

Verschiedene Zeugen hatten berichtet, dass der Angeklagte ein Alkoholproblem habe. Auch in der Tatnacht hatte er getrunken. Laut der Rechtsmedizinerin, die die Blutproben des 48-Jährigen untersucht hat, lag dessen Blutalkoholwert zum Tatzeitpunkt zwischen 0,97 und 1,68 Promille.

Fotos vom Tatort und die Aufnahmen einer Bodycam, die beim Polizeieinsatz in dieser Nacht mitlief, verschafften den Prozessbeteiligten einen Überblick über das Geschehen im Haus. Dabei stach vor allem die schiere Menge an Blut ins Auge, die den Flur der Wohnung bedeckte und eine Spur durch das Treppenhaus zog. Auf dem Küchentisch haben die Ermittler das mutmaßliche Tatmesser gefunden; im Wohnzimmer lagen ein blutiger Ohrring und ein Zahn des 63-jährigen Opfers.

Auf einem Garagendach hat die Polizei ein zweites Messer sichergestellt. Laut Zeugenaussagen sei der Angreifer damit der Nachbarin und dem Mädchen zu der anderen Wohnung gefolgt, in die sie sich gerettet hatten.

Lebensbedrohliche Verletzungen

In den letzten drei Prozesstagen kam eine ganze Reihe an Gutachtern und Sachverständigen zu Wort, darunter auch die behandelnden Ärzte der drei Opfer, die von den schweren Verletzungen der Frauen berichteten. Die 35-jährige Partnerin des Angeklagten trug insgesamt fünf Stichwunden davon, zwei am Oberarm, zwei am Brustkorb und eine am Gesäß. Akut lebensgefährlich waren diese Verletzungen laut Einschätzung eines rechtsmedizinischen Gutachters nicht.

Ganz anders sah es bei der Mutter der Frau aus. Die 63-Jährige hatte laut Aussage ihres Arztes neben mehreren Stichwunden eine komplexe Mittelgesichtsfraktur erlitten sowie eine beidseitige Jochbeinfraktur und eine Trümmerfraktur des Unterkiefers. Außerdem wurden ihr zwei Zähne ausgeschlagen, zwei andere mussten im Klinikum entfernt werden. Die Rentnerin trägt bleibende Narben davon; zudem stehen noch weitere Operationen an. Der zuständige rechtsmedizinische Gutachter sprach von sieben Stichverletzungen und vier bis sechs stumpfen Gewalteinwirkungen – also Schlägen oder Tritten. Dass ihre schweren Gesichtsverletzungen durch einen Fußtritt verursacht wurden, hält der Gutachter für durchaus wahrscheinlich. Die Messerstiche in den Oberkörper der Frau seien „unmittelbar lebensbedrohlich“ gewesen.

Die 39-jährige Nachbarin hatte durch ihre Verletzungen große Mengen an Blut verloren – laut ihrem Arzt waren Infusionen und zwei Blutkonserven nötig, um sie zu stabilisieren. Ohne ärztliche Hilfe hätte auch sie wohl nicht überlebt. Eine Schnittverletzung befand sich sogar in der Nähe der Hauptschlagader; es sei „eine Frage von Millimetern“ gewesen, wie der behandelnde Arzt erklärte. Dass die Klinge die Aorta verfehlt hat, sei reines Glück gewesen, so der rechtsmedizinische Gutachter. Sonst hätte man der Frau nicht mehr helfen können.

Weitere Prozesstage angesetzt

Der Angeklagte schweigt weiterhin und so stützt sich die 1. Strafkammer des Landgerichts auf Zeugenaussagen, Gutachten und Indizien. Damit ist die Beweisaufnahme sehr umfangreich und es sind mehr als die zunächst geplanten fünf Prozesstage nötig. So wird es ein Urteil voraussichtlich erst Mitte April geben. am

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