Angelika Lorenz trifft den Nerv der Zeit

Bad Wörishofen: Pflege aus Sicht der Angehörigen im Roman „Endstation Himmel“

Angelika Lorenz präsentiert ihr aktuelles Buch „Endstation Himmel“.
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Angelika Lorenz präsentiert ihr aktuelles Buch „Endstation Himmel“.
  • Melanie Springer-Restle
    VonMelanie Springer-Restle
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Bad Wörishofen – Kaum ein aktuelleres Thema hätte sich Angelika Lorenz für ihren Debüt-Roman aussuchen können. Die Pflege älterer Menschen ist nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine zwischenmenschliche Herausforderung. Ihr Roman gibt wertvolle Einblicke hinter die Kulissen der Pflege und in die Befindlichkeiten aller Betroffenen.

Mit einem gebrochenen Bein fing alles an. Denn während Angelika Lorenz ihrem Beruf als Pädagogin im Krankenstand nicht nachgehen konnte, fand sie endlich die Zeit, um das Buch zu schreiben, das ihr schon lange im Kopf herumschwirrte: Ein Buch über die Hoch und Tiefs bei der Pflege älterer Menschen. Die Idee dazu kam einerseits aus eigenen Erfahrungen, die Lorenz in sieben Jahren als Aushilfskraft auf einer Pflegestation sammelte und andererseits aus all den Notizen, die ihre Mutter über die Pflege ihrer Eltern, also Lorenz´ Großeltern, anfertigte. Die 49-Jährige erinnert sich, wie liebevoll man sich seinerzeit um ihre Großeltern gekümmert hatte. Sie erinnert sich aber auch an die Zeit, als es zuhause nicht mehr ging und der Weg ins Pflegeheim unausweichlich wurde. Wie bei vielen alten Menschen fing die Pflegebedürftigkeit mit einem Oberschenkelhalsbruch an.

Von der Zettelwirtschaft zum Buch

Anfangs saß die gebürtige Münchnerin vor einem riesigen Stapel Notizzettel und vollgeschriebener College-Blöcke. Lorenz´ Mutter dokumentierte alles über ihre pflegebedürftigen Eltern. Allein aus den Aufzeichnungen wurde deutlich: Wer ältere Menschen pflegt, kann viel erzählen. Aus all dem Wust an Informationen ein Buch zu machen, war nicht einfach. Doch dann fand Lorenz in Zusammenarbeit mit dem Lektorat des Verlages einen guten Weg. Der Roman ist aus Sicht der pflegenden Tochter geschrieben; Eva heißt die Protagonistin in dem Buch. Eva lässt die Leser hinter die Mauern der Wohnungen und Pflegeheime blicken, in denen Menschen auf ihre letzte Reise gehen. Lorenz war wichtig, ein authentisches Bild dessen zu geben, was Pflege bedeuten kann. So erhält der Leser unverblümte Einblicke in die emotionalen Berg- und Talfahrten aller Betroffenen. Er wird mitgenommen zu freudigen, heiteren und schmerzvollen Ereignissen, fühlt die innere Zerrissenheit und die Schuldgefühle, unter denen Pflegende oft leiden. Und er wird Teil des Abschieds- und Ablösungsprozesses, wenn klar ist, dass die „Endstation Himmel“ näher rückt.

Durch eingearbeitete Briefe, die Protagonistin Eva in dem Roman zwischendurch von ihrer Tochter bekommt, offenbart sich für die Leser eine weitere Dimension, denn Kinder haben ihren ganz eigenen Blick auf das, was um sie herum passiert. In diesem Zusammenhang erinnert sich Lorenz an die Beerdigung ihres Großvaters und daran, wie ihr damals sechsjähriger Sohn die Bestatter rügte, als sie den Sarg beim Einlassen in das offene Grab etwas schief hielten. Das Kind rief über die Beerdigungsgesellschaft hinweg: „Achtung! Der Opa haut sich doch den Kopf an!“

Unverblümte Blicke hinter die Kulissen

So unverblümt, wie Kinder ihre Gefühle und Gedanken zum Ausdruck bringen, möchte ­Lorenz auch die Leser teilhaben lassen an dem, worüber in unserer Gesellschaft oft geschwiegen wird. Die Autorin möchte, dass sich Betroffene mit den Personen im Buch identifizieren können und sich weniger allein gelassen fühlen. Sie findet, dass Themen wie Tod und Vergänglichkeit in unserer Gesellschaft eher gemieden werden. Deshalb wird am Ende ihres Buches auch ein besonderes Licht auf den Sterbeprozess per se geworfen. Auch das Thema Demenz spielt eine Rolle. Lorenz´ Mutter hatte seinerzeit auch Dialoge notiert, die sich aus Unterhaltungen zwischen ihren beiden dementen Eltern ergaben. „Im Umgang mit Demenzkranken läuft oft einiges schief“, so Lorenz. Wenn ihr dementer Großvater beispielsweise aus heiterem Himmel zu seiner pflegenden Tochter sagte, er brauche ein Ticket nach Moskau, reagierte diese mit der Ansage, gleich an den Flughafen zu fahren und eines zu kaufen. Viele pflegende Angehörige machen den Fehler, die wirren Gedanken der Betroffenen persönlich zu nehmen statt spielerisch darauf einzugehen. Lorenz hat auch ihre Eindrücke aus ihrer Besucherzeit im Pflegeheim der Großeltern verarbeitet. Die meisten Pflegekräfte kommen positiv davon, aber es gibt natürlich auch schwarze Schafe.

Oft hat Lorenz auf Internet-Plattformen den Austausch zwischen pflegenden Angehörigen verfolgt und sich gedacht: „Genau für die ist das Buch!“ Schade nur, dass die mittlerweile verstorbenen Großeltern den Roman nicht mehr lesen können. Sie wären sicher stolz auf ihre Enkeltochter gewesen. Wenn Lorenz nicht schreibt, widmet sich die diplomierte Kunsttherapeutin der Malerei oder arbeitet ehrenamtlich im Bad Wörishofer Rot-Kreuz-Laden. In ihrer neuen Wahlheimat Bad Wörishofen fühlt sich Lorenz pudelwohl: „Es ist kleiner als München, hat aber alles, was ich brauche – vor allem Ruhe.“ Auf die Frage, was sie pflegenden Angehörigen raten würde, sagt sie: „Sprecht darüber, tauscht euch aus, holt euch Hilfe!“

Das Buch ist auf den gängigen Plattformen im Internet erhältlich, aber auch im lokalen Buchhandel bei Bücher Thurn in Mindelheim, Bücherpunkt und Bücherstube Thiel in Bad Wörishofen.

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