Eine Hirtin, die Akzente gesetzt hat

Bad Wörishofen verabschiedet Pfarrerin Susanne Ohr

Pfarrerin Susanne Ohr verlässt Bad Wörishofen
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Pfarrerin Susanne Ohr verlässt Bad Wörishofen. Am Sonntag wurde sie verabschiedet.
  • vonOliver Sommer
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Bad Wörishofen – „Mal wieder improvisieren“, das war in der evangelischen Gemeinde Wörishofens zuletzt des Öfteren der Fall. So war es auch am Sonntag ein eher ungeplanter wenn auch fröhlicher Gottesdienst, als Pfarrerin Susanne Ohr verabschiedet wurde. Die Hauptperson selbst stellte dabei fest: „Improvisation schafft Platz für Wunder.“ 

Trotz des doch eher ungemütlichen Wetters hatte sich eine beachtliche Zahl an Gläubigen und Ehrengästen auf dem Vorplatz der Erlöserkirche eingefunden, um die langjährige Pfarrerin Susanne Ohr zu verabschieden. Ziemlich genau 14 Jahre, nachdem Ohr in Bad Wörishofen eine neue Heimat, eine neue Gemeinde und damit eine neue Aufgabe gefunden hatte, verlässt die mittlerweile 57-Jährige die Kneippstadt mit dem Ziel Oberallgäu. Genauer gesagt zieht es sie in die Pfarrei Fischen mit den Gemeinden Bolsterlang, Obermaiselstein, Balderschwang sowie Schöllang, Reichenbach, Rubi und Tiefenbach.

Ohr hatte sich für die beiden letzten Arbeitsjahre nochmals eine Veränderung gewünscht. Ihr katholischer Amtskollege, Stadtpfarrer Andreas Hartmann, meinte, es mache ihn traurig, auch wenn sie sich einen fröhlichen Abschied wünsche: „Liebe ­Susanne, ich hätte mir gut vorstellen können, mit dir noch weitere Jahre hier in Bad Wörishofen zusammenzuarbeiten.“ Es sei stets ein friedvolles, vor allem aber ein Zusammenarbeiten auf Augenhöhe gewesen.

Auch Stefan Welzel erinnerte an das Wirken der umtriebigen Pfarrerin in der Kneippstadt. „Sie haben viele, viele Spuren hinterlassen“, sagte der Bürgermeister. Als Pfarramtsführerin, als Kurseelsorgerin, als ausgewiesene Kneippfreundin und Expertin habe Ohr in Bad Wörishofen Akzente gesetzt. Nicht zuletzt deshalb sei klar gewesen, stellte Welzel fest, dass man die Pfarrerin nicht einfach so ziehen lassen könne, nachdem ein Gottesdienst in der Kirche angesichts der Corona-Auflagen nicht möglich war. Umso mehr freue er sich nun, dass man den Gottesdienst, die Feierstunde, wie es Welzel nannte, so schnell nach draußen habe verlegen und alles organisieren können. Und er wolle für das Geleistete, das „was Sie in den vergangenen Jahren bewirkt haben“, sich auch im Namen der politischen Gemeinde bedanken. Dabei würden die Titel wenig aussagen über das, was Susanne Ohr tatsächlich geleistet habe. Sie habe nicht nur eine Berufung, ein Amt, bekleidet, sie habe es auch gelebt, sagte Welzel.

Bei zufälligen Zusammentreffen und gemeinsamen Terminen, bei Geburtstagen etwa, sei immer wieder klar geworden, wie wichtig es sei für die Menschen in Bad Wörishofen, einen Halt und eine Ansprache zu haben. Eine Ansprache, so Welzel, die Susanne Ohr auf Grundlage ihres Glaubens weitergegeben habe. Es zeichne die Pfarrerin aus, dass sie auch das Thema Ökumene stets hochgehalten habe, befand Welzel. Sie habe die Menschen virtuell und in den Gottesdiensten, aber auch spirituell durch die Kneippstadt begleitet und dem einen oder anderen auch wieder gezeigt, was Glaube sei und darstelle. So wünschten die Stadt, die Bürger und auch er der Pfarrerin alles Gute für ihren weiteren Weg.

Aufbruch und Erwartung

Damit knüpfte Welzel indirekt an Dekan Christoph Schieder an, der zuvor schon die Pfarrerin von ihren Verpflichtungen entbunden hatte. Das Leben lebe vom Aufbruch, hatte Schieder gesagt und dabei an jenen Palmsonntag vor 14 Jahren erinnert, als Susanne Ohr in ihr Amt in Bad Wörishofen eingeführt worden war. „Aufbruch und Erwartung“, so habe das Gottesdienstthema damals gelautet. Und wenn sie nun aufbreche, dann sei es gut, wenn sie dies nicht allein tue. Davon jedenfalls würden die Texte erzählen, die für diesen Sonntag vorgegeben sind, den Hirtensonntag. Würde man nur ein paar 100 Kilometer weiter nördlich leben, so sagte Schieder, würde man nicht von der Pfarrerin sondern von der Pastorin Ohr sprechen, übersetzt nichts anderes als der Hirtin. Wobei man Susanne Ohr nicht als die den Stab schwingende und drohende Hirtin sehen dürfe, sondern vielmehr die weise Hirtin, die darauf achte, dass ihre Herde nicht in Abhängigkeit gerate. Sondern eine Herde, eine Kirchengemeinde bleibe, die in Freiheit und Selbstverantwortung die Gemeinde gestaltet.

Susanne Ohr habe das Amt der Pfarrerin vor 14 Jahren am 1. April übernommen und seitdem viele Menschen zusammengebracht. Nicht zusammengedrängt, eingepfercht, sondern jedem den ihm nötigen Raum gelassen. „Und Sie haben als Hirtin Brücken gebaut und Spaltungen überwunden und die Gemeindearbeit auf ganz unterschiedliche Art und Weise profiliert“, so Schieder.

Susanne Ohr habe der Gemeinde, als Ganzes, gut getan. Aber auch den einzelnen Menschen, vor allem durch ihre seelsorgerliche Arbeit, durch die Angebote und die Zusammenarbeit mit der Kommune und in der Ökumene, befand Schieder. Das sei eine ihrer Stärken gewesen: „Sie haben verknüpft, Menschen zueinander gebracht“, auch auf landeskirchlicher Ebene.

Schieder erinnerte an Literaturgottesdienste und das Landeskirchliche „F.i.t.-Projekt“. Mit einer Landessynode, die Ohr nach Wörishofen geholt hatte, sei sie dem demographischen Wandel begegnet und habe spirituelle Impulse in der Kirchenmusik gesetzt. Ein besonderes Augenmerk habe dabei den Kurgästen gegolten.

Und neben all diesem habe Ohr als Führerin des Pfarramtes auch den bürokratischen Alltag der Kirchengemeinde bewältigt und nebenbei auch noch ein paar große Bauprojekte gestemmt.

Das alles zeige, dass Susanne Ohr nicht nur eine gute, sondern auch eine fleißige, eine charmante, humorvolle und zuverlässige Hirtin sei. Deshalb lasse man sie auch im Dekanat nur ungern ziehen, bedauerte Schieder ihren Weggang. Um im Bild zu bleiben, schloss Schieder, verlasse Ohr nun die saftigen Wiesen an der Wertach und breche auf zu jenen an der Iller mit gespannter Erwartung auf die Aufgaben des „Menschenfischers“ in Fischen. Der Dekan wünschte Pfarrerin Ohr alles Gute für ihren neuen Wirkungsort als Hirtin – und dass ihr das Vertrauen, das Susanne Ohr in ihrer letzten Predigt in Bad Wörishofen angesprochen hatte, niemals abhandenkommen möge.

Auch die Pfarrer des Dekanates Memmingen, Vertreter der Hauptamtlichen in der Erlösergemeinde sowie der Kirchenrat Thomas Rossmerkel und Vertreter der katholischen Kirchen verabschiedeten sich von diesem „Glücksfall für die Erlöserkirche“, wie es der Vertrauensmann der Kirchengemeinde, Manfred Gittel, formuliert hatte.

Oliver Sommer

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