Behindertenkontaktgruppe Mindelheim-Bad Wörishofen feiert Jubiläum

Seit 40 Jahren unverzichtbar

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Im Rahmen eines Festaktes, mit vielen Ehrengästen, wurde im Forum Mindelheim gefeiert.

Mindelheim/Bad Wörishofen – Mit einem Gottesdienst und einer Feier mit zahlreichen Ehrengästen hat die Behindertenkontaktgruppe Mindelheim-Bad-Wörishofen ihr 40-jähriges Bestehen gefeiert. Die Redner, unter anderem auch der Behindertenbeauftragte des Bezirks Schwaben, würdigten die Arbeit der Gruppe im Verlauf der Jahrzehnte. Während man aber dabei sei, die Barrieren des Alltags niederzureißen, tue man sich mit denen in den Köpfen der Menschen aber noch etwas schwerer.

Es geht weiter, aber es geht anders weiter – diesen Satz zitierte Volkmar Thumser, der Behindertenbeauftragte des Bezirkes Schwaben. Und meinte damit, dass das Leben weitergehe, nach einem Schicksalsschlag, einem Unfall, einer Krankheit oder eine Behinderung. Für denjenigen, der im Rollstuhl sitzt, eben ein wenig anders, als für den, der Laufen kann. Und für denjenigen, der Morbus Down hat, eben auch ein stückweit anders, als für den „gesunden“ Menschen. Aber es geht weiter, in der Familie, auf Arbeit, in der Freizeit. Er habe sich im Vorfeld zu der Rede die Frage gestellt, „Was ist die Behindertenkontaktgruppe?“. Thumser, der seit 2013 Behindertenbeauftragte ist, gründete 1999 eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die am Down-Syndrom leiden. Und wie die von ihm gegründete Selbsthilfegruppe existiert die Behindertenkontaktgruppe aus einem Grund: man habe es mit einem Schicksalsschlag zu tun, hier von Geburt an, dort aufgrund des Alters, eines Unfalls oder einer Krankheit ebene, die dafür sorgt, dass das eigenen Leben aus der Bahn geworfen werde. Aber es gehe eben weiter, so Thumser. Und wie bei allen Selbsthilfegruppen stärke man sich gegenseitig mit Rat und Tat. 

Er habe eigentlich, so Thumser, der Kontaktgruppe um Monika Sirch, die seit diesem Frühjahr die Gruppe leitet, einige Tipps aus seiner Erfahrung mit auf den Weg geben wollen, habe dann aber festgestellt: „Sie machen das alles schon und richtig“. Die Kontaktgruppe habe eben Kontakt zu den örtlichen Vereinen, habe Patent und Kontakt zu Personen mit den entsprechenden beruflichen Positionen. Es sei allerdings ein langer Weg gewesen, bescheinigte Thumser der Kontaktgruppe, die, so vermutete der Augsburger, ähnliche Erfahrungen auch habe machen müssen: beim Arzt etwa die Frage, warum man denn keine Fruchtwasseruntersuchung habe machen lassen – das sei schon ein Tiefschlag in den Magen. Oder die Spottnamen, die man Menschen mit Einschränkungen, früher, nur zu gerne gegeben habe. 

Dass die Kontaktgruppe hier auf dem richtigen Weg ist, das bescheinigte der Schirmherr der Veranstaltung, Landrat Hans-Joachim Weirather Monika Sirch. „Sie machen das richtig gut“, so Weirather. Und mit Blick auf den Umstand, dass Sirch Mitarbeiterin im Landratsamt ist, fügte Weirather an. „Ich bin richtig stolz, dass sie bei uns arbeitet“. Mit ihrer Ausstrahlung und ihrer Kompetenz, Probleme zu lösen, schmücke ein Mitarbeiter wie Sirch jedes Unternehmen. Dass die Behindertenkontaktgruppe lebe und aktiv sei, merke er immer an den Postkarten, die ihn erreichten. Postkarten, unterzeichnet von zahlreichen Behinderten, die wieder gemeinsam einen Ausflug unternommen und dabei an die „daheim Gebliebenen“ gedacht hatten und deshalb Weirather, aber auch Dr. Winter, einen Gruß haben zukommen lassen. Diese Karte sei für ihn auch Ermunterung, einzustehen gegen jede Form der Ausgrenzung und dafür, dass man alle mitnehmen wolle und könne. Auch Stephan Winter lobte die Hilfe für die Betroffenen und meinte, die Kontaktgruppe sei ein unverzichtbarer weil kompetenter Ansprechpartner, „auch in schwierigen Situationen“. Was vor 40 Jahren Neuland gewesen sei, das die Gruppe, damals unter Rupert Kinatzer betreten hat, sei heute eine Selbstverständlichkeit. 

Damals habe es die Alternative Behindertenkontaktgruppe, nicht gegeben, damals war die einzige Lösung, einen behinderten Menschen in ein Heim zu bringen, erklärte anschließend der Wörishofer Bürgermeister Paul Gruschka, „Sie haben beweisen, dass sie es schaffen“. Gab es doch gerade am Anfang erhebliche Zweifel, ob die Selbsthilfegruppe würde durchhalten können. Die Gruppe aber lebe von den Menschen, insbesondere von der Person, die vorndran stehe und diese leite. Noch sei die Teilhabe nicht selbstverständlich, doch die Diskussion dürfe nicht nachlassen, auch wenn sich gerade die Finanzen als Barriere immer wieder auftäten. Doch wenn jeder dem anderen helfe, so Gruschka, dann helfen alle allen. 

Eine Anekdote aus der Anfangszeit, an die Rupert Kinatzer erinnerte, verdeutlichte, wie gerade dieses alle helfen allen, gemeint war. Dabei ging es um ein Ausflugsziel, das die neugegründete Gruppe besuchen wollte. Und war zunächst eine 70-jährige Rollstuhlfahrerin entschieden gegen den Besuch eines Fußballspieles, sei diese Dame in ihrem Alter noch zum Bayern-Fan geworden. Gemeinsam habe man dafür gesorgt, dass es allen in der Gemeinschaft gut gehe und sich alle hätten verwirklichen können. 

Auch vom Patenverein, der Behindertenkontaktgruppe Memmingen, war deren Vorsitzender Dieter Betke gekommen und sprach ebenso einige Worte wie auch die Ostallgäuer Landtagsabgeordnete Ilona Deckwerth, die schon durch ihre Arbeit als Sonderschulpädagogin Kontakt mit dem Förderzentrum in Mindelheim hatte. Sie erinnerte daran, dass auch die Arbeit bzw. das Recht auf Arbeit teilhabe bedeute. Ein Fakt, den auch Monika Sirch in ihre Betrachtungen hat einfließen lassen. Anlässlich des 40. Geburtstages gehe es nicht nur um eine Rückschau sondern auch den Blick in die Zukunft. Der Arbeitsmarkt sei härter, der Leistungsdruck wachse und auch die Lebenskosten stiegen an. Pflege müsse man sich leisten können, weiß sie, obschon vieles für Menschen mit Handicap einfacher werde. Doch gerade durch diese Normalität würde ein gewisser Stress im Status mittlerweile auch die Schwächsten erreichen. 

In der Gewissheit, dass vor allem die politisch Verantwortlichen auch weiterhin zu der Kontaktgruppe stehen und diese als Partner betrachten, konnten die Anwesenden zumindest für ein paar Stunden, vergnügt feiern und den Tag im Mindelheimer Forum so richtig genießen. 

von Oliver Sommer

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