Service-Center oder doch Möbellager?

Bekommt Stetten nun den Ersatz fürs umstrittene Service-Center in Kempten?

Lkw Stetten
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Wie eng es auf dem Schleifwegacker zugeht, zeigt dieses Foto: Einer der Brummis wartet, auf dem Gehweg stehend, bis der zweite die Engstelle passiert hat. Vor allem die Abzweigung vom Schleifwegacker in die Bahnhofstraße hat es in sich.
  • Marco Tobisch
    VonMarco Tobisch
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Stetten – Wird in Stetten wirklich nur ein Service-Center des österreichischen Möbelgiganten XXXLutz entstehen oder doch eher ein Ersatz für das mit Problemen behaftete Möbellager bei Kempten? Pläne, die der Wochen KURIER einsehen konnte, deuten eher auf Letzteres. Nachdem der Gemeinderat den Neubau quasi nur abgenickt hat, brodelt es in der fast 1.400 Einwohner zählenden Kommune. Nach der jüngsten Berichterstattung des Wochen KURIERS standen die Telefone nicht mehr still, seitens der Anrainer fühlt man sich vom Bürgermeister allein gelassen.

Die Pläne sind schon aufgrund der Größe beeindruckend: zwei Dutzend Ladebuchten an der Stirnseite der 125 Meter langen Halle, sechs mit Überladebrücken ausgestattet, davor haben die Bauzeichner 40-Tonner und Lieferlaster „abgestellt“. Die Reihe setzt sich fort mit weiteren fünf Stellplätzen, die für Müllpressen reserviert sind. In zwei Bauabschnitten will die österreichische Möbelkette XXXLutz fast 6.600 Quadratmeter Lagerfläche erschließen mit Dutzenden Hochregalreihen. Demgegenüber nimmt sich der Servicebereich klein aus. „55 Quadratmeter für die Werkstatt. Wo wollen denn die Möbel zusammenbauen?“, will Jürgen Lutz wissen.

Nur in Details verändert

Der Handwerksmeister mit seinem Elektrofachbetrieb ist einer der wenigen in Stetten, der die Pläne des Möbelriesen genauer kennt. Denn ursprünglich hätte die stählerne Seitenwand der Halle bis auf drei Meter an das Grundstück des Elektromeisters herangebaut werden sollen. Nur aufgrund des Brandschutzes musste die Halle nun bis auf 5,60 Meter von den kleinen Handwerksbetrieben und Firmen auf der Südseite des Schleifweg­ackers abgerückt werden. Seinerzeit bekam Lutz einen der Baupläne, die sich jetzt auch nur in Details geändert haben. So soll etwa auf der Westseite ein Lösch­wasserturm entstehen. Neben der kleinen Werkstatt gibt es noch einen Trockenraum und die Imprägnierung in dem über acht Meter hohen Gebäude, dazu wohl Büros und eben die Lagerfläche.

Gleich, als die Pläne bekannt wurden, regte sich Widerstand. Nun, nach der jüngsten Gemeinderatssitzung, standen die Telefone nicht mehr still. „Es brodelt in Stetten“, sagt Lutz und weiß nicht nur die gut zwei Dutzend Anwohner und Anrainer im Gewerbegebiet in seinem Widerstand hinter sich. Ursprünglich hatten auch die Gemeinderäte das Bauvorhaben abgelehnt.

Besser an der A96?

Gleich bei der ersten Bauanfrage verweigerten sich die Stettener Gemeinderäte, sagt Thomas Sturm, seit vergangenem Jahr selbst Gemeinderat. Da hieß es noch „Möbellager“ im Antrag, in der folgenden Sitzung dann stand das Service-Center zur Abstimmung, die XXXLutz mit einer Gegenstimme für sich entschied; in der dritten und jüngsten Abstimmung, wo es um die Tektur (reine Stahlbau- statt Stahlbetonbauweise) ging, verweigerten sich immerhin fünf Gemeinderäten dem Vorhaben, von dem Peter Holdenrieder sagt, es wäre besser im interkommunalen Gewerbegebiet nördlich der A96 aufgehoben; Holdenrieder hatte als erster gegen den Bauantrag votiert. Nur einer niemals aufgehobenen Ausnahmeregel ist es geschuldet, dass die mons­tröse Lagerhalle in dem kleingliedrigen Gewerbemischgebiet entstehen kann. Seinerzeit hatte man Hallen mit einer Seitenlänge von mehr als 50 Metern zugelassen, um die Ansiedlung des Dentallabors Freuding zu ermöglichen. Dessen 132 Meter lange Halle liegt aber nördlich des Schleifwegackers zur Bundesautobahn hin ausgerichtet, ebenso wie die der Firma BayPack mit der 150 Meter langen Betriebshalle. Südlich des Schleifwegackers, betont Jürgen Lutz, habe sich vor allem das Kleingewerbe angesiedelt, ein Motorrad- sowie ein Modellfachgeschäft und der Alex Kranservice, der eigens die Fahrzeughalle in Form eines Wohnhauses gebaut hat. Außerdem liegen hier noch zahlreiche Wohnhäuser und ein Landwirt – die alle nicht gehört wurden, als es um die Ansiedlung des Möbelriesen ging, weiß Jürgen Lutz.

„Wir wurden nicht gehört!“

Jürgen Lutz, Stetten

„Wir wurden nicht gehört“, sagt der Elektromeister. So fehlen etwa die Unterschriften der Nachbarn als Zustimmung zum Bauantrag. Dagegen unterschrieben die 24 im Gewerbegebiet Lebenden und Arbeitenden sofort, um ihre Ablehnung zu signalisieren. Dabei ist sich Lutz nicht sicher, ob man diese Unterschriftensammlung an die Möbelkette weitergeleitet hat. Nicht nur deshalb fühlt man sich seitens der Gemeinde und vor allem vom Bürgermeister allein gelassen. Denn Jürgen Lutz und seine Frau kennen die Problematik aus dem Gewerbegebiet in Durach und fürchten, wie die anderen Anrainer auch, massive Probleme auf sich zukommen.

Das beginnt schon beim Thema Lkw-Verkehr. Wer ein bisschen Zeit mitbringt, kann erleben, wie haarsträubend es auf dem Schleifwegacker und der Bahnhofstraße zugeht. Letztere darf eigentlich nicht durch Laster befahren werden, wobei ein Vertreter von XXXLutz bei einem Ortstermin aber deutlich gemacht hat, dass die LKW über eine der beiden Straßen das Lager anfahren und über die andere Straße wieder verlassen werden. Dabei sind beide für einen Begegnungsverkehr nicht ausgelegt, vor allem die 4,80 Meter breite Bahnhofsstraße ist viel zu schmal für Schwerverkehr. Auch fürchtet die Familie Lutz, dass die Lkw hier über Nacht parken und man Verhältnisse wie in Kempten bekommen werde. Schon jetzt weist die kleine Straße zahlreiche Schäden auf. Diese stammen noch aus der Zeit, als man an der Bahnstrecke gebaut hat und hier „nur“ Kipper fuhren. So moniert Lutz, dass ein Verkehrskonzept fehle für das Gewerbegebiet: Lediglich über eine Straße, noch dazu mit einer ordentlichen Steigung, gelangt der Lieferverkehr in das Areal, ebenso die Feuerwehr. Des Öfteren seien schon Laster an dieser Steigung im Winter hängengeblieben. Wie in Durach auch kommen hier Schulbusse entlang und Pendler müssen zum Zug. Doch auch auf dem Gelände selbst hat der Gemeinderat zahlreiche Ausnahmen gemacht für den Bauwerber, etwa bei der Ortsrandbegrünung.

Steuerzahler bevorzugen

Dabei könnte man den Möbelriesen problemlos ins Interkommunale Gewerbegebiet verlagern. „Die Gemeinde“, sagt Lutz, „soll dem Grundbesitzer das Areal abkaufen und mit einer Straße erschließen.“ Es gebe zahlreiche Handwerker und Betriebe, die hier ihren Betrieb ansiedeln würden oder den bestehenden Betrieb erweitern würden. Und die hier dann auch Gewerbe- und andere Steuern zahlen würden. Allein, sie können keinen Grund mehr erwerben. Eine umfassende Information der Bürger ist bislang, so die Auskunft des Bürgermeisters, allerdings an Corona gescheitert.

Oliver Sommer

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